Paris - Berlin. Gefühlt: Wien.

Philosophie Am Wochenende fand im Institut français Berlin die erste "Nacht der Philosophie" statt

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In den 2013 publizierten Tagebüchern Bruno Le Maires, die unter dem Titel Zeiten der Macht vor wenigen Wochen auch auf Deutsch erschienen sind, gibt der ehemalige französische Landwirtschaftsminister überaus konzise Einblicke in die machtpolitische Matrix zwischen Élysée und Hôtel Matignon. Und dabei zeichnet der heute 45jährige UMP-Politiker, dem Pariser Korrespondenten noch eine große politische Zukunft prognostizieren, nicht nur aufschlussreiche Psychogramme von Nicolas Sarkozy und Angela Merkel, sondern beschreibt auch wiederholt ein sich in Frankreich ausbreitendes Gefühl. Und zwar die Enttäuschung, dass die deutsch-französische Freundschaft unter dem finanzkrisenhaften Druck der Gegenwart zur bloßen politfolkloritischen Phrase verkommt. Als eine Art embedded écrivain dokumentiert Le Maire, der selbst fließend Deutsch spricht, dass man in der Grande Nation gebannt auf Europas neuen Hegemon schaut, dort aber einen immer kleineren Resonanzraum findet. Die politischen Eliten in Berlin, allen voran Madame Merkel selbst, interessierten sich nur noch bedingt für den Nachbarn. Dies zeige sich auch im größeren Zusammenhang: Städtepartnerschaften schlafen ein, Jugendaustauschprogramme werden lustlos verwaltet. Folgt man also der Diagnose Le Maires, erscheint jenes von den Philosophen Michel Serres und Alain Badiou kürzlich vorgebrachte Gedankenspiel, dass Frankreich und Deutschland einst sogar zu einem gemeinsamen Staat zusammenwachsen mögen, illusorischer denn je. Vielmehr geht es heute eher darum, dass man, so abgegriffen es auch klingen mag, überhaupt wieder in ein richtiges Gespräch kommt.

Elvis und Eminem

Vor diesem Hintergrund ist es also schon ganz grundlegend zu würdigen, dass das Institut français Berlin am Freitag zur ersten „Langen Nacht der Philosophie“ einlud und dafür den organisatorischen Kraftakt bewältigte, über siebzig Philosophen und Künstler (leider kaum Philosophinnen und Künstlerinnen) aus Deutschland und Frankreich zu einer intellektuellen Tour de Force zu versammeln. Von 19:00 Uhr bis 7:00 Uhr wurden auf allen vier Etagen des Maison de France 62 jeweils 20minütige Vorträge und 12 Performances geboten, die sich im zu einem philosophischen Fest fügten. Den Auftakt im hauseigenen Cinéma machte Markus Gabriel. Der 34jährige "Shootingstar der zeitgenössischen Philosophie" (SWR) – jüngster Philosophieprofessor Deutschlands, Bestseller-Autor und zeitweiser FAZ-Kolumnist – gab durch seine performative Präsenz schnell zu erkennen, warum er als Darling des hiesigen Kulturbetriebs firmiert. In einem atemlosen Ritt präsentierte er einige Aperçus seiner "Sinnfeldontologie", welche er auch in seinem jüngsten Buch Warum es die Welt nicht gibt entfaltet. Seine Grundthese barg dabei durchaus Zündstoff: Da es so etwas wie "phänomenale Blasen", also etwaige Wirklichkeitsschleier, die das Subjekt von der Erkenntnis der Welt abhielten, nicht gebe, müsse insbesondere in den Geisteswissenschaften die "Angst vor der Wahrheit" (Hegel) überwunden werden. Das heißt wiederum nichts geringeres, als dass "harte" Begriffe wie "Geist", "Wissen" oder "Erkenntnis" wieder zweifelsfrei hochgehalten werden sollten. Wer quasi im Vorbeigehen so die gesamte Dekonstruktion vom Tisch wischt, muss, vorsichtig formuliert, sehr viel Selbstbewusstsein mitbringen. Gabriel, daran ließ er keinen Zweifel, hat davon genug. Doch Kühnheit allein reicht freilich nicht. Denn abgesehen davon, dass seine Thesen bisweilen selbst allzu aufgeblasen daherkommen, wünschte man sich, er würde seine affektierte Rhetorik um ein, zwei Gänge runter schalten. Kurzum: Wenn Slavoj Zizek, mit dem Gabriel zusammen ein Buch über den deutschen Idealismus verfasste, von der Kritik gerne als „Elvis der Philosophie“ apostrophiert wird, geht Gabriel als Eminem durch.

Descartes und die Zombies

Gunter Gebauer ließ es in seinem Vortrag "Der fragile Mensch und seine Gegenkräfte" indes ruhiger, aber eben auch präziser angehen. In klugen Ausführungen zeichnete er nach wie Arnold Gehlen zum Vordenker des deutschen Konservatismus avancierte. Rubrizierte Gehlen den Menschen ob seiner "biologischen Mittelosigkeit" als "hoffnungslos unangepasstes Wesen", so leitete er daraus einen Imperativ der "Hocharbeitung" ab, der jedoch weniger wissenschaftlich, denn vielmehr teleologisch-normativ imprägniert ist. Die Idee von der göttlichen Erwählung des Menschen wird hier, so Gebauer, ins Biologische gewendet, sodass der homo sapiens nur zwischen der Sollensforderung und dem Scheitern wählen könne. Und weil letzteres stets als Damoklesschwert über der Menschheit schwebe, bedarf es nach Gehlen immer jener Elite, die die Schwachen moralisch mitzieht oder ihnen zumindest eiserne Regeln auferlegt. Gebauer spricht es zwar nicht direkt aus, aber dass sich Hobbygenetiker wie Thilo Sarrazin auch heute noch in dieser Tradition verorten lassen, erschließt sich von selbst. Das Antidot zu diesem Denken komme überraschenderweise gerade von Nietzsche. In dessen Konzept vom Übermenschen gehe es nämlich gerade nicht um einen teleologisch-biologistischen Imperativ, sondern um die Weiterentwicklung des Menschen aus sich selbst heraus. Worauf Nietzsche also bereits verweist, sei jene variable Anpassungsfähigkeit, die Nassim Nicolas Taleb als Erzeugung von "Anti-Fragilität" verbucht. Denn was den Menschen eben ausmacht, ist, dass er auch seine Schwächen permanent in Stärken verwandeln kann.

In der dichtgedrängten Médiathèque des Hauses spürte Holm Tetens unter dem Titel "Descartes und die Zombies" im Anschluss dann der Aktualität des Dualismus nach. Seine Argumentation, die an die Überlegungen des australischen Philosophen David Chalmers angelegt war, offenbarte sich dabei als gleichermaßen überraschend wie einleuchtend: Gilt im neurobiologischen Zeitalter das Motto "Ich bin mein Gehirn", erscheint die cartesianische Maxime der Leib-Seele-Trennung zunächst als philosophiegeschichtliches Relikt. Zumal Descartes in der Begründung seiner zentralen Aussage, also der Behauptung eines unabhängigen Auftretens von geistigen und physischen Zuständen, auf zwei zentrale Begriffe rekurriert, die uns aus wissenschaftlicher Perspektive mittlerweile ziemlich obsolet erscheinen: Gott und Substanz. Doch Descartes' Argumentation, so Tetens, gewinnt just dann wieder an Bedeutung, wenn man Gott und Substanz einfach durch den Begriff des Zombies ersetzt. Insofern damit im weiteren Sinne jedes Duplikat eines Menschen minus Bewusstsein gemeint ist, beispielsweise in Form intelligenter Roboter, bekomme die physikalistische Theorie nämlich Probleme. Anders gesagt: Insofern die Existenz von "Zombies" vorstellbar ist, scheinen physische und geistige Prozesse auch heute unabhängig von einander denkbar.

Paris, Berlin, Wien

Gegen 21:00 Uhr, kurz vor dem Referat Étienne Balibars, dem Star des Abends, ging es im überquellenden Maison de France nur noch schiebend voran. Dass offensichtlich auch die Veranstalter von diesem enormen Andrang überrascht wurden, ließ sich schon daran erkennen, dass das Barpersonal bei der Ausgabe von Bier, Wein und Espresso bisweilen arg ins Rudern geriet. Doch wurde gerade in diesen Momenten en passant deutlich, dass der Veranstaltung, genau wie der Philosophie selbst, freilich kein rein binationaler, sondern ein europäischer Geist innewohnt. Zumindest wähnte man sich in atmosphärischer Hinsicht bisweilen weniger in Berlin oder Paris, sondern vielmehr in Wien: viel Kultur, Kaffee und Alkohol auf engstem Raum.

Étienne Balibar, der 1968 mit Louis Althusser den Klassiker Das Kapital lesen schrieb und später den Begriff der Egaliberté, der Gleichfreiheit, prägte, umkreiste in seinem "Allgemeinheit denken in der postmodernen Welt" betitelten Vortrag zunächst den Begriffs des Multikulturalismus. Dieser dürfe in seiner Ausdeutung nicht Politikern und Politologen überlassen, sondern müsse fortlaufend philosophisch angereichert werden. Denn gescheitert, so wie es beispielsweise Angela Merkel formulierte, sei er keineswegs. Vielmehr bilde er die Grundkondition des postmodernen Zeitalters. Insofern Subjektbindungen auf der Basis fragiler Identitäten heute komplexer und heterogener als je zuvor seien, bewegten sie sich stets nur auf, nicht hinter Grenzlinien. Im Sinne Stuart Halls und Homi K. Bhabhas gelte es also, sich einer steten Übersetzungsarbeit kultureller Narrative zu widmen und eine "Symmetrie der Gegensätze" zu antizipieren. Denn die Idee eines Universums muss, so Balibar, heute mehr denn je durch die des Multiversums ersetzt werden.

Auf dem Pflaster der Realität

Nicht weniger prall gefüllt war das Auditorium beim anschließenden Vortrag Joseph Vogls. In seinem Referat "Das Reale und Allzumenschliche" sondierte der an der Humboldt-Universität lehrende Kulturwissenschaftler die Denkräume des "spekulativen Realismus" und fragte, was passiert, wenn "menschliche Köpfe auf das Pflaster der Realität knallen“? Denn gerade in den Zeiten der Finanzkrise bekämen die Begriffe des Realen und der Realität Deckungsprobleme. Manifestiert sich zunehmend ein Bruch zwischen Denken und Sein, so gerät jenes "menschenfreie Geschehen" in den Blickpunkt, das in der Philosophie gemeinhin als das "Außen" rubriziert wird. Und dieses Außen sei deshalb eine so intrikate Kategorie, weil es letztendlich alle Narrative zum kollabieren bringe, indem es deren Kontingenz, ihre buchstäbliche Haltlosigkeit freilege. Doch gerade dadurch gewinne das Denken wiederum an spekulativen Räumen, werden doch alle Sprachspiele "durch die Vertikalachse des Realen gedeckt." Geht es bereits bei Heidegger um die Differenz zwischen Denkbarem und Undenkbarem, sind es vor allem Poststrukturalisten wie Deleuze, Foucault und Blanchot, die in einer philosophischen Volte das Außen in das Innere einschließen. Sie reflektieren die Entfernung des Denkens zu sich selbst, sodass sich ein "Transzendentalwerden der Idiotie" vollzieht. Insofern also die "Löcher des Realen" stets mitgedacht werden, ist das Denken der Kontingenz zwar notwendigerweise von einer "dezisionistischen Anspannung" geprägt, schiebt dafür aber auch allen Phantasmen universeller Erlösbarkeit einen philosophischen Riegel vor.

Um 1:30 Uhr, die Synapsen schalteten ob der vorgerückten Stunde nur noch untertourig, galt es Marc de Launays Reflektionen über kontemplative Malerei zu folgen. Dessen meditative Einlassungen über das Spannungsfeld von vita actica und vita passiva in Pieter Aertsen 1552 angefertigtem Gemälde "Christus bei Maria und Martha" offenbarten sich dem Chronisten zwar als weitestgehend unverständlich, doch im geräumigen Kinosessel vermochte selbst das fortgeschrittene Nicht-Verstehen eine gewisse Befriedigung zu entfalten. Und vielleicht ist das ja dann auch die philosophische Existenz in a nutshell: Verständnisprobleme in komfortabler Polsterung.

Die prä-soziale Erscheinung José Mourinhos

Um 3:00 Uhr lieferte Wolfram Eilenberger, Chefredakteur des Philosophie-Magazins mit Trainerlizenz, indes noch eine buchstäblich erfrischende Phänomenologie der Fußballnationalmannschaft. Dem Titel "Sport als ästhetische Erfahrung" nur lose folgend, präsentierte er eine "philosophische Orientierungshilfe für Jogi Löw", indem er eine Trias fußballerischer Kardinaltugenden skizzierte. Erstens: Serendipität, das Herbeiführen produktiver Zufälle, verkörpert durch Torgarant Thomas Müller. Zweitens: Resilienz, die Toleranz gegenüber Systemstörungen, verkörpert durch Stehaufmännchen Sami Khedira. Und drittens: Präsenz, verkörpert durch den mitspielenden Torwart Manuel Neuer. Das Problem sei nur, dass es dem deutschen Team insbesondere an den letzten beiden Prinzipien mangele. Bei Rückständen oder Verletzungen komme die Mannschaft zu oft aus dem Tritt und strahle auf dem Platz zudem bisweilen nur eine mittelmäßige Präsenz aus. Letzteres zeige sich auch an Löw selbst, der, im Gegensatz zur „prä-sozialen Erscheinung eines José Mourinho“, in der Coaching-Zone eher blass bleibe. Eilenbergers bitteres Fazit: Aus philosophischer Perspektive müsste Italien Weltmeister werden.

Um 4:30 Uhr, der Himmel ließ bereits die ersten Sonnenstrahlen passieren, hatten sich die Besucherreihen bereits merklich ausgedünnt. Auch der Chronist musste den Dienst an dieser Stelle quittieren. Man möchte jedoch tatsächlich hoffen, dass die "Nacht der Philosophie" zur Berliner Institution wird. In diesem Sinne: à la prochaine.

Nachtrag: Mirjam Schaub hat im Blog der FAZ noch einmal dezidiert (und in der nötigen Deutlichkeit) auf die faktische Abwesenheit von Rednerinnen hingewiesen.

Am 13.-14. Juni (19:00 Uhr - 7 Uhr) fand im Instiut francais am Berliner Kurfürstendamm die erste "Nacht der Philosophie" statt. Rund die Hälfte der über siebzig Beitragenden kam aus Frankreich. Bis auf wenige Ausnahmen hielten sie ihre Vorträge auf Deutsch.

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