Betrogener Betrüger

Russland In Büchern, Reportagen und Talkshows wird fortlaufend versucht Wladimir Putin zu „verstehen“. Dabei reicht vielleicht ein Blick in die Literaturwissenschaft
Nils Markwardt | Ausgabe 07/2016 139
Betrogener Betrüger
Putin in Pose: Der Trickster firmiert als Verwandler

Foto: Alexey Druzhinin/AFP/Getty Images

Unser Bedürfnis, Wladimir Putin zu „verstehen“, ist zu einer Art medialen Einfühlindustrie avanciert. Jener Wille zum Wissen, was den russischen Präsidenten antreibt, nicht zuletzt in Syrien, beschäftigt Bücher, Reportagen und Talkshows. Derart, dass man vermuten könnte, Gabriele Krone-Schmalz campt mittlerweile schon in der Nähe der ARD-Studios. Wobei sich im Zuge dieser neuen Kreml-Astrologie freilich auch viel Wissenswertes offenbart. Etwa in dem jüngst erschienenen Buch In Putins Kopf – Die Philosophie eines lupenreinen Demokraten, worin der französische Philosoph Michel Eltchaninoff darlegt, wie Putins Denken von ultrakonservativen Theoretikern à la Iwan Iljin oder Alexander Dugin geprägt wurde. Man kann sich dem russischen Staatschef aber auch anders nähern, mithilfe der Literaturwissenschaft. Ihr Vorteil, zugespitzt gesagt: Sie kennt keine Moral. Wollte man das Werk des Marquis de Sade oder Shakespeares entlang ethischer Kriterien abklopfen, brächte das genauso wenig Erkenntnis, als wenn man bei Donald Trump oder Baschar al-Assad nur nach Werten, nicht aber nach Interessen fragte.

Literaturwissenschaftler denken nicht in Normen, sondern in Handlungslogiken. Der literaturwissenschaftliche Blick erkennt in Wladimir Putins Auftritten dementsprechend eine archetypische Figur der Literatur: den Trickster. Diese vielgesichtige Gestalt, die man etwa in Shakespeares Jago, in Goethes Reineke Fuchs oder in Brechts Baal erkennen kann, taucht bereits in einer Unzahl von Mythen auf. Eine klassische Charakterisierung stammt deshalb aus einer Studie Carl Gustav Jungs, Karl Kerényis und Paul Radins. Wie ambivalent diese Figur ist, erkennt man schon daran, dass Jung und Kollegen den Trickster, also den „Gauner“, mit „Schelm“ übersetzten. Er erscheint weder einfach gut noch böse, sondern in „derselben Zeit Schöpfer und Zerstörer, spendend und verweigernd, ist er der Betrüger, der selber immer betrogen wird“.

Der Trickster firmiert als Verwandler, der in wechselnden Kostümen auftritt. Dabei bewegt er sich stets an der Grenze des Systems, ist nie vollständig ein-, aber auch nicht ganz ausgeschlossen. Oder wie der Literaturwissenschaftler Peter von Matt sagt: „Er ist erwachsen und doch radikal infantil, infantil im Sinne des Vor-jeder-Ordnung-Stehens.“ Und nicht zuletzt dadurch, ist er es, der die Dinge gleichermaßen verunklart wie verändert.

Findet man also in Putin nicht ebenfalls einen skrupellosen Verkleidungskünstler, einen zynischen Karnevalisten, der mal als Jäger, Eishockeyspieler, Taucher, aber auch Gänsetrainer auftritt, der in Reden auf Kants Ewigen Frieden rekurriert und sich als Vorkämpfer des Antifaschismus inszeniert, gleichzeitig aber Aleppo in die Steinzeit bombt und den Front National finanziert? Zeigt sich in ihm nicht jener betrogene Betrüger, der die NATO-Osterweiterung geißelte und kurz darauf mit einem Lächeln erklärte, dass es keine russischen Soldaten auf der Krim gebe? Ist er nicht der, mit dem westliche Politiker nichts zu tun haben wollen, wohl wissend, dass es ohne ihn nicht geht? Und ist er nicht, last but not least, der, der die geopolitische Ordnung verschiebt und deshalb aus den Reihen der Linken und der AfD Applaus kriegt? Sollte es so sein, erklärte das zumindest, warum in Talkshows zum Thema Putin stets so wenig herauskommt. Eine weitere Eigenschaft des Tricksters besteht darin, dass man schlicht nicht weiß, was er als Nächstes tut.

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06:00 19.02.2016
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