Instant-Islamismus

Anschläge Die Anschläge in Nizza und Würzburg zeigen, dass die Grenze zwischen Terrorismus und Amoklauf immer mehr zu verschwimmen scheint
Nils Markwardt | Ausgabe 29/2016 1
Instant-Islamismus
Lahouaiej-Bouhlel hatte sich erst kurz vor dem Attentat in Nizza radikalisiert

Foto: Anne-Christine Poujoulat/AFP/Getty Images

Am Montagabend ist ein 17-jähriger Afghane in einem Regionalexpress bei Würzburg mit Messern und Axt auf Passagiere losgegangen und hat fünf von ihnen schwer verletzt. Das provozierte die Frage: War es ein Terroranschlag? Oder doch ein Amoklauf? Denn obwohl der Junge ein Bekennervideo drehte und man eine selbstgemachte „IS“-Fahne in seinem Zimmer fand, deutet bis jetzt alles daraufhin, das dieser keinen Kontakt zur dschihadistischen Szene hatte, sich also selbst radikalisierte. Bereits vor einer Woche stellte sich im Fall Mohamed Lahouaiej-Bouhlels, des Attentäters von Nizza, eine ähnliche Frage. Die Behörden waren sich schnell sicher, dass es sich um einen Terroranschlag handelte. Doch gab es vom 31-jährigen Franzosen kein Bekennerschreiben, bei seiner Todesfahrt hatte er weder religiöse Parolen gerufen noch wurde Propagandamaterial bei ihm gefunden. Was war es also?

Im Fall Lahouaiej-Bouhlels scheinen die Behörden Recht behalten zu haben. Schließlich hatte nicht nur der IS den Anschlag für sich reklamiert – mittlerweile wurde auch bekannt, dass der vormalige Kurierfahrer zuletzt Kontakt ins dschihadistische Milieu hatte. Dennoch bleibt der Fall vieldeutig: Der kleinkriminelle Lahouaiej-Bouhlel, der nie in der Moschee, aber oft in der Kneipe gesehen wurde, hatte sich erst kurz vor dem Attentat radikalisiert. Sein Vater berichtete, dass Mohamed, der bereits 2004 in psychiatrischer Behandlung war, als Jugendlicher unter Persönlichkeitsstörungen litt und zeitlebens schwere Depressionen und Gewaltausbrüche hatte.

Ähnlich wie bei Omar Mateen, dem Attentäter von Orlando, scheint es sich hier um einen spezifischen Tätertypus zu handeln. Einer, bei dem die Differenz zwischen Terror und Amok, politischer Ideologie und individueller Psychopathologie verschwimmt. Der Islamismus diente hier offensichtlich weder zur Rationalisierung ungerechter Weltverhältnisse noch zur jenseitigen Kompensation gebrochener Biografien. Vielmehr firmiert er als Enthemmungshilfe, als austauschbarer Trigger für den Todestrieb. Für psychisch kranke Gewalttäter scheint der Instant-Islamismus schlicht deshalb so attraktiv, weil er Marktführer bei den Vernichtungsfantasien ist.

Attentäter wie Lahouaiej-Bouhlel sind deshalb weniger als klassische Terroristen denn als politisierte Amokläufer zu begreifen. Zumindest wenn man Letztere in ihrem historischen Doppelsinn versteht. Das Wort Amok bedeutete ursprünglich Wut oder Raserei und beschrieb in südostasiatischen Raum des 16. Jahrhunderts eine Form asymmetrischer Kriegsführung: das unterschiedslose Töten durch todgeweihte Täter. Erst im 19. Jahrhundert wechselte das Phänomen vom militärischen in den psychopathologischen Diskurs. „Der Amoklauf“, hat es der Kulturwissenschaftler Joseph Vogl formuliert, „ist also von einem kriegerischen Ritual zu einem psychiatrischen Vorfall geworden.“

Bei Tätern wie Lahouaiej-Bouhlel scheint sich beides zu verbinden. Der Islamismus bildet „nur“ das Relais. Ein psychisch Kranker, der für seinen persönlichen Krieg einen Gott des Gemetzels braucht. Was wäre die Konsequenz daraus? Man sollte einen Hinweis des Soziologen Olivier Roy ernst nehmen. Bereits nach den Pariser Anschlägen hatte er betont, dass man bei der Bekämpfung des Terrorismus nicht nur den Blick auf die Radikalisierung des Islams, sondern ebenso auf die Islamisierung der Radikalität richten müsse.

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06:00 17.08.2016
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Ausgabe 48/2020

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