Vom linken Argwohn gegen die Wimpel

Fußball Der Partypatriotismus ist nicht so harmlos, wie er tut. Dennoch ist es absurd, ihn generell als protofaschistisches Einfallstor zu begreifen
Nils Markwardt | Ausgabe 22/2016 15
Vom linken Argwohn gegen die Wimpel
Auf den Hunde gekommen?

Foto: Christian Ohde/Imago

Alle zwei Jahre dasselbe. Auch dieser Tage flattern zur EM, wie zuletzt zur WM, „Schland“-Fähnchen an Autos, und die Supermärkte sind voll mit Merchandisemumpitz in Schwarz-Rot-Gold. Abermals wird unter Linksliberalen jetzt die Gretchenfrage gestellt: Sag, wie hältst du’s mit dem Partypatriotismus?

Handelt es sich bei der Fußballfolklore, die hierzulande seit der WM 2006 besonders eifrig kultiviert wird, um einen zwar nervigen, aber harmlosen Eventfirlefanz, womöglich um den Ausdruck eines entspannten Verhältnisses zur Nation? Oder muss man die schwarz-rot-goldene Euphorie als erste Stufe des Abrutschens in den Nationalismus verbuchen, zumal in einer Situation, in der rechtspopulistische Parteien europaweit auf dem Vormarsch sind? Good Ol’ Adorno schrieb: „Für zwei Stunden schweißt der große Anlass die gesteuerte und kommerzialisierte Solidarität der Fußballinteressenten zur Volksgemeinschaft zusammen. Der kaum verdeckte Nationalismus solcher scheinbar unpolitischen Anlässe von Integration verstärkt den Verdacht ihres destruktiven Wesens.“

Zweifellos ist der Partypatriotismus um den Ball mitunter nicht ganz so harmlos, wie er tut. Am Rande von „Public Viewings“ kommt es immer wieder zu rassistischer Rhetorik und gewalttätigen Übergriffen. Ebenso ist klar, dass er von Rechtspopulisten gern als Plattform für Parolen benutzt wird. Es gibt also viele gute Gründe, sich ihm zu entziehen, nicht zuletzt ästhetische.

Aber es ist wohl ebenso absurd, ihn generell als protofaschistisches Einfallstor zu begreifen. Schon deshalb, weil sich Linke dann in einem Widerspruch verheddern. Während nämlich auf der einen Seite die 99 Prozent beschworen werden, direkte Demokratie gefordert und grassierender Klassismus kritisiert wird, kehrt man beim Fußball wieder zum volkspädagogischen Paternalismus zurück. Nach dem Motto: Man muss die Leute vor ihrem inneren Nazi schützen! Zumal es sich herumgesprochen habe dürfte, dass beim Torjubel für das deutsche Team Barbarossa, Bismarck oder Bormann in der Regel nicht mitgemeint sind.

Außerdem können derlei Großevents auch multikulturelle Räume der Zugehörigkeit stiften. Wie wenig das jedoch in manchen linken Kreisen (an)erkannt wird, zeigte vor sechs Jahren, während der WM in Südafrika, ein Fall in Berlin. Die Cousins Ibrahim und Youssef Bassal, deutsch-libanesische Besitzer eines Elektroshops in Neukölln, hatten an ihrem Haus eine 20 Meter lange Deutschlandfahne befestigt, die gleich zweimal von Linksautonomen gestohlen wurde. Im Stadtmagazin Tip sagten die Bassals, bezogen auf die Diebe: „Sie denken, wir gehören nicht hierher und deshalb können sie mit uns machen, was sie wollen. Aber das ist falsch. Wir gehören hierher.“

Es gibt kaum einen gesellschaftlichen Bereich, bei dem Argument und Verkörperung der multiethnischen Gesellschaft so dicht beieinander liegen wie beim Fußball. Die Antirassismus-Appelle von UEFA und DFB mögen meist trocken-technokratisch daherkommen, was sie konkret bedeuten, sieht man jedoch direkt auf dem Platz. Das hat nicht zuletzt auch die große Unterstützung Jérôme Boatengs gezeigt, der von AfD-Vize Alexander Gauland kürzlich mit einer rassistischen Bemerkung bedacht worden ist.

Fest steht jedenfalls: Spielt das eigene Team erfolglos, sind Fußballfans bisweilen die Ersten, die sich wie kämpferische Linke anhören. Dann heißt es nämlich: „Scheiß-Millionäre!“

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06:00 07.06.2016
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