Neue Philosophie

A–Z In Berlin tagen gerade die Stars der Radical Philosophy. Ihre Themen: Pflanzenrechte, sozialer Druck oder Einhörner. Also die Welt da draußen. Das Wochenlexikon
Nils Markwardt | Ausgabe 05/2015 1

A

Akzelerationismus Kapitalismuskritik auf Speed, genauer gesagt: Akzelerationismus ist Kapitalismusüberwindung mit Speed. Denn mittels acceleratio, Beschleunigung, soll der entfesselte Neoliberalismus mit seinen eigenen Waffen geschlagen werden. Nick Srnicek und Alex Williams, die diese Denkrichtung mit einem Manifest mitbegründeten, wollen der Zukunftsvergessenheit und dem „folkloristischen Lokalismus“ des linken Diskurses ein Projekt entgegensetzen, in dem das emanzipatorische Entwicklungspotenzial des Kapitalismus freigesprengt wird. Anstatt also in einem im Abwehrkampf gegen die neoliberale Zerstörung des weitgehend schon zerstörten Wohlfahrtsstaats zu verharren, sollten etwa Rationalisierung und Automatisierung nicht weiter kritisiert, sondern als Chancen zur Arbeitsverkürzung und Einführung eines Grundeinkommens verbucht werden. Wie das genau passieren soll, bleibt zwar überaus vage, aber immerhin ist man dann doch wieder irgendwie bei Marx (➝ Neomarxismus). Denn schließlich geht es bei diesem, bemerkte einst Terry Eagleton, auch um „leisure, not labour“, also um Muße.

D

Daten und Drohnen Ein hartnäckiges Vorurteil gegenüber der Philosophie besagt ja, dass sie gern in ihrem Elfenbeinturm verbleibe. Es lässt sich, zugegeben, nicht vollständig widerlegen, ist aber trotzdem ein bisschen unfair. Friedrich Georg Hegel zum Beispiel hat sich sehr für die Sklavenaufstände in Haiti interessiert. Und Gottfried Wilhelm Leibniz hat nicht nur seine Rechenmaschine erfunden, sondern auch zur Grubenentwässerung im Oberharzer Bergbau geforscht. Heute kann man der Philosophie diesen Vorwurf, zumindest pauschal, erst recht nicht mehr machen. Insbesondere im Feld der Technikkritik reagiert diese nämlich relativ schnell auf neue Phänomene aus der Welt da draußen. Grégoire Chamayou hat neulich mit seinem Buch Ferngesteuerte Gewalt eine überaus lesenswerte Theorie der Drohne vorgelegt. Im Bereich Big Data ist es der Oxford-Professor Luciano Floridi, der mit seinem Konzept der Infosphäre darlegt, dass aus ethischer Sicht auch Algorithmen Respekt einfordern (➝ Pflanzenethik).

N

Neomarxismus Dass der Marxismus seit dem Beginn der Finanzkrise ein kleines Comeback feiert, wundert nicht. Dass das Kraftzentrum dieser roten Renaissance dabei in den USA liegt, verblüfft schon eher. Dabei sind es nicht nur einzelne Autoren wie Benjamin Kunkel, sondern auch erfolgreiche Zeitschriftenprojekte, die gerade bei jungen US-Amerikanern Gehör finden. Etwa n+1, das sich von einer intellektuellen Hipsterpostille zum linken Politmagazin entwickelt hat. Auch Jacobin, dessen Logo die Silhouette Toussaint Louvertures, den Anführer der haitianischen Revolution, ziert, ist in den vier Jahren seines Bestehens zu einer festen diskursiven Größe avanciert. Pro Monat verzeichnet die Website des Magazins bis zu 600.000 Klicks. Und das mit einem dezidiert radikalen Profil und klaren Botschaften. Der Titel der aktuellen Ausgabe lautet: Paint the town red.

O

Outsourcing Die Leiterin der Documenta 13 sorgte 2012 für Aufruhr, weil sie ihr posthumanistisches Weltbild mit der Forderung untermauerte, ein Wahlrecht für Erdbeeren und Bienen einzuführen. Gleichwohl vermochte Carolyn Christov-Bakargiev die Kasseler Kunstschau zu einem intellektuellen Ereignis zu machen. Einfach indem sie ihr ein philosophisches Profil gab und Denker wie Donna Haraway, Catherine Malabou oder Christoph Menke für Begleittexte gewinnen konnte. Dass die Philosophie auch in künstlerischen Kontexten Präsenz zeigt, ist längst kein Einzelfall mehr. Immer öfter wird Theoriearbeit an Museen, Biennalen oder Festivals ausgelagert. Die Grenzen zwischen philosophischer Reflexion und künstlerischer Intervention werden dadurch porös. Dafür steht auch Hito Steyerl. Die Künstlerin, Filmemacherin und Autorin, die beim Berliner Radical-Philosophy-Kongress einen Vortrag über die Idee des Kunststreiks hielt, verbindet beides elegant. Man darf also auf den deutschen Pavillon der diesjährigen Venedig-Biennale, der von ihr mitgestaltet wird, gespannt sein.

P

Pflanzenethik Spätestens seit den Bestsellern von Jonathan Safran Foer (Tiere Essen) und Karen Duve (Anständig essen) sind Fragen der Tierethik in aller Munde. Haben Tiere Rechte? Darf man sie essen oder zur Forschung ge- beziehungsweise missbrauchen? In der Philosophie, die bestimmte tierethische Aspekte schon seit der Antike verhandelt, werden solche Fragen spätestens seit Peter Singers 1975 erschienenem Standardwerk Animal Liberation kontrovers diskutiert. Muss man aber nicht noch weitergehen? Der relativ junge Forschungszweig der Pflanzenethik, der zum Beispiel durch die Biologin Florianne Koechlin oder die Philosophin Angela Kallhoff repräsentiert wird, sagt dazu Ja. Zumindest stelle sich auch im Fall von Pflanzen, die mittels Lock- und Abwehrstoffen schließlich in einem komplexen Kommunikationsverhältnis zu ihrer Umwelt stehen, die Frage, ob man diesen eine gewisse Form der Würde zugestehen muss. Das mag zunächst einmal exotisch klingen, berührt aber ganz aktuelle Debatten. Etwa die Diskussion, wie weit gentechnische Manipulationen gehen dürfen, ob man mittels Terminatortechnologien steriles Saatgut herstellen darf, oder ob Pflanzen so weit verdinglicht werden sollten, dass man sie patentieren lassen kann.

Q

Queer Studies Dass ein relativ kleiner, akademischer Zweig der Gegenwartsphilosophie großgesellschaftliche Erregungszustände provozieren kann, beweisen die Gender Studies immer wieder. Zuletzt im Fall von „Professx“ Lann Hornscheidt, bei dem eine geschlechtsneutrale Sprache zur Überwindung der „Zweigenderung“ gefordert wurde. Im Zuge von derlei Debatten wird oft so getan, als ob die Gender Studies, die sich in den 70er Jahren aus den Women’s Studies entwickelten, ein monolithisches Theoriegebäude bildeten. Vielmehr sind sie, wie jede andere Denkschule auch, stark binnendifferenziert. Mit den Queer Studies, die maßgeblich von Judith Butlers Buch Gender Trouble (1990) beeinflusst wurden, besitzen sie nochmal ein Teilgebiet. In dem hierzulande noch wenig institutionalisierten Forschungsfeld, das etwa durch Sabine Hark oder Andreas Kraß vertreten wird, steht die Reflexion von Heteronormativität, also dem sozialen Druck zur Heterosexualität im Kontext homo-, bi-, inter- und transsexueller Lebensstile im Fokus. Und das schließt wiederum nicht nur kapitalismuskritische oder antikolonialistische Perspektiven ein, sondern impliziert auch Kritik an feministischen Diskursen, die im Glauben, das Regime der Zweigeschlechtlichkeit nur zu beschreiben, diese auch reproduzierten.

R

Realismus 2.0 Im Sommer 2011, bei einem gemeinsamen Essen in Turin, entwarfen Maurizio Ferrari und Markus Gabriel den Neuen Realismus. Im März 2013, bei einer Tagung in Bonn, wurde er in akademische Formen gegossen. Im Gegensatz zum Naiven Realismus, der davon ausgeht, dass unsere Umwelt ganz unabhängig von uns existiert, oder dem Wissenschaftlichen Realismus, der nur als existent ansieht, was sich im Labor beweisen lässt, ist der Neue Realismus der Auffassung, dass der Begriff der Wirklichkeit von jenen der „Natur“ und „Außenwelt“ zu entkoppeln sei. Folgt man Markus Gabriel, Jahrgang 1980 und jüngster Philosophieprofessor Deutschlands, existiert somit alles, nur nicht eine alles umfassende Welt an sich. Sprich: Auch Traumgestalten seien, obschon sie physisch nicht existierten, so real wie Zahlen. Gleichwohl, und das macht den Unterschied zum postmodernen Konstruktivismus, könne man den Objekten keinen beliebigen Sinn zuschreiben. Diese hätten sehr wohl Eigenschaften, seien also keine bloßen sozialen Konstrukte. So gesehen gibt es also Einhörner, Hexen und Feen. Aber eben nur aus neorealistischer, nicht postmodernistischer Perspektive.

T

Twitter Von Heraklit über Nietzsche bis zu Adorno gehört der Aphorismus zu den tradiertesten und eingängigsten Formen der philosophischen Reflexion. Gleichwohl ist er zuletzt nicht mehr sonderlich en vogue gewesen. Auf dem Kurznachrichtendienst Twitter erlebt er seit einiger Zeit jedoch sein Comeback. Und zwar vor allem dank @NeinQuarterly. Unter diesem Namen twittert der amerikanische Germanist Eric Jarosinski als eine Art Alter Ego Theodor W. Adornos Bonmots über Weltschmerz und Nihilismus. Und zwar so pointiert und witzig, dass dies mittlerweile fast 100.000 Follower lesen wollen. Darüber hinaus setzen aber auch akademische Philosophen fleißig die 140 Zeichen starken Mitteilungen ab. Darunter Cornel West, Alain de Botton oder Peter Singer. West, der zu den führenden afroamerikanischen Intellektuellen gehört, nutzt die Plattform jedoch öfter für Wutausbrüche denn schöngeistige Formulierungen. Barack Obama warf er anlässlich der Ferguson-Proteste vor, dass selbst dessen „loyalste Speichellecker“ seinen „moralischen Bankrott“ und seine „politische Feigheit“ erkennen müssten. Prominente Denker aus Deutschland sind auf Twitter rar. Das ist schade. Jemand wie Peter Sloterdijk bringt eigentlich alles mit, was man zum Twitterstar braucht: kluge Gedanken, prägnante Formulierungen und einen soliden Hang zur Kontroverse.

V

Voltaire In einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung bemerkte Michel Houellebecq kürzlich, dass Voltaire „nicht scharf denken“ konnte und insgesamt auch „eher Polemiker als Philosoph“ gewesen sei. Houellebecqs Landsleute sehen das offenbar anders. Denn Voltaires Über die Toleranz ist in Frankreich jüngst wieder zum Bestseller avanciert. Verlage müssen das erstmals 1763 erschienen Traktat mittlerweile nachdrucken. Der Anlass dafür könnte kaum tragischer sein: die Pariser Anschläge auf Charlie Hebdo und einen koscheren Supermarkt. Der gesellschaftlichen Großdebatte, die nun in Frankreich läuft, kann eine philosophische Grundlagenlektüre jedoch freilich nicht schaden. Man bedenke nur, dass das vermeintlich berühmteste Voltaire-Zitat – „Ich missbillige, was du sagst, aber würde bis auf den Tod dein Recht verteidigen, es zu sagen“ – sich darin nicht finden lassen wird. Es stammt nämlich gar nicht von Voltaire, sondern von Evelyn Beatrice Hall, die den Satz in ihrer 1906 erschienen Voltaire-Biografie schrieb, um das Denken des Aufklärers prägnant zusammenzufassen.

Z

Žižek 3.0 Slavoj Žižek, der neurotisch-neokommunistische Betriebsleiter des philosophischen Witzekombinats, ist eine Art Walter Freiwald der radikalen Gegenwartstheorie: Vollprofi, schamlos, pointensicher (➝ Twitter). Neuerdings fällt jedoch auf, dass der 65-jährige Slowene eine Art altersmilden Ton anschlägt. Begann er einst als postsozialistischer Linksliberaler, der 1990 sogar für die LDS (Liberalna Demokracija Slovenije) als Präsidentschaftkandidat antrat, avancierte er schnell zum neoleninistischen Revolutionsrhetoriker. Nun scheint er jedoch einen Gang runtergeschaltet zu haben. Dass er, so wie er kürzlich bekannte, keine Lust mehr auf politische Debatten habe, lässt sich zwar nicht erkennen. Aber dafür findet er nun bisweilen sogar nette Worte für Peter Sloterdijk oder die EU.

06:00 11.02.2015
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