Don Schmetterling

Musik Francesco Sbanos Anthologie „La Tarantella Calabrese“ will der Soundtrack der ’Ndrangheta sein. Gegner kritisieren, das verkläre die Mafia

Wenn das Tamburin den 6/8-Takt einleitet und Dudelsack, Akkordeon und Chitarra battente, die italienische Barock-Gitarre, anschwellen, vollzieht sich eine Art Ovid’sche Metamorphose. Greise Männer mit mächtigen Bäuchen und zerfurchten Gesichtern verströmen plötzlich die filigrane Eleganz eines Schmetterlings. Im Klang der hypnotischen Rhythmen tanzen sie kreisend, das Tempo steigernd, bis zur bitteren Erschöpfung. Diese beeindruckenden Aufnahmen des Hamburger Filmemachers und Autors Francesco Sbano dokumentieren das Phänomen der Tarantella, des traditionellen Tanzes Süditaliens. Gleichzeitig sind sie aber auch Teil einer öffentlichen Kontroverse über den journalistischen Umgang mit der Mafia.

Aber der Reihe nach: Zusammen mit dem Journalisten Max Dax hat Francesco Sbano gerade die CD La Tarantella Calabrese herausgegeben. Sbano hat bereits zwischen 2000 und 2005 drei CDs mit Mafialiedern, La Musica Della Mafia, veröffentlicht. Die neue Anthologie, die er begleitet von den Filmaufnahmen vergangene Woche in Berlin präsentierte, versammelt authentische Field Recordings kalabrischer Tarantellen von 1960 bis 2008.

Musikalisch, das macht Sbano deutlich, sind die Stücke in ihrer eigentümlichen Mischung aus Melancholie und Ekstase nicht nur ein echtes Hörerlebnis, sondern auch Stoff für Kulturanthropologen. Die kalabrische Tarantella verfügt über eine 2.000-jährige Geschichte. Im Gegensatz zu ihren Pendants aus Apulien und Kampanien, die afrikanischen und lateinischen Ursprungs sind, reicht sie in die Zeit der griechischen Kolonisierung Süditaliens zurück, wo sie vornehmlich als Kriegstanz fungierte. Bis heute hat sie sich als buchstäbliche Folklore im bäuerlichen Milieu erhalten. Aufgrund ihrer kriegerischen Provenienz wurde sie im 19. Jahrhundert aber auch von Briganten vereinnahmt, später avancierte sie so zum Soundtrack der ’Ndrangheta, der heute mächtigsten Mafia Europas. Dem widmet sich Sbanos CD. Textprobe aus einem Stück des 1933 geborenen Fred Scotti: „Wie sie hier tanzen, wird es ihnen Mut machen / Verschießt eure Patronen, aber sachte, sachte / Sind sie doch zum Töten bestimmt / Mein Messer kennt die Kunst des Schneidens / Verräter, erst schlitze ich dir das Gesicht auf, dann bringe ich dich um.“

Hierarchien verhandeln

Für die ’Ndranghetisti ist die Tarantella nicht nur folkloristisches Kolorit, sondern auch eine hermetisch codierte Kommunikationsform, etwa um interne Hierarchien zu verhandeln. Der Capo, der lokale Mafia-Boss, gibt dabei den sogenannten Tanzmeister, indem er zwei Kontrahenten in den Kreis aus umstehenden Zuschauern führt. Ziel ist es, den Gegner müde zu tanzen, bis dieser schließlich kreisend umhüpft werden kann. Gibt der rangniedere Kontrahent nicht freiwillig auf, kann die Tarantella mitunter auch im Dickicht der Fäuste enden.

Francesco Sbano ist in Kalabrien aufgewachsen, seit rund 20 Jahren berichtet er über die Mafia. Immer wieder hat er das Innenleben der ’Ndrangheta porträtiert – sei es als Journalist für den Spiegel und die New York Times, als Biograf eines aktiven Mafia-Bosses oder in seinem Dokumentarfilm Männer der Ehre. Er wird dafür gelobt, dass er so nah wie kaum ein anderer an sie herankommt. Kritiker sagen: zu nah.

Als Sbano Ende Oktober beim Berliner Festival „Böse Musik“ im Haus der Kulturen der Welt zur Musica della Mafia referierte, wurde in einem offenen Brief an den Intendanten beklagt, Sbano betreibe Verharmlosung, da er nur von den Tätern, nicht aber von den Opfern der Mafia spreche. Der Journalist Sandro Mattioli, der den Appell als Vorsitzender des Vereins „Mafia? Nein, Danke!“ mitinitiierte, erläutert auf Nachfrage: „Es ging nicht darum, Francesco Sbano einen Maulkorb zu verpassen, sondern um eine ausgewogene Besetzung der Diskussionsrunde.“ Bei Sbano, so Mattioli, werde die Distanz in der Berichterstattung bisweilen nicht deutlich genug. „Die Mafia ist kein folkloristisches Phänomen, sondern organisierte Kriminalität.“ Bei der CD-Präsentation wehrte Sbano sich wiederum gegen diese Kritik. Ihm gehe es gerade nicht um Verklärung, sondern um Entmythologisierung. Sein Blick auf die Mafia sei gewissermaßen der eines Ethnologen.

Es ist am Ende eine Frage, die nicht nur die mafiösen Tarantellen, sondern auch den Umgang mit mexikanischen Narcocorridos, russischen Ganovenliedern oder auch dem Gangster-Rap betrifft: Wann kippt die dokumentarische Beschreibung real existierender Gewaltkulturen in relativierende Räuberromantik? An La Tarantella Calabrese zeigt sich, dass eine Antwort oft schwer fällt. Denn einerseits lässt das Booklet bei all der Rede von Tradition und Authentizität tatsächlich konkrete Verweise auf die mörderischen Verbrechen des global agierenden ’Ndrangheta-„Konzerns“ vermissen. Andererseits muss man die Idee des reflexiven Rezipienten ja auch nicht vollends verabschieden. Zumal die CD nicht nur die deutsche Übersetzung der Texte mitliefert, sondern auch vom Karriereende des erwähnten Fred Scotti berichtet. Nachdem dieser sich mit der ’Ndrangheta überwarf, wurde er 1971 ermordet.

La Tarantella Calabrese Various Mazza Music/Toonpool


AUSGABE

06:00 26.11.2013
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