Ethik ist wichtiger als Religionen

Mitgefuehl Aus dem Buch: Der Appell des Dalai Lama an die Welt, Ethik ist wichtiger als Religion. Fuenfte Auflage 2015, Red Bull Media Hous GmbH (erschienen in allen Weltsprachen)
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Aus dem Vorwort

"ICH KENNE KEINE FEINDE"

"Es gibt nur Menschen, die ich noch nicht kennengelernt habe". Und: "Von seinen Feinden kann man am meissten lernen. In einem gewissen Sinne sind sie unsere besten Lehrer". So weise und gleichzeitig realistisch spricht der wohl prominenteste und zugleich auch einer der aeltesten Fluechtlinge der Welt nach 56 Jahren im indischen Exil. Obwohl er seit 1959 ausserhalbt seiner von China besetzten Heimat leben muss, hegt er keinen Hass gegenueber Chinesen und gegenueber den chinesischen Fuehrern. Im Gegenteil. "Selbstverstaendlich bete ich auch fuer die kommunistischen Fuehrer in Peking", sagte er, der sich selbst manchmal einen "kommunistischen Buddhisten" oder einen "buddhistischen Kummunisten" nennt, und fuegt lachend hinzu: "In Europa wuerde ich die Gruenen waehlen, weil die Umweltproblematik unsere Ueberlebensfrage ist."

Heute sagt er fuer einen Religionsfuehrer Einmaliges: "Ethik ist wichtiger als Religion. Wir kommen nicht als Mitglied einer bestimmten Religion auf die Welt. Aber Ethik ist uns angeboren". Immer haeufiger spricht er bei seinen weltweiten Vortraegen ueber eine "saekulare Ethik jenseits aller Religionen". Albert Schweitzer nannte das selbe Anliegen "Ehrfurcht vor allem Leben".

Diese saekulare Ethik des Dalai Lama sprengt nationale, religioese und kulturelle Grenzen und skizziert Werte, die allen Menschen angeboren und allgemein verbindlich sind. Das sind nicht aeussere, materielle Werte, sondern innere Werte wie Achtsamkeit, Mitgefuehl, Geistesschulung sowie das streben nach Glueck. "Wenn wir selbst gluecklich sein wollen, sollten wir Mitgefuehl ueben, und wenn wir wollen, dass andere gluecklich sind, sollten wir ebenfalls Mitgefuehl ueben", sagt der Dalai Lama. In unserem Streben nach Glueck und unserem Wunsch, Leid zu vermeiden, sind sich alle Menschen gleich. Daraus resultieren die groessten Errungenschaften der Menschheit. Dashalb sollten wir uns beeilen damit anzufangen, auf der Grundlage einer Identitaet zu denken und zu handeln, die in den Worten "wir Menschen" wurzelt.

Kriege im Nahen Osten und in der Ukranine, in Somalia und Nordafrika, ueber 20 Millionen Fluechtlinge weltweit, Buergerkriege in Nigeria und in Afganistan, der Klimawandel und die Umweltkrise, die globale Finanzkrise und der Welthunger: Der Dalai Lama meint, dass wir ohne eine saekulare Ethik all diese Probleme nicht loesen koennen. Was der Dalai Lama dabei vorschlaegt, ist eine Revolution der Empathie und des Mitgefuehls- eine Revolution aller bisherigen Revolutionen. Ohne Empathie und Mitgefuehl haette die Evolution gar nicht stattgefunden. Erschuettert ueber den islamistischen Terror, sagte der Dalai Lama im Januar 2015: "Ich denke an manchen Tagen, dass es besser waere, wenn wir gar keine Religionen mehr haetten. Alle Religionen und alle heiligen Schriften bergen ein Gewaltpotenzial in sich. Deshalbt brauchen wir eine saekulare Ethik jenseits aller Religionen. In den Schulen ist Ethik-Unterricht wichtiger als Religionunterricht. Warum? Weil zum Ueberleben der Menschheit das Bewusstsein des Gemeinsamen wichtiger ist als das staendige Hervorheben des Trennenden."

Ich bin sehr beeindruckt von den klaren, liebevollen und erkenntnisreichen Worten des Dalai Lama und moechte an dieser Stelle eine Empfehlung zum weiter lesen an interessierte Leser aussprechen und wuensche der Menschheitlichkeit ein gutes, schoenes, wahreres und friedlicheres neues Jahr.

17:30 06.01.2016
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Geschrieben von

Nil

Die gegenwärtige Krise ist in Wirklichkeit eine Krise der Wahrnehmung
Nil

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