„Diese Ideologie macht passiv“

Im Gespräch Die Soziologin und Psychoanalytikerin Renata Salecl kritisiert in ihrem neuen Buch die Tyrannei der Wahl
Nils Markwardt | Ausgabe 39/2013 15

Der Freitag: Demokratie, Marktwirtschaft, Pluralität, das alles basiert doch auf der Idee der Wahlfreiheit. Sie sprechen in Ihrem neuen Buch nun jedoch von einer Tyrannei der Wahl.

Renata Salecl: Für unser Verständnis von Freiheit und Demokratie sind Wahlmöglichkeiten ungemein wichtig, da es ohne sie keine politischen Veränderungen gäbe. Die Tyrannei der Wahl ist für mich hingegen mit einer Ideologie verbunden, die ursprünglich aus der Ökonomie, genauer gesagt der Rational-Choice-Theorie kommt. Gemeint ist die Vorstellung, man könne stets rationale Entscheidungen zur eigenen Nutzenmaximierung treffen. Das hat unser Verständnis von Subjektivität zutiefst geprägt. Und es gilt selbst für Emotionen oder Liebe. Die Ideologie der Wahl besagt, dass man nur eine richtige Entscheidung treffen muss, um sein persönliches Glück zu finden.

Und deshalb boomt die Ratgeber-Industrie?

Die Ideologie der Wahl macht uns passiv, weil sie Angst- und Schuldgefühle produziert. Anstatt gegen soziale Ungerechtigkeit zu protestieren, kritisieren wir uns permanent selbst dafür, dass wir womöglich die falschen Entscheidungen getroffen haben und nicht erfolgreich genug sind.

Der Republikaner Rick Santorum hat sich jüngst beschwert, dass Barack Obama eine „marxistische Sprache“ verwende, weil er das Wort „Mittelklasse“ benutzt. In den USA gebe es schließlich keine Klassen, da jeder die Wahl habe, ob er reich oder arm wird. Das passt zu dem, was Sie in Ihrem Buch schreiben: Die Tyrannei der Wahl dient als Maskierung sozialer Ungleichheit.

In den USA darf man das Wort Klasse ja tatsächlich nicht gebrauchen. Der Glaube an den amerikanischen Traum, vom Tellerwäscher zum Millionär, ist einfach zu stark. In Großbritannien ist es ähnlich. Früher war man hier stolz, Teil der Arbeiterklasse zu sein, mittlerweile spricht kaum noch jemand davon. Die Konzeption von Subjektivität bedeutet heute, konsumistische Entscheidungen zu treffen, sprich Konsument zu sein. Und dafür braucht man natürlich Geld. Wir haben vergessen, dass unsere Idee des Subjekts einst auf den Menschenrechten beruhte.

Viele Menschen sind ja auch ganz praktisch vom dauernden Entscheiden-Müssen genervt. Den richtigen Handytarif zu finden, ist eine Tortur.

Wir entscheiden oftmals, indem wir beobachten, was andere wählen. Oder wir fragen uns, wie andere Leute uns wahrnehmen, wenn wir uns für dieses oder jenes entscheiden. Der Punkt ist, dass es keine idealen Entscheidungen gibt. Zum einen ist mit jeder Entscheidung der Ausschluss anderer Optionen verbunden; zum anderen lassen sich die etwaigen Folgen oft nicht vorherbestimmen. Deshalb gibt es immer mehr Menschen, die überhaupt nicht mehr in der Lage sind, Entscheidungen zu treffen. Für mich hatte das Schreiben dieses Buches denn auch den therapeutischen Nebeneffekt, dass ich Konsumentscheidungen nicht mehr so ernst nehme. Als ich mir kürzlich ein neues Auto kaufen musste, habe ich einfach meinen Vater und meinen Sohn mit einem bestimmten Budget losgeschickt. Wir verschwenden so viel Zeit auf Konsumfragen und sind am Ende doch immer unzufrieden.

Wenn wir unser Leben als ein permanentes Investment begreifen, wie hat sich dann die Finanzkrise auf die „Tyrannei der Wahl“ ausgewirkt?

Die Krise war eigentlich die Chance unsere großen gesellschaftlichen Probleme zu lösen. Leider haben wir diese vertan, da sich ja nichts wirklich verändert hat. Deshalb ist die Ideologie der Wahl genauso präsent wie zuvor. Menschen werden vornehmlich als Konsumenten wahrgenommen. Wir glauben immer noch, dass wir uns unsere Gefühle aussuchen können. Nach dem Motto: Wir müssen nur lang und gut genug darüber nachdenken, dann werden wir schon die richtigen Entscheidungen treffen. Meine Freundin Susie Orbach, eine britische Psychoanalytikerin, hat mir erzählt, dass viele junge, erfolgreiche Frauen mit einer Art Liste von richtigen Entscheidungen zu ihr kommen. Sie haben einen guten Job, sind schlank, haben einen Ehemann. Trotzdem fragen sie sich: Wo ist mein Glück, wo ist meine Selbstverwirklichung?

Sie schreiben, dass es bereits im England des 17. Jahrhunderts Ratgeber gab, die einen anleiten wie man reich und erfolgreich wird. Dann ist die „Tyrannei der Wahl“ also kein neues Phänomen?

Die Idee, dass das Subjekt seinen Lebensweg bewusst bestimmen und die Klasse wechseln kann, ist der Grundpfeiler des Kapitalismus'. Das zeigt sich in den Büchern des 17. Jahrhunderts, aber auch im Konzept des Selfmademans. Heute gibt es diese Idee immer noch, aber sie hat sich etwas verändert. Die postmoderne Subjektivität kennt nicht mehr diesen Aufopferungswillen, der noch vom klassischen Selfmademan eingefordert wurde. Vom Tellerwäscher zum Millionär zu werden, implizierte nämlich harte Arbeit. Heute ist die Vorstellung von Erfolg hingegen sehr medial vermittelt, vor allem durch Sendungen wie Super Idol,Wer wird Millionär oder Big Brother. Dahinter steht der Gedanke, dass jeder Erfolg haben kann, wenn er denn nur entdeckt wird. In Großbritannien gab es kürzlich ein Umfrage unter jungen Frauen zu ihren Berufswünschen. Ein Großteil wollte entweder Model oder Spielerfrau werden. 

 

Es gibt den Film „Trabbi goes to Hollywood“. Thomas Gottschalk spielt darin einen Ostdeutschen, der nach dem Mauerfall in die USA reist. In einer Szene soll er Cola kaufen. Er scheitert grandios, weil er völlig überfordert feststellt, dass es nicht nur eine, sondern zig verschiedene Sorten gibt. Stellt sich diese Tyrannei in postkommunistischen Ländern heute noch anders dar?

Kaum. Es gibt zwar weniger Möglichkeiten, weil hier immer noch eine größere Armut herrscht, aber in den Mittelklassen ist die Glorifizierung des Konsumismus universell. Ich bin ja in Jugoslawien aufgewachsen, das ermöglicht es mir, die Tyrannei der Wahl mit einer gewissen Distanz zu betrachten. Wichtig für mich war, dass ich das von Tito etablierte System der kommunistischen Selbstverwaltung erlebt habe. Dieses System besagte, dass die Macht bereits in den Händen des Volkes sei, sodass es keine klassische Unterscheidung zwischen Partei und Volk gebe. Diese Ideologie war so omnipräsent und durchdringend, dass sie einen bisweilen daran hinderte, das Regime wirklich wahrzunehmen. Hier sehe ich eine gewisse Ähnlichkeit zur heutigen Ideologie. Sie erscheint ebenso schwer zu kritisieren. Denn natürlich wollen wir keine Wahlmöglichkeiten aufgeben.

Sie schreiben: „Die Wahl wird im selben Moment ermöglicht und verweigert.“ Gilt das auch für die Politik?

Definitiv. Sieht man sich die politische Landschaft an, zeigt sich oft genug, dass man eben keine echte Wahl hat. Rechte und linke Parteien unterscheiden sich nur noch in Details. Oder schauen Sie nach Amerika. Wir waren alle begeistert, als Obama zum ersten schwarzen Präsidenten gewählt wurde. Aber besieht man seine bisherige Bilanz, man denke nur an den NSA-Skandal, so würde man sie eher mit seinem Vorgänger assoziieren. Und auch in den meisten europäischen Ländern gibt es keine wirklichen politischen Veränderungen. Wir denken nicht ernsthaft darüber nach, ob der Kapitalismus wirklich die ultimativ beste Organisationsform unserer Gesellschaft ist.

Ist Ihre Perspektive auf das Individuum nicht zu pessimistisch? Muss man Menschen nicht zutrauen, dass sie richtige Entscheidungen treffen?

Der Unterschied zwischen Optimismus und Pessimismus ist ja oft gar nicht so leicht auszumachen. In der Sowjetunion gab es einen schönen Witz: Was ist der Unterschied zwischen einem Optimisten und einem Pessimisten? Der Pessimist sagt: „Alles ist so schlimm, schlimmer kann es gar nicht werden.“ Der Optimist sagt: „Doch, es geht noch schlimmer.“ Aber ernsthaft: Unsere Vorstellung von Freiheit sollte sich nicht in Konsumfreiheit erschöpfen. Wenn die Ideologie der Wahl die Grundlage unseres Freiheitsverständnisses ausmacht, wird das Subjekt zum bloßen Konsumenten. Und dann kommt nur derjenige in den Genuss der Freiheit, der es sich leisten kann. Wenn wir Freiheit hingegen im Kontext universeller Menschenrechte denken, dann entsteht ein Konzept, das unabhängig vom Geld existiert.

In Ihrem Buch findet man etwas, was es gar nicht mehr so oft gibt: Psychoanalyse als Sozialwissenschaft.

Die Psychoanalyse ist hilfreich, weil bereits Freud über die Idee der Wahl nachdachte. Er bemerkte, dass Menschen paradoxerweise ihre Neurosen wählen. Nun meinte er damit nicht, dass wir rational entscheiden, ob wir Neurotiker oder Psychotiker werden. Ihm ging es darum, dass wir nicht determiniert sind. Unsere Familie mag dysfunktional sein und unsere etwaigen Symptome mögen damit zusammenhängen, aber es gibt die Möglichkeit, die Dinge zu ändern. Deshalb ist der Begriff der Neurosenwahl bei Freud mit dem Gedanken der Veränderung verbunden. Eine wirkliche Wahl muss Veränderung bringen. In der Politik muss sie neue Möglichkeitsräume kreieren. Eine echte Wahl produziert Offenheit und Unvorhersehbarkeit.

Sehen Sie denn eine Gegenkultur zum Konsumismus?

In den Medien werden wir mit Ratschlägen bombardiert, wie man Downsizing betreibt oder sein Leben vereinfacht, das jedoch verharrt in der Konsumlogik. Erst werden wir angehalten, mehr zu konsumieren: Und wenn wir uns dann schuldig fühlen, weil wir zu viel konsumiert haben, bekommen wir gegen viel Geld Therapien à la „Simplify your Life“ offeriert. Ich sehe kaum wirkliche Kritik an der Ideologie der Wahl. Das gilt auch für den politischen Bereich. Das gilt auch für den politischen Bereich. Bewegungen wie Occupy Wall Street haben leider nicht lange genug gehalten, um sozialen Wandel wirklich voranzutreiben.

Renata Salecl wurde 1962 in Slowenien geboren. Mit Mladen Dolar, Alenka Zupančič und Slavoj Žižek gehörte sie zur bekannten Ljubljaner Schule für Psychoanalyse, die Jacques Lacans Theorien mit dem deutschen Idealismus verband.

Renata Salecl lehrte u.a. in Berlin, London und New York. The Tyranny of Choice erscheint im Frühjahr 2014 auf Deutsch im Blessing Verlag

 

06:00 30.09.2013
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