Leben statt sterben lernen

Männlichkeit Maskuline Dominanz ist ein überholtes Modell. Auf Männer kommen neue, schwierige Aufgaben zu. Zuhören zum Beispiel
Leben statt sterben lernen
Wer beschützt ihn vor dem Beschützenmüssen?

Foto: John Shannon/20th Century Fox/Imago

Von der LGBTQ-Bewegung bis zu Black Lives Matter: Wenn in den letzten Jahren immer wieder kontrovers über Rolle und Wesen der Identitätspolitik diskutiert wurde, erweckten insbesondere deren Kritiker bisweilen den Eindruck, hier handele es sich um eine Art von exklusivem Aufmerksamkeitsmechanismus von Minderheiten. Eigentümlicherweise blieb deshalb oft unbesehen, dass Identitätspolitik de facto natürlich ebenso von Mehrheiten betrieben wird. Denn auch deren Identität ist freilich nie einfach da, sondern muss permanent reproduziert werden. Nur geschieht das in der Regel diskursiv eben wesentlich geräuschloser. Und zwar deshalb, weil die Identitätspolitik von Mehrheiten meist buchstäblich selbstverständlich erscheint, sie als solche also gar nicht erkannt wird. Sie ist dann gewissermaßen wie der „entwendete Brief“ in der gleichnamigen Erzählung Edgar Allen Poes: Gerade weil sie so offen zutage liegt, bleibt sie unerkannt.

Das ändert sich erst in jenem Moment, in dem sie dank gesellschaftlicher Pluralisierung an Selbstverständlichkeit verliert. Exemplarisch zeigt sich dies bei der Herstellung traditioneller Männlichkeit. Denn mittlerweile kommt stereotypen Erziehungsmustern („Jungs sind halt so“) oder klischeehaftem Gendermarketing („Rosa-Hellbau-Falle“) zunehmend der Anschein naturgegebener Normalität abhanden. Wobei das freilich nicht heißt, dass es nicht weiterhin wirksame Reproduktionsmuster traditioneller Männlichkeit gäbe. Dafür reicht ein Blick nach Hollywood. Zumindest in den Kassenschlagern des Actionkinos verteidigen, retten, erobern, rächen oder beschützen Männer nach wie vor immer irgendwas. Beispielsweise die Frau, das Haus, die Kameraden, die Nation oder, im Fall einer interstellaren Invasion, auch gleich den ganzen Planeten.

Mann- und Menschsein

Inszenieren Actionfilme somit in überzeichneter Form bestimmte Erwartungshaltungen, funktionieren sie en passant wie Manuals traditioneller Männlichkeit. Denn die Alter Egos von Tom Cruise, Daniel Craig oder Bruce Willis verkörpern eben nicht nur allgemeine Charaktereigenschaften wie Mut oder Verantwortungsbewusstsein, sondern sie tun dies auf eine sehr spezifische Weise. Konkret gesagt: Verantwortungsbewusstsein reduziert sich im Kontext traditioneller Männlichkeit dann nicht selten auf die Fähigkeit, Konflikte durch Gewalt oder zumindest deren Androhung zu lösen. Mut läuft wiederum auf die Bereitschaft hinaus, im Zweifelsfall für eine „größere“ Sache zu sterben, sei es die Nation oder die Revolution.

Freilich könnten diese Begriffe aber auch völlig anders, besser ausgefüllt werden. Verantwortungsbewusstsein ließe sich beispielsweise viel plausibler darin erkennen, Konflikte gewaltlos beizulegen. Mut hingegen, so könnte man mit der Schwarzen Feministin Frances M. Beal sagen, bestünde wiederum gerade nicht im Sterben, sondern vielmehr im Leben für die Revolution, also nicht im quasi-sakralen Opfer, sondern vielmehr im vitalen Versuch, die Verhältnisse tagtäglich zu ändern.

Bemühungen, traditionelle Männlichkeitsvorstellungen in diesem Sinne zu updaten, erzeugen bei vielen Männern indes immer noch empörte Abwehrreaktionen. Das zeigte sich jüngst anhand einer viel diskutierten Werbung eines Rasierklingenherstellers. Bestand die Botschaft des anderthalbminütigen Clips darin, dass sexuelle Übergriffigkeit, Bullying oder Gewalt nicht mehr als folkloristische Nebenwirkungen von Penisträgern durchgehen dürfen, fühlten sich viele Männer davon geradezu symbolisch kastriert.

Dass die Einforderung zivilisatorischer Mindeststandards von Männern mithin als Angriff auf die eigene Identität verstanden wird, ist dabei natürlich doppelt fatal. Zum einen, weil die gesellschaftlich destruktiven Effekte traditioneller Männlichkeit, etwa Gewalt oder Übergriffigkeit gegen Frauen, damit verkannt, vermutlich aber sogar bewusst gebilligt werden. Zum anderen aber auch deshalb, weil traditionell-männliche Fokussierung auf Stärke, Härte und Hierarchie ebenso selbstzerstörerische Folgen hat. Allen voran jene verstärkte Unfähigkeit, mit beruflichem wie privatem Scheitern oder psychischen Problemen umzugehen, die sich auch in der deutlich höheren Selbstmordrate von Männern zeigt.

Binnenlogisch haben solche Abwehrreflexe vermutlich nun auch mit der Angst zu tun, dass manchem Mann nach Abzug seiner traditionellen Männlichkeit nicht mehr allzu viel bleibt, sodass toxische und fragile Männlichkeit gewissermaßen zwei Seiten derselben Medaille bilden. Traditionelle Männlichkeit funktionierte, wenigstens relativ gesehen, nämlich lange als automatischer Leistungsnachweis. Mann-Sein, das war und ist eine Art von bio-kultureller Ausfallversicherung beim Auftreten individueller Inkompetenz. Denn kulturhistorisch fielen Mann- und Mensch-Sein über geraume Zeit in eins, was sich beispielsweise im Französischen schon darin zeigt, dass „homme“ beides meint. Das bedeutete wiederum im Umkehrschluss: Wer nicht weiß und männlich war, also etwa Frauen, Nicht-Weiße, aber auch Trans- und Homosexuelle, war eben auch kein ganzer Mensch, sodass für sie oder ihn die Menschenrechte auch nicht vollumfänglich galten. Als Olympe de Gouges, eine der bedeutendsten Vorkämpferinnen des Feminismus, deshalb forderte, dass Menschenrechte eben auch Frauenrechte seien, verlor sie 1793 ihren Kopf unter der Guillotine.

Doch gibt es unter Männern selbstverständlich nicht nur Abwehrreflexe gegenüber Pluralisierung, Liberalisierung und Feminismus, sondern ebenso auch Zustimmung. Sei es aus der gerechtigkeitstheoretischen Grundüberzeugung, das die Macht zwischen den Geschlechtern geteilt gehört; aus dem egoistischen Bedürfnis, nicht auf traditionelle Männerrollen festgelegt werden zu wollen; oder aus der leistungsethischen Selbstachtung, eine berufliche Position nicht nur aufgrund einer impliziten Männerquote bekommen zu haben.

Wobei sich in diesen Fällen dann diskurspraktische Anschlussfragen stellen. Etwa jene, die zuletzt in der Debatte um die Abschaffung von §219a aufkam: Dürfen Männer bei einem Thema wie der körperlichen Selbstbestimmung von Frauen überhaupt mitreden? So formuliert wäre die Frage jedoch nicht nur deshalb falsch gestellt, weil in der liberalen Demokratie jeder zu allem etwas sagen darf, sondern vor auch allem deshalb, weil unzählige Männer es ja ausreichend getan haben – nicht zuletzt im Bundestag, der bekanntlich ja über eine männliche Mehrheit verfügt. Insofern ist es also keine Frage des Dürfens, sondern des Sollens.

Frauenkörperkommentariat

Wobei gerade das es komplizierter machen kann. Offenbart sich für Männer, die etwa die Abschaffung des §219a und das Selbstbestimmungsrecht von Frauen unterstützen, hier dann doch ein potenzielles Dilemma. Äußern sie ihre Meinung, sind sie, wenn auch unter moralisch umgekehrten Vorzeichen, ebenfalls wieder Teil des männlichen Frauenkörperkommentariats. Verschweigen sie ihre Haltung jedoch, vermag wiederum der Eindruck zu entstehen, es handele sich bei dieser Frage lediglich um einen Machtkampf zwischen Frauen und Männern.

Doch ist die soziale Wirklichkeit in dieser Hinsicht empirisch eben wesentlich komplexer. Und zwar deshalb, weil gesellschaftliche Differenzen, allen voran die soziale Ungleichheit zwischen Frauen und Männern, sich nicht fundamentallogisch auf Personen abbilden lassen. Sprich: Innerhalb der konkreten sozialen Praxis vermögen auch Frauen, etwa rechtspopulistische Politikerinnen, das Ideal traditioneller Männlichkeit hochzuhalten, während Männer für Feminismus votieren.

Das ändert freilich nichts an der Existenz fortwirkender genderspezifischer Differenzen und patriarchaler Privilegien, dennoch verdeutlicht es, mit den Worten der Soziologin Paula-Irene Villa gesprochen, die bestehende Herausforderung, mit „Differenzen differenziert umzugehen“.

Kann es also nie eine pauschale Antwort auf die Frage geben, wann wer wie sprechen sollte, gibt es aus männlicher Perspektive immerhin doch eine ganz pragmatische. Denn die zunehmende Auflösung traditioneller Männlichkeitsbilder bietet Männern schließlich die angenehme Gelegenheit, ihre eigenen Inkompetenzen und Unsicherheiten nicht sofort ausstellen zu müssen, sondern zunächst auch einmal zuhören zu können – um dabei idealerweise dann sogar noch was zu lernen.

Nils Markwardt arbeitete bis 2016 als Redakteur des Freitag und ist leitender Redakteur beim Philosophie Magazin

06:00 25.03.2019
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