The broken voice of England

David Bowie David Bowie hat nicht mein Leben geprägt wie kein anderer, und ich weiß auch nicht viel über ihn. Aber er war gelegentlich da, und das fühlte sich gelegentlich gut an.
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2016 geht dann auch mal zu Ende, und wer nicht aufpasst, landet heuer in einer der Abgesangshows, bei denen der Wir-trauern-um-…-Teil besonders viel Raum einnehmen dürfte. In der Tat. Der final curtain fiel in diesem Jahr reichlich oft. Manfred Krug, Gene Wilder, einige auch von der De-mortuis-nil-nisi-bene-Fraktion, über die ich jetzt natürlich nichts sage (was ich ja auch schon gesagt habe). Und David Bowie, the broken voice of England. Sound meiner Jugend? Stimme meiner Adoleszenz? Nun – jedenfalls: Stimme.

In meiner Schulzeit waren die wichtigen Schlachten - Pop vs. Rock vs. Schweinerock vs. Punk vs. Rap - bereits geschlagen. Zwar kann ich mich im Einzelnen nicht mehr an unsere Schulhofdebatten erinnern. Ich weiß nur noch, dass sie sehr engagiert waren, und dass es immer um richtigen und um falschen Pop ging, was in Zeiten, in denen das Gegensatzpaar „Underground vs. Mainstream“ gerade frisch ausgedient hatte, vielleicht verwundert – andererseits dürfte gerade der noch frische Antagonismusverlust, samt scheinbarer Kriterienlosigkeit, unsere Auseinandersetzungen eher befeuert haben: Je diffuser der Diskurskern, desto flügelschlagender ihr Verlauf, lautet hier wahrscheinlich das Gesetz.

Ich hatte in diesen Debatten eine etwas merkwürdige Position, nämlich eigentlich gar keine. Stattdessen ein absolutes Gehör. Nun ist eine musikalische Inselbegabung nicht nur eine besonders unangenehme Form von Elternerwartungserzeugungsbegabung, die weit über das standarttraumatische „spiel Tante Klara doch mal die `Träumerei´ vor“ hinausgeht (und bei mir auch zuverlässig zu dem führte, wozu Elternerwartungen halt da sind: Elternenttäuschungen), sondern bekanntlich auch eine Erschwernis für das, was man gemeinhin als Popsozialisation bezeichnet: Das Gutfinden der richtigen Musik zur richtigen Zeit (wo nicht gar: dieser immer eine Millisekunde voraus) war meine Sache nicht. Und wenn es um stilsicheres Befinden innerhalb der wie gesagt ungebrochen rigide geführten Distinktionsschlachten, oder um die Kunst des Das-geht-gar-nicht-Bescheidstoßens ging, war ich bestenfalls vier plus. Immer irgendwie halbseitig gelähmt.

Sicher, die Zeiten waren friedlich, die Schule lag mitten im Wald, zum Ausbürsten von Klos wurden ausschließlich Klobürsten verwendet und nicht kleine Kinder, die Beethoven irgendwie eine Spur superber fanden als, sagen wir, Tocotronic oder Madonna, aber Unversehrtheit ist ja auch nur die eine Seite.

Die Methoden, mich zu bekehren, waren eher werbend (woran sich jeder Kreationist ein Beispiel nehmen sollte), wenn auch irgendwie aufs Falsche zielend: ich solle doch die alten Sachen von Pink Floyd hören, die dort dargebotenen Stücke seien auch lang. Nun, erwiderte ich listig, „Länge ist nicht alles“, aber permissives Rumgewitzel hilft halt auch nicht immer, und so fügte ich an, Länge bedeute ja nicht, dass das Material auch „durchgearbeitet“ sei, und dass in der puren Ausdehnung musikalisch gestalteter Zeit eine Reflektion auf dessen objektiven Stand sich vollziehe. Spätestens für diesen Adornismus zur falschen Zeit am falschen Ort im falschen Leben hätte man mit mir eigentlich mal den Toilettentrakt durchwischen sollen.

Avancierter waren allerdings sowieso die, die „lange“, irgendwie kunstvolle Popstücke als „Mittelstandsdreck“ bezeichneten, was mich aber erst recht verwirrte, denn die Musik, die sie hörten und die die Grundlage für ihre Kunst der gehobenen Abkanzelung war, war auf eine Art unambitioniert, die mich oftmals ratlos machte. Ich fragte nach. Bzw. maulte rum („so richtig viel passiert da ja nicht, musikalisch gesehen“), und mir wurde Bescheid gestoßen: Ich solle mit diesem Quintenzirkelscheiß aufhören. Das Interessante fange genau da an, wo die – buchstäblich beschränkte - Analyse der musikalischen Parameter aufhöre.

Popmusik, so finalisierte ich seinerzeit etwas unlustig, war eine Art Blackbox, in sich nicht weiter zu untersuchen, und von Begriffen wie „Dur“, „Moll“ oder „Subdominantenparallele“ offenbar zwingend zu verschonen. Popmusik war Popmusik minus Musik. Den Regeln der Subtraktion nach also Pop, was dann auch wieder wenig erhellend ist. Wahrscheinlich war der Mathematikscheiß ebenso wenig zielführend wie der Quintenzirkelscheiß. Trotzdem versuchte ich guten Mutes zu bleiben und zu verstehen. Wer dem jeweils Angesagten aufmerksam hinterherstolpert, der bleibt wenigstens in Bewegung, und das ist allemal besser als der Checkersound, der die Diskurslage im Pop(journalismus dann später) ja nicht unerheblich beherrscht. - Sagte ich mir und versuchte dran zu glauben.

Und dann gab es, irgendwie im Hintergrund, und immer mal wieder auch davor, jemanden, auf den man sich relativ problemlos einigen konnte, der zu meinen Schulzeiten bereits als „Legende“ galt: David Bowie.

Immer schon da gewesen, und, was vielleicht auch nicht unangenehm ist, zwischendurch auch immer mal weg. D.h. die Wechsel, die ihm gemeinhin nachgerühmt werden, schlossen immer auch Pausen und Jahre der Verschonung mit ein. Und jedes Mal kam er wieder, als jemand anders, in einer neuen Rolle. Vielleicht war er ja der Erfinder des Sich-immer-wieder-neu-Erfindens. Er ging mit der Zeit, zumeist ein bisschen vorne weg, aber immer in Rufweite verbleibend. Und nie war er zu schnell für seine Nachahmer und Nachfolger, als wäre er sich stets bewusst, dass seine Ausnahmeerscheinung sich erst durch die Nachbeben soziokulturell verfestigt, die er auslöst und die er darum gerne gelten lässt.

Er leuchtete irgendwie allen ein. Er war das zarte und vielleicht stabilste Band zwischen den Beethoverianern und der Pop-Fraktion.

Vox humana

Wer über David Bowie redet, darf nicht von seiner Stimme schweigen.

Oder muss er? Ist auch sie eine „Verschlusssache“? Teil eines Ganzen, das nur als unaufgelöstes Ganzes diskursfähig, weil Sozialleben geworden ist? Nichts weiter als eine Art Zusatzparameter, also ein unzerlegt bleiben müssender Kumpel von Rhythmus, Melodie, Harmonik? Geht halt nicht ohne, ist aber kein Grund, drüber zu reden, damit Zeit fürs Eigentliche bleibt?

Überraschenderweise zeigte man sich gnädig. Die Stimme, ja, in der Tat, die war phänomenal. Auf eine Art „ungehört“, die einen fast wieder an die Weiterschreitkunst der Adornoiten glauben lassen könnte. Diese unglaubliche, brüchige Stimme, mit der er an den ansonsten zumeist griffigen, gut in der (Klavier-)Hand liegenden Popakkorden – man muss schon sagen -: entlang sang. Und sie kennzeichnete sein Werk – auch für die, die das Gesamtkunstwerk „David Bowie“ wichtiger nahmen als die jeweiligen „Einzelkunstwerke“ und die Art und Weise, wie sie (musikalisch) zustande kamen. Sie war vielleicht sogar das einzige Kontinuierliche in seinem auf Diskontinuierlichkeit angelegten Glamourleben.

Aber genau deshalb taugt sie nicht zur Einzelwerkanalyse; ist mehr Teil der Persönlichkeit als der Musik. Wie eine zusätzliche, akustische, basso-continuo-artige Bestätigung für seine ansonsten mehr optisch angelegte unscharfe, undeutliche Erscheinung; seine offensiv androgyne Ambivalenz. Nicht einen einzigen Ton zu „treffen“ ist demnach quasi Methode. Bzw. missed by nature. Buchstäblicher Ausdruck einer grundsätzlichen Danebenheit, und ich hatte nur nicht kapiert, dass ich popkulturell mal was kapiert hatte: David Bowie, das Gesamtkunstwerk; die einzigartig ausgelobte, solitäre Kombination von Gefälligkeit und Distanz zu ihr; diese unverwechselbare, dabei stilbildende, nicht glamournegierende Danebenheit. Mittendrin und Nur-dabei bedingen sich gegenseitig auf engstem Raum: denn es ist natürlich ein Unterschied, ob man mit hochgestelltem Mantelkragen durch die norddeutsche Tiefebene flaniert oder an der Themse entlang, auf Rufdistanz mit dem Nabel der Pop-Welt. So ist auch die Stimme dem „eigentlich Gemeinten“ immer noch hinreichend benachbart; nie würde sie das Oberstimmenkontinuum verlassen und solo auf Achse gehen - aber sie ist eben auch nicht punktgenaue Begleitung.

Mit seiner Stimme ist es vielleicht wie mit seinen Zähnen, die jedem rumänischen Grafen zur Ehre gereicht hätten und wie mit dem Video zu „Heroes“; an das ich mich vage zu erinnern glaube (hier als Bild): Der seltsam an seiner eigenen Musik unbeteiligte, an die Mauer gelehnte, windschiefe, wie dürr gekokste Typ, Fluppe im Maul. Das gequälte, ausgemergelte Gesicht; die Musik spielt, macht ihr Gute-Laune-Ding, der Abgeschlaffte steht daneben, buchstäblich neben sich, und hört es sich an, singt ein bisschen mit, aber nicht wie jemand, der seine Musik performt, sondern eher wie jemand, der das Lied schon mal irgendwo gehört hat, und dann bewegt man halt mal im Takt die Lippen, und das ist nun mal mit Geräuschen verbunden. Und man möchte sofort ins Berlin der 70er: abgewrackt, aber sexy.

Am 10. Januar 2016 verstarb David Bowie im Alter von neunundsechzig Jahren in New York.

13:49 16.12.2016
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Niklas Buhmann

Selbstironie ist die schlechteste aller Umgangsformen mit dem durch sämtliche Kränkungen zersetzten "Ich" - abgesehen von allen anderen.
Niklas Buhmann

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