Der kalte Wind des Kapitals

Euro-Orakel Weil der Unternehmer Ernst-Wilhelm Händler zwei der besten Wirtschaftsromane der Gegenwart geschrieben hat, wird der Schriftsteller gerne zur Eurokrise befragt

Bei Günther Jauch saß kürzlich Ottmar Issing, ehemaliger Chef-Volkswirt der EZB. Etwas schmallippig gestand der „Vater des Euro“, dass auch er die Details des ESM-Vertrags nicht verstehe. Wenn nun nicht einmal der Vater die AGBs jener Institution begreift, die sein Kind retten soll, dürfte das manchen desillusionieren. Ringen die Zauberlehrlinge der VWL also mit ihren Geistern, befragt man ersatzweise immer häufiger Intellektuelle. Precht, Walser & Co können den ESM zwar freilich auch nicht erklären, das aber eleganter. Frei nach Beckett: Wieder kommentieren. Wieder scheitern. Besser scheitern.

Überhaupt ist das mit den Intellektuellen und der Ökonomie so eine Sache. Zumindest historisch gesehen, ist diese Beziehung vorbelastet: Friedrich II. schmiss Voltaire nicht zuletzt aus Potsdam heraus, weil dieser illegal mit Staatsanleihen spekulierte; der Banklehrling Heinrich Heine fuhr sein erstes Geschäft direkt an die Wand; Dostojewski ruinierte sich regelmäßig im Casino, und Rimbaud wurde am Ende Waffenhändler. Andererseits: Die wussten wenigstens, wie der Laden läuft. So wie Ernst-Wilhelm Händler – als Unternehmer und Schriftsteller hierzulande ein Unikum.

Händler führte ein mittelständisches Unternehmen, das oberpfälzische Schaltschränke produzierte, und macht aktuell in Immobilien. Mit Wenn wir sterben (2002) und Welt aus Glas (2009) hat er zwei der besten Wirtschaftsromane der deutschen Gegenwartsliteratur geschrieben. Sprachlich originell und kompositorisch hochkomplex, erzählt der 59-jährige Unternehmer von dem, was er kennt: den beschädigten Leben der Top Dogs in den Chefetagen, der brutalen ökonomischen Formatierung des Individuums. Händler ist also einer, den man wirklich einmal fragen könnte.

Die reine Hilflosigkeit

Ortstermin: Berliner Palais am Festungsgraben, Gesprächsreihe Erzählen vom Geld. Händler macht einen ungemein sympathischen Eindruck. Er liest aus seinem Buch und sagt, dass die reine Denunziation ästhetisch eher uninteressant sei. Doch anders als seine Diskutantin, die Literaturwissenschaftlerin Andrea Jäger, will er nun weniger über Poetologie als über die wahrste Wirklichkeit sprechen. Von da an: Wechsel der Wetterlage. Jetzt weht der kalte Wind des Kapitals durch den Raum.

Es fallen Sätze wie „Der Mensch ist nun mal so“ oder „Das ist ja die Stärke des deutschen Maschinenbaus“. Zum Imperativ der Selbstoptimierung weiß er, dass das halt so ist. Man könnte ja schließlich auch Genossenschaften gründen, aber das mache ja keiner. Und überhaupt falle ihm, so Händler, eben auch nix Besseres als der Kapitalismus ein. Unterm Strich beschränken sich seine Argumente auf jene drei, mit denen Franz Müntefering einst den bayerischen Hoheitsanspruch der CSU umschrieb: Das war schon immer so, das war noch nie anders, und da kann ja jeder kommen. Seiner Gesprächspartnerin, die einwarf, dass Händlers Romane ja dann doch kritischer wirkten, als er selber sei, sind an diesem Punkt bereits wiederholt die Gesichtszüge entglitten.

Es bleibt ein poststrukturalistisches Lehrstück, dass man sich doch lieber an den Text, nicht an den Autor halte. Händler scheint das immerhin auch so zu sehen. Auf die Frage, ob es ihn nerve, dass Schriftsteller nun beständig zur Ökonomie konsultiert werden, sagt er: „Das ist reine Hilflosigkeit. So wie vor der Fußball-WM. Da fragen die Leute ja auch eine Krake.“

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