Nichts wie weg hier

Weltall Mit der Entdeckung des erdähnlichen Planeten Kepler-452b erblühen neue kosmische Fluchtfantasien
Nils Markwardt | Ausgabe 31/2015 10

Ob Rosetta-Mission, neue Bilder vom Pluto oder die Entdeckung des Exoplaneten Kepler-452b: Astronomie ist mittlerweile zum medialen Event avanciert. Bei Twitter und Facebook begeistert sie Massen, mitunter schafft sie es jetzt sogar in die 20-Uhr-Nachrichten. Insbesondere der Fund von Kepler-452b provozierte in den vergangenen Tagen viel Aufmerksamkeit. Denn obwohl der „Cousin der Erde“ 1.400 Lichtjahre von uns entfernt ist und man auch sonst nur wenig über ihn weiß, löste seine Entdeckung sogleich rege Diskussionen über die Plausibilität planetarischer Fluchtfantasien aus.

Man könnte den Hype als popkulturell gepimpte Renaissance eines kosmischen Eskapismus deuten: Die uralte Sehnsucht, der abgewirtschafteten Mutter Erde doch noch irgendwie zu entkommen, blüht neu auf. Zumal daran ja auch schon konkret gearbeitet wird, etwa bei Mars One, dem viel besprochenen Projekt einer niederländischen Stiftung, die bis 2027 erste Kolonisatoren zum roten Planeten schießen will.

Das ruft natürlich auch ideologiekritische Einwände auf den Plan. Slavoj Žižek, styletechnisch ja der Chewbacca der Gegenwartsphilosophie, bemerkte einmal, dass die Konjunktur apokalyptischer Space-Movies darauf schließen lasse, dass wir uns eher das Ende der Welt vorstellen könnten als deren sozialverträgliche Reformierung. Gleichwohl verrät ein Blick in die politische Ideengeschichte, dass weltlicher Revolutionseifer und kosmischer Utopismus sich nicht zwangsläufig widersprechen müssen, sondern sich, im Gegenteil, auch geradezu bedingen können.

So war es zumindest bei den Biokosmisten, die der Kulturwissenschaftler Boris Groys jüngst wiederentdeckte. Dabei handelt es sich um eine Reihe sowjetischer Wissenschaftler, die bis in die 1930er Jahre einen gewissen Einfluss besaßen. Ihr Kernkonzept: Der Kommunismus wäre nur dann vollendet, wenn man die Toten wieder zum Leben erweckt. Denn erst wenn diejenigen, die für die Revolution gefallen sind, revitalisiert würden, endete die Ausbeutung der Verstorbenen zugunsten der Lebenden. Gefragt war also eine radikal-futuristische Form der Generationengerechtigkeit. Sobald dafür die Technik bereitstünde – das war nach Ansicht der Biokosmisten nur eine Frage der Zeit – bräuchte man indes vor allem: Platz.

Deshalb war der Biokosmismus eng mit dem Interplanetarismus verknüpft. Für Letzteren stand der Physiker Konstantin Ziolkowski (1857–1935), der einst die Raketengrundgleichung entwickelte und damit posthum zu einem Pionier der Raumfahrt avancierte. Nicht nur ein Mondkrater ist nach ihm benannt, sondern auch eine Folge von Star Trek: The Next Generation. Ziolkowski plante die Kolonisierung des Alls, denn der Kommunismus sei nur als interstellarer ein wahrer. Wollte man mit der Diktatur des Proletariats Ernst machen, müsste man buchstäblich universell denken: Hammer und Sichel sollten nicht nur über dem Kreml flattern, sondern auch durch Sonnenwinde wehen. Aron Zalkind, ein Psychologe im Umkreis der Bioskosmisten, war gar der Meinung, dass das Weltall „zum grausamen Klassenfeind“ erklärt werden müsse.

Wer weiß, womöglich holen die Russen die Pläne der bolschewistischen Space-Zombies im Angesicht von Kepler-452b wieder aus der Schublade? Während der Westen eben den Mars anvisiert – der übrigens gleich von zwei Monden umkreist wird. Sie heißen Phobos und Deimos, was auf Griechisch „Furcht“ und „Schrecken“ bedeutet.

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06:00 31.07.2015
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