Oblomow im Orbit

Raumfahrt Für die Teilnehmer einer einjährigen Mars-Simulation sei die Langeweile das Schlimmste gewesen. Zur Ehrenrettung eines unterschätzten Gefühls
Nils Markwardt | Ausgabe 35/2016 1
Oblomow im Orbit
Schön, aber auch ganz schön eintönig auf Dauer
Foto: Space Imaging/Getty Images

„Bringt etwas Sinnvolles mit, woran ihr arbeiten könnt. Einer eurer größten Feinde ist die Langeweile“, gab Christiane Heinicke zukünftigen Crews mit auf den Weg, nachdem sie am Sonntag die fingierte Raumstation in der hawaiianischen Lavawüste verließ. Im Rahmen eines Forschungsprojekts hatte die 30-jährige Geophysikerin aus Sachsen-Anhalt dort mit fünf Kollegen 365 Tage lang ausgeharrt, um ein Leben auf dem Mars zu simulieren. Abgesehen von den Außeneinsätzen, die die Wissenschaftler ganz authentisch in Raumanzügen absolvierten, hatte das Team in seinem rund einhundert Quadratmeter großen Domizil nur durch E-Mails Kontakt zur Außenwelt. Kein Fernsehen, kein Telefon, kein Skype.

Obwohl Heinicke auch Früchte und frisches Gemüse vermisste, war die Eintönigkeit offensichtlich das Schlimmste, was das Isolationsexperiment bereithielt. Nun ist es zwar keineswegs so, dass das von der NASA und der Universität Hawaii betreute Projekt nicht auch Arbeit abforderte, der Geophysikerin gelang es etwa, aus Lavagestein rund 100 Liter Wasser zu gewinnen. Dennoch darf man sich freilich fragen, warum sie keine Bücher oder zumindest einen Stapel Kreuzworträtsel mitgenommen hatte.

Vielleicht muss man die Sache aber auch ganz anders sehen. In einer Welt, in der Dauerbeschleunigung zum kollektiven Burn-out führt, könnte man die gepflegte Eintönigkeit auch als Luxus verbuchen. Sicher, das Image der Langeweile ist nicht das beste. Aber erstens entstammt das ja vor allem auch jener Propaganda der Décadence-Literatur, die fortgeschrittene Faulpelze wie Iwan Gontscharows Oblomow in ein allzu schlechtes Licht rückte. Zweitens ist es ebenso ein Mythos, dass Kunst und Kultur der inneren Neugierde entspringen.

In Wahrheit sind diese nur Nebenprodukte des gekonnten Monotonie-Managements. Und mehr noch: Langeweile ist nicht nur die wahre Lokomotive des Fortschritts, sondern auch Mittel zur Herzensbildung, die, sollte es bald wirklich zur bemannten Mars-Mission kommen, auch beim etwaigen Umgang mit Außerirdischen helfen würde. Denn, so bemerkte einst der Philosoph Blaise Pascal: „Alles Unheil kommt von einer einzigen Ursache, dass die Menschen nicht in Ruhe in ihrer Kammer sitzen können.“

06:00 01.09.2016
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