Nil

Die gegenwärtige Krise ist in Wirklichkeit eine Krise der Wahrnehmung
Nil
RE: Buchvorstellung: Integrale Meditation | 04.11.2018 | 15:53

Zur Lage der Welt

Ken Wilber

Aus: Harnessing the Power of Evolutionary Dynamics, März 2018

Ein Wunsch

Was ich mir im Hinblick auf die Welt selber wünsche, und was ich auch meinen Lesern empfehle, ist, in einfachen Worten, integral entwickelt zu sein. Ich möchte, mit anderen Worten, so weit wie möglich entwickelt sein in Quadranten, Ebenen, Linien, Typen und Zuständen, das heißt wiederum, so unmittelbar wie möglich in Kontakt sein mit den grundlegenden Dimensionen menschlicher Existenz. Das ist sehr viel schwieriger als es sich anhört, weil unser kultureller Hintergrund so gut wie keine Informationen hinsichtlich dieser grundlegenden Dimensionen zur Verfügung stellt. Nehmen wir beispielsweise die Quadranten, Ebenen, Linien, Zustände und Typen, als einige der grundlegendsten Elemente, und es gibt noch etliche mehr, doch das sind die, welche ich im Wesentlichen auf der integralen Meta-Landkarte präsentiere. Mit der Ausnahme der Typen sind alle anderen Dimensionen in unserer Kultur praktisch unbekannt. Es sind die grundlegendsten Elemente unserer Existenz, doch sogar Universitätsprofessoren sind sie unbekannt. Die Quadranten und deren miteinander Erscheinen sind so gut wie unbekannt, obwohl sie entscheidend für unsere Existenz sind. Die meisten akademischen Disziplinen konzentrieren sich auf einen einzigen der Quadranten und ignorieren alle anderen. Der wissenschaftliche Materialismus beispielsweise, als die am meisten verbreitete Philosophie im modernen Westen, erkennt nur den oberen rechten Quadranten als real an. Was die Ebenen betrifft, ist selbst den meisten Universitätsprofessoren nicht bewusst, dass es Ebenen des Wachstums gibt, durch die sich jeder Mensch hindurchentwickelt oder hindurchentwickeln kann. Anstatt diese unterschiedlichen Wellen des Bewusstseins zu verstehen, verwickeln wir uns in Kulturkriege dieser Ebenen und ihrer unterschiedlichen Werte gegeneinander. Das betrifft speziell die Auseinandersetzung zwischen den Ebenen der traditionellen Fundamentalisten, der Modernen und der Postmodernen. Sie kämpfen gegeneinander anstatt zu verstehen, dass wir uns alle auf unserem Wachstumsweg durch sie hindurch entwickeln. Ähnliches gilt für die Entwicklungslinien als unsere unterschiedlichen Intelligenzen. Einige kennen den Begriff multiple Intelligenz, doch was sich tatsächlich dahinter verbirgt, ist oft nicht bekannt. Unser Bildungs- und Erziehungssystemen ist nach wie vor lediglich auf die Entwicklung von zwei dieser Linien ausgerichtet, und zwar unsere kognitive Intelligenz und unsere sprachliche Intelligenz. Alle anderen Linien, einschließlich emotionaler, ästhetischer, interpersoneller, kinästhetisch-körperlicher, moralischer und spiritueller Intelligenz, sind kaum bekannt und werden daher auch nicht unterrichtet. Dies alleine wäre schon ein großer kultureller Fortschritt. Und was Zustände betrifft, wie zum Beispiel Bewusstseinszustände, auch diese sind weitgehend unbekannt und das ist eine Katastrophe. Es gibt in unseren Religionen so gut wie kein Verständnis darüber, was ein letztendlich erwachter Zustand ist, was Erleuchtung ist, oder Satori, Moksha, Selbstverwirklichung. Wir wissen nicht, dass die Zustände, in denen wir uns ganz überwiegend befinden, nur sehr bruchstückhaft und begrenzt sind. Die Vorstellung, dass es ein Aufwachen gibt zu unserem wahren Selbst, zu unserer höchsten Identität, zum Seinsgrund, das ist weitestgehend unbekannt. Dieser erwachte Seinszustand ist das Herzstück aller spirituellen Systeme der Welt und doch irren die meisten von uns ohne Kenntnis dessen herum, gefangen in der Welt relativer Wirklichkeit, unempfänglich für das, was darüber hinausgeht, verlorenen in Träumen und Illusionen.

Der integrale Rahmen gibt uns einen Überblick über diese ganz entscheidenden und grundlegenden Dimensionen unserer Existenz, doch dazu müssen wir uns ihrer erst einmal so bewusst wie möglich werden. Das ist eines meiner Lebensziele – glücklicher zu werden, bewusster zu werden, weiser zu werden, freier zu werden, und es ist auch etwas, was man sich für die Gesellschaft als Ganzes wünscht, dieses Wissen in sich aufzunehmen. Davon sind wir sehr weit entfernt und so bleiben auch unsere Probleme und Konflikte ungelöst. Alle unsere technischen und technologischen Fortschritte führen so auch zu keinen Lösungen, sondern verstärken unserer Fragmentierungen und Isolationen. Mit der Erfindung des Internets wurde dieses als die große vereinigende der Kraft und als ein Heilmittel gepriesen, als ein „globales Gehirn“ für mehr Menschlichkeit und Verständnis untereinander. Doch der Zustand der Fragmentierung und Polarisierung in den Kulturen, in denen das Internet dann Fuß fasste, wurde dadurch noch verstärkt und verschlimmert. Die Menschen isolierten sich in Echokammern, und so wurden die Unterschiede und das Gegeneinander noch verstärkt. Wir befinden uns gleichzeitig auf der höchsten technologischen Stufe der Menschheit und im Zustand einer höchsten Isolation und Fragmentierung. Globale Erwärmung, ein wiederauflebendes Stammesbewusstsein, die Wiederbelebung atomaren Wettrüstens, eine wachsende Ungleichheit der Vermögensverteilung und beim Einkommen und sogar eine sinkende Lebenserwartung – die Lebenserwartung in den USA ist in den letzten zwei Jahren zurückgegangen. Keines dieser Themen kann ohne eine integrale Herangehensweise verstanden oder gelöst werden. Ich bin froh, dass die Anzahl der Menschen, die sich bemühen eine integrale Metaperspektive einzunehmen, zunimmt. Das wird einen positiven Einfluss auf die zukünftige Entwicklung haben.

Ko-Kreation, etwas beitragen

Wie kann man etwas beitragen kann, im Sinne einer Ko-Kreation? Ko-Kreation lässt sich auf zweierlei Weisen verstehen, als eine horizontale und eine vertikale Ko-Kreation. Die horizontal Variante ist am meisten verbreitet, auf allen Entwicklungsstufen. Sie ist das, was Whitehead meinte, als er sagte, dass jeder Augenblick als ein Subjekt der Erfahrung ins Sein tritt, und dass dieses gegenwärtige Subjekt das vorangegangene Subjekt fühlt oder wahrnimmt und es so zu einem Objekt macht, zu einem Objekt des Gewahrseins. Das Subjekt dieses Augenblicks wird zu einem Objekt des Subjektes des nächsten Augenblicks – als ein Einfluss der Vergangenheit auf die Gegenwart. Wenn das alles wäre, was in der Welt geschieht, dann wäre die Welt vollständig deterministisch. Doch Whitehead fügt noch hinzu, dass der gegenwärtige Augenblick nicht nur den gerade vergangenen Augenblick wahrnimmt oder fühlt, sondern auch noch ein Stück Neuheit oder Kreativität hinzufügt. Der gegenwärtige Augenblick transzendiert und bewahrt den vorangegangenen Augenblick. Das Bewahren und Aufnehmen ist das Wahrnehmen, das darüber Hinausgehen ist die Neuheit und Kreativität, welche hinzugefügt wird. Diese Hinzufügung ist eine Neuschöpfung und Formung, eine Ko-Kreation, und das ereignet sich von Augenblick zu Augenblick, in einem andauernden Strom von Ko-Kreation. Aus diesem Grund unterscheidet sich dieser Augenblick von seinem Vorgänger. Diese Dynamik liegt der Entfaltung des Universums zugrunde und erklärt, warum es Entwicklung gibt. Dabei geschieht es immer wieder, dass die Neuheiten, das Transzendierende, zu einer größeren Kreation zusammenfinden, zu einer neuen Art von Wirklichkeit, einer Emergenz. Dies ist dann keine der üblicherweise stattfinden horizontalen Formen von Kreativität, an denen jedes Holon beteiligt ist – hier haben wir es mit einer tiefgreifenden vertikalen Kreativität zu tun. Die findet beispielsweise statt, wenn Quarks sich zu Atomen zusammenfinden, Atome zu Molekülen werden und diese in einer Zelle zusammenkommen – und weiter zu Organismen, bis hin zum gesamten Lebensbaum, mit bedeutenden Emergenzen und Wirklichkeiten auf jeder neuen Stufe. Evolutionsbiologen schätzen, dass es seit dem Urknall 640.000 von kleineren Transformationen gegeben hat, was wir hier als horizontale Ko-Kreationen bezeichnen, und dass es 20 – 100 Haupttransformationen gegeben hat, als vertikale Ko-Kreationen. Von diesen wird etwas völlig Neues in die Wirklichkeit gebracht. Was den Menschen betrifft, so nimmt dieser bereits mit seiner Empfängnis an einer vertikalen Ko-Kreation teil. Befindet sich ein Mensch jedoch in seiner Entwicklung an der Spitze einer evolutionären Entwicklung, dann nimmt dieser Mensch nicht nur an der horizontalen, sondern auch an der vertikalen Ko-Kreation teil, welche sich hier ereignet. Hier entstehen neue Bewusstseinsstrukturen auf dem weiteren evolutionären Weg und an dieser Entstehung wirken diese Menschen mit. Dies sind Strukturen, die dann, nach ihrer Verfestigung, maßgebend sind für alle zukünftigen Generationen, hier kann man wirklich Geschichte schreiben. Daher: Achte auf das was du denkst, fühlst und wie du dich verhältst.

RE: Buchvorstellung: Integrale Meditation | 04.11.2018 | 10:50

Eine neue ökonomische Theorie und Praxis

Aus: Ken Wilber, Trump and a Post-Truth World, 2017

Auch wenn die Analyse darüber für jede der Entwicklungsebenen ein ganzes Buch benötigt, so wäre – für eine moderne Ökonomie – die Idee eines jährlichen garantierten Einkommens ein guter Beginn. Die Welt bewegt sich technologisch hin zu einer wahrhaft utopischen und für Menschen arbeitsfreien Situation, in der jedem Menschen die (materiellen) Grundlagen für ein gutes Leben zur Verfügung gestellt werden, und je früher das geschieht, desto besser. Dies erfordert jedoch eine gründliche Überarbeitung sowohl der ökonomischen Theorien als auch der ökonomischen Praxis.

Ein Problem der heutigen ökonomischen Theorien ist, dass diese im Wesentlichen den wissenschaftlichen Materialismus des 18. und 19. Jahrhunderts zum Zeitpunkt ihres Entstehens reflektieren. Sie verfolgen lediglich äußere Bewegungen von Geld und Wohlstand, und beschäftigen sich nicht mit dem Inneren, d.h. mit Bewusstsein und Kultur. Das Problem bei Geld ist, dass es so gut wie jedes der Artefakte der äußeren rechtsseitigen Quadranten (materielle, physische Dinge) kaufen kann, doch es kann so gut wie nichts von den inneren linksseitigen Quadranten kaufen (Bewusstheit, Liebe, Fürsorge, Mitgefühl, Intelligenz, Werte, Bedeutung, Zweck, Vision, Motivation, Spiritualität, emotionale Güter, mentale Ideen). Bei der Kalkulation des Bruttoinlandsprodukts, was oft als der Indikator des Gesamterfolgs individuellen Lebens herangezogen wird, wird keines dieser wirklich wichtigen Dinge berücksichtigt. Mittlerweile nimmt die Unzufriedenheit darüber zu, dass Dinge wie ein sich Kümmern, Elternschaft oder Familien- und Beziehungswerte oder Lebenswerte überhaupt keine Berücksichtigung finden (und das ist erst der Anfang einer wirklich integralen Inventur all der Dinge, die nicht berücksichtigt werden). Wenn wir uns dazu entschließen, dass eine Gesellschaft alle wesentlichen Dinge, die ein erfülltes Leben ausmachen, zur Verfügung stellen sollte – und wenn wir Theorien und Modelle und Statistiken haben, die darüber Aussagen treffen können – um welche Dinge und Elemente genau geht es dabei?

Mit der Verlängerung der menschlichen Lebensspanne über 100 Lebensjahre hinaus stellt sich auch die Frage, was Menschen tun, wenn sie nicht mehr arbeiten müssen. Darauf muss jede Kultur befriedigende Antworten finden, wenn sie nicht in einer Katastrophe enden möchte. Meine Antwort darauf ist folgende: Wenn die Menschen mit den Gütern der rechtsseitigen Quadranten versorgt sind, was bleibt immer noch zu wünschen übrig, speziell wenn sie über 100 Jahre alt werden? Was können sie mit all dieser Zeit anfangen? Die Antwort darauf ist, sie wenden ihre Aufmerksamkeit von der äußeren Welt hin zur inneren Welt und deren praktisch unbegrenzten Horizonten, sie erforschen und schmecken die Güter der linksseitigen Quadranten. Das bedeutet, dass jede Gesellschaft, in der Menschen 100 Jahre oder länger leben, sich mit den vielen inneren Ebenen und Zuständen des Bewusstseins beschäftigen und diese verfügbar machen muss, sodass Menschen dort Zugang finden und ihr Leben auf eine atemberaubende Weise durch mehr Bewusstheit, Glückseligkeit, Liebe, Mitgefühl und Freude bereichern können.