Mehr Selbstbewusstsein

Demokratie Der Tag der deutschen Einheit gerät in Dresden zur Bühne von Rechtspopulisten. Es wird Zeit, dass die offene Gesellschaft lauter wird
Mehr Selbstbewusstsein
Rage, Rede, Gegenrede

Foto: Sean Gallup/AFP/Getty Images

Das, wovor viele im Vorfeld gewarnt hatten, ist dann also auch eingetreten: Die Feierlichkeiten zum Tag der deutschen Einheit in Dresden wurden zur Bühne für den rechten Mob. Bereits am Morgen hatten sich rund fünfhundert Menschen vor der Frauenkirche versammelt, um den Gottesdienst, an dem auch Angela Merkel und Joachim Gauck teilnahmen, zu stören. Nicht nur wurden die fast schon obligatorischen „Volksverräter“-Chöre skandiert, sondern etwa auch ein dunkelhäutiger Teilnehmer der Veranstaltung mit Affenlauten und „Abschieben“-Rufen belegt. Die siebenhundert Meter zum anschließenden Staatsakt in der Semperoper mussten die Gäste dann aus Sicherheitsgründen mit einem Shuttle zurücklegen. Später demonstrierte noch Pediga, die von der Polizei dann tatsächlich einen „erfolgreichen Tag“ mit auf den Weg bekamen.

Und besieht man die schreienden Gesichter, die sich heute in Dresden versammelten, erkannte man wieder, was Peter Richter, New Yorker Kulturkorrespondent der Süddeutschen Zeitung, in seinem kürzlich erschienenen Buch Dresden Revisited über einen Besuch bei Pegida schrieb: „Was da zu sehen war, war keine Sorge und keine Angst, sondern pure, selbstberauschte Wutlust, wie man sie von AC/DC-Konzerten kennt“. Und Richter, der in der Elbstadt geboren und aufgewachsen ist, weist in seinem Essay noch auf zwei weitere Punkte hin, an die man heute erinnern kann.

Ossi-Bashing

„Was Pegida so deprimierend machte, war erstens, dass diese Bewegung selber schon mal vorführte, wovor sie warnt: wie eine radikale Minderheit den öffentlichen Raum besetzt, den eine liberale Gesellschaft mit Willen zur demokratischen Korrektheit ihr lässt – 'solange die Leute sich an die Gesetze halten, haben auch die ein Recht auf die fotogensten Plätze der Stadt'.“ Ebenfalls deprimierend, so Richter, seien bisweilen aber auch die Reaktionen: „Sachsen raus, Mauer wieder hoch, Ossis alle doof usw. usf. Im Ernst? Wie 1992?“

Denn pauschales Ossi-Bashing, das mittlerweile selbst von sonst überaus differenzierten Zeitgenossen im halb-ironischen Ton, aber eben nur halb-ironisch, vorgetragen wird, ist ja nicht nur Ausdruck einer gewissen analytischen Hilflosigkeit, sondern es verleiht einer lauten Minderheit auch jenen imaginären Status der Mehrheit, den sie so gerne hätte.

Katastrophen-Diskurs

Wobei es selbstverständlich stimmt: Der Osten, insbesondere Sachsen, hat ein massives Problem mit Rechtsextremismus. Ebenso stimmt, dass die anhaltenden Erfolge der AfD jedem Anhänger einer offenen Gesellschaft Angst machen müssen. Denn wenn Björn Höcke oder Frauke Petry unverhohlen das völkische Denken rehabilitieren wollen, ist die AfD, allen Beteuerungen zum Trotz, nicht einfach nur eine konservative Protestpartei, sondern die parlamentarische Institutionalisierung des Ressentiments.

Nur ist diese Angst in der Praxis eben kein guter Ratgeber. Nicht nur, weil sie im Zweifelsfall passiv macht, sondern auch, weil sie oft nur jenen Katastrophen-Diskurs spiegelt, von dem Rechtspopulisten leben. Aber wie dann reagieren? Kürzlich schrieb der 80jährige Jochen Wurster einen Leserbrief an die Süddeutsche Zeitung, der auf Facebook und Twitter abertausende Male geteilt wurde. Darin hielt der ehemalige Arzt fest:

„Ich kann das Gejammere um die Erfolge der AfD nicht mehr hören! Sind wir ein Volk von Waschlappen, Feiglingen, Angsthasen? Unsere Kanzlerin ist die einzige Führungskraft in Europa, die als Vorsitzende einer christlich-demokratischen Partei den wahren christlichen kategorischen Imperativ befolgte: Hilf einem Mitmenschen, der in der Not ist! Hat es den barmherzigen Samariter interessiert, ob er bei seiner Hilfe um den Ausgeraubten Geld oder Zeit verliert? Er hat einfach geholfen. Wie unsere Kanzlerin. Wir sind 80 Millionen groß und wirtschaftlich stark. Natürlich schaffen wir das. Wir schaffen auch die AfD, wenn wir nur wollen.“

Demokratisches Selbstbewusstsein

Nun mag man das nicht zu Unrecht für etwas pathetisch halten, die Diktion nicht teilen, sich keineswegs als Christ sehen oder Merkels Flüchtlingspolitik, die ja etwa auch eine Verschärfung des Asylrechts beinhaltet, ambivalenter beurteilen. Ebenso ist die Sache mit der AfD natürlich komplizierter. Allein schon deshalb, weil die Motivation ihrer Wähler durchaus unterschiedlich sein mag. Dennoch enthält Wursters Brief einen entscheidenden Punkt. Und zwar der Hinweis, dass es hierzulande bisweilen an demokratischem Selbstbewusstsein fehlt. Vielleicht deshalb, weil Deutschland, zumindest im europäischen Vergleich, lange von einer größeren rechtspopulistischen Partei verschont geblieben war, vielleicht auch aus Indifferenz oder Trägheit.

Doch dass Pegida es gelingt, mit einem verhältnismäßig kleinen Personalaufwand so eine aufmerksamkeitsökonomische Wirkung zu entfalten oder die Medienstrategie der AfD, so bemerkte jüngst der New Yorker, es schafft, dass man mitunter das Gefühl haben könne, sie bilde die alleinige Regierungspartei, verlangt, dass man all dem selbstbewusster entgegentritt als bisher.

Das hieße konkret etwa, dass die Polizei nicht das rechte Auge zudrückt, Medien zwar genau hinsehen, aber Rechtspopulisten nicht aus Angstlust stärker schreiben als sie sind, Politiker, von der CSU bis zur Linken, aufhören eine Art AfD-Playback-Show zu spielen und die Zivilgesellschaft jenem fremdenfeindlichen Gebrüll, wie es sich heute bisweilen vor der Frauenkirche abgespielt hat, selbstbewusst entgegen tritt. Zumal das keine Frage von Konservativ- oder Linkssein ist, sondern eine der zivilisatorischen Grundstandards.

23:44 03.10.2016
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