Risse in der Matrix

Realität Die These, die Menschheit sei nur eine gigantische Computer-Simulation, erfreut sich wachsender Beliebtheit. Unser Autor meint: Schön wär’s!

Haben Sie neulich, als Ihnen jemand Kaffee auf den Mantel kippte, weshalb Sie vor Schreck über einen Poller stürzten, so dass Ihnen der Bus vor der Nase wegfuhr, innerlich geschrien: „Das kann doch jetzt nicht wahr sein!“? Falls ja, gibt es eine gute Nachricht: Sie hatten womöglich recht. Also zumindest in gewisser Hinsicht. Denn eventuell ist die Menschheit, ja das gesamte Universum nur ein großer Bluff. Genauer: ein ziemlich gut geschriebenes Computerprogramm.

Das zumindest hält Elon Musk, Mitgründer des Bezahldiensts PayPal und CEO der Raumfahrtfirma SpaceX sowie des Elektroautoherstellers Tesla, für überaus plausibel. Im Juni bemerkte er auf einer Konferenz, dass die Wahrscheinlichkeit, dass wir nicht in einer Simulation lebten, lediglich „eins zu einer Milliarde“ betrage. Bedenke man, dass der technische Fortschritt der vergangenen 40 Jahre von Pong, einem simpel animierten Tischtennisspiel, bis zur fotorealistischen Virtual Reality der Gegenwart geführt habe, sei deshalb nicht nur anzunehmen, dass Realität und Simulation in Zukunft vollständig verschmelzen würden, sondern es sei ebenso möglich, dass wir bereits jetzt schon Codes einer fernen „Superintelligenz“ seien.

Die jüngste Ausgabe des New Yorker legte noch einen drauf. In einem Porträt des Venture-Kapitalisten Sam Altman findet sich nämlich ein fast beiläufiger Satz, der in US-amerikanischen Medien jedoch für viel Aufsehen sorgte. Im Silicon Valley gebe es, erklärte das Magazin, zwei namentlich nicht genannte Tech-Milliardäre, die sich heimlich bereits mit dem Vorhaben beschäftigten, uns aus dieser Simulation herauszuholen. Sind wir also nur Super-Sims in einer Matrix? Was, zugegeben, jetzt eher unwahrscheinlich klingt, halten manche Wissenschaftler zumindest für denkbar. Nicht nur in der theoretischen Physik, allen voran in der Superstringtheorie, sondern auch in der Philosophie bewegen sich einige Gedanken in diese Richtung.

Der in Oxford lehrende Philosoph Nick Bostrom, der 2014 den Bestseller Superintelligenz veröffentlichte, bemerkte beispielsweise bereits in seinem Essay Are You Living in a Computer Simulation? – erschienen 2003 –, es sei theoretisch möglich, dass wir nur digitale Schatten unserer (posthumanen) Nachfahren seien. Zumal die Vorstellung, wir lebten bloß in einer Welt der Abbilder, ja so alt ist wie die Philosophie selbst. Sie beginnt bekanntlich mit Platons Höhlengleichnis, geht über Descartes’ Meditationen, wo dieser behauptetet, wir könnten letztlich nicht definitiv unterscheiden, ob wir wachten oder träumten, bis hin zu Jean Baudrillard, der in der postmodernen Medienwelt eine „Agonie des Realen“ diagnostizierte und damit die Matrix-Trilogie inspirierte.

Grund genug also, um tatsächlich zu fragen: Was, wenn wir in einer Simulation lebten? Für anständige Humanisten bedeutete das natürlich puren Horror: der Mensch, der freie Wille, alles passé. Für den Homo sapiens wäre es aber vielleicht dennoch das Beste, was ihm passieren könnte. Insofern wir uns nämlich darüber bewusst sein könnten, dass wir nur eine Simulation sind, fiele ja mit einem Schlag all der metaphysische Ballast von den menschlichen Schultern. Im Angesicht der radikalen Künstlichkeit der Welt relativierte sich jeder Absolutheitsanspruch, jeder Gott, jede Nation, jedes Geschlecht. Und zudem wäre es auch überaus tröstlich, wenn man schlechten Kaffee, Zahnschmerzen und die AfD als bloße Risse in der Matrix erklären könnte.

06:00 21.10.2016
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