Wo bleibt der Stolz?

Klassenkampf Wenn die Linken die „kleinen Leute“ noch erreichen wollen, müssen sie ihre Sprache ändern
Nils Markwardt | Ausgabe 32/2016 69
Wo bleibt der Stolz?
Proletarische Identität: Ernst Thälmann in Magdeburg
Foto: Fossiphoto/Imago

Donald Trump, Front National oder AfD: Fast überall in der westlichen Welt sind Rechtspopulisten auf dem Vormarsch. Dabei verbindet sie vor allem eins: Sie stoßen besonders in den unteren Einkommensschichten auf Resonanz. Stellt sich die Frage: Warum? Genauer gesagt: Auch wenn die Arbeitermilieus historisch keine „natürliche“ Klientel der Linken bilden, da sie auch immer schon in konservativen Kreisen verankert waren, bleibt zu klären, warum linke Parteien nun so erschreckend eindeutig von rechtspopulistischen abgelöst werden.

Risse in Familien

Eine erste Antwort liefert Didier Eribon in seinem jüngst auf Deutsch erschienenen Buch Rückkehr nach Reims: „So widersprüchlich es klingen mag“, heißt es dort, „bin ich mir doch sicher, dass man die Zustimmung zum Front National zumindest teilweise als eine Art politische Notwehr der unteren Schichten interpretieren muss. Sie versuchten, ihre kollektive Identität zu verteidigen, oder jedenfalls eine Würde, die seit je mit Füßen getreten worden ist und nun sogar von denen missachtet wurde, die sie zuvor repräsentiert und verteidigt hatten.“ Das sind starke Worte, die, stammten sie von einem Rechtsausleger, von manchem schon als Relativierung von Fremdenfeindlichkeit gedeutet werden könnten. Aber sie stammen eben von Eribon, einem linken Philosophen, LGBT-Aktivisten und Biografen Michel Foucaults.

Der 1953 geborene Denker kommt selbst aus einer Arbeiterfamilie. In Rückkehr nach Reims, einer Mischung aus erzählender Autobiografie und soziologischer Studie, beschreibt Eribon, wie er, der alle Verbindungen gekappt hatte, wieder Kontakt zu seiner Heimat aufnimmt. Und dabei treibt ihn vor allem eins um: Wie konnte es passieren, dass seine Eltern, Brüder und Cousinen, die früher selbstverständlich die Kommunistische Partei wählten, zu Anhängern des Front National wurden? Nun werden dafür in der Regel eine Reihe von Gründen angeführt: vom Siegeszug des Neoliberalismus über den ökonomischen Strukturwandel bis zur Kritik, die Linke beschäftige sich heute nur noch mit postmaterialistischen Identitätsfragen statt mit wirtschaftlichen Verteilungskonflikten. Bei Eribon steht das alles im Hintergrund – er hebt vor allem auf den Aspekt der Identität ab.

Denn in dem Moment, wo Teile der Linken den „Dritten Weg“ beschritten und plötzlich von Eigenverantwortung und Ich-AG sprachen, manifestierten sie ja nicht nur eine Dauerprekarisierung ganzer Milieus, sie zerstörten auch die letzten Reste eines Klassenbewusstseins. Das zeigt sich schon sprachlich. Aus Arbeitern wurden „Geringverdiener“, aus Proletariern „sozial Schwache“. Aus einem Kollektivsubjekt, das Rechte einforderte, wurde ein Sammelsurium von Opfern und Hilfsempfängern.

Welchen psychopolitischen Effekt das hatte, wird klar, wenn man sich vergegenwärtigt, dass kommunistische und sozialdemokratische Parteien historisch nicht nur als nüchterne Interessenvertreter der Arbeiterschaft dienten, sondern immer auch proletarische Identitätsmaschinen bildeten. Mit einem Repertoire an Symbolen und Narrativen, von der roten Fahne bis zur Internationale, gaben sie ihren Anhängern zurück, was im Fabrikalltag verloren zu gehen drohte: Stolz und Würde.

Und das war nicht zuletzt deshalb möglich, weil der Marxismus, ob nun revolutionär oder reformistisch, das dialektische Versprechen barg, mit der „Philosophie des Elends“ Schluss zu machen: Aus dem Knecht sollte schließlich irgendwann der Herr werden. Fragt man sich also, warum Trump so viele blue-collar workers begeistert, 86 Prozent der Arbeiter bei der Stichwahl zum österreichischen Präsidenten für FPÖ-Kandidat Norbert Hofer votierten oder die AfD der Linkspartei Wähler abwirbt, besteht eine Antwort darin, dass die Rechtspopulisten schlicht eine Lücke füllen. Obschon deren ökonomische Programme den Interessen der unteren Schichten bisweilen sogar widersprechen, die AfD ist in dieser Hinsicht ja weitestgehend noch jene neoliberale Honoratiorenpartei, als die sie einst startete, geben sie sich als Repräsentanten der „kleinen Leute“. Und im Gegensatz zur Linken haben sie obendrauf vor allem noch ein Identitätsangebot: jenes völkische Phantasma, das Stolz bereits aus der Nationalität und Hautfarbe ableitet.

Und es ist ja nicht so, dass alle, die für Front National oder AfD stimmen, damit schlagartig rassistisch würden. Allein deshalb nicht, weil viele es schon vorher waren. Eribon beschreibt etwa eindrücklich, wie stark der Alltagsrassismus in seiner Familie bereits in jener Zeit war, als diese noch für die Parti Communiste votierte. „Mit der Entscheidung für linke Parteien wählte man gewissermaßen gegen seinen unmittelbaren rassistischen Reflex an, ja gegen einen Teil des eigenen Selbst, so stark waren diese rassistischen Empfindungen.“ Parlamentarisch übersetzt sich Fremdenfeindlichkeit also vollends erst dann, wenn der Antagonismus zwischen Kapital und Arbeit von der politischen Bühne verschwindet.

Neben der von Eribon aufgeworfenen Frage der Identität ließe sich aber noch ein weiterer Aspekt anbringen. Und zwar die Tatsache, dass linke Diskurse oft nur noch von dem bestimmt sind, was der italienische Literaturwissenschaftler Daniele Giglioli „Opferideologie“ nennt. Nun muss man bei dem Wort Opferideologie erst einmal schlucken. Hört sich das doch zunächst nach einem jener Rülpser aus der Maskulinistenhölle an, wonach es gar keine Opfer von Rassismus, Sexismus oder Homophobie gebe, sondern es genau andersherum sei. „Gender-Ideologie“ und Political Correctness bildeten ideologische Waffen im Feldzug gegen den weißen Mann.

Es ist jener gleichermaßen reaktionäre wie perfide Ethos, den Clint Eastwood kürzlich im Interview mit Esquire auf den Punkt brachte, als er sich darüber mokierte, dass wir in einer „pussy generation“ leben, in der Menschen andere Menschen tatsächlich des Rassismus bezichtigen. „Als ich groß wurde“, sagte Eastwood, „hat man solche Sachen nicht rassistisch genannt.“

Im Gegensatz zu diesem reaktionären Diskurs, der sich ja deshalb wieder in die 50er Jahre wünscht, weil da Frauen, Schwarze und Homosexuelle eben noch die Schnauze zu halten hatten, geht es Giglioli in seinem Essay Die Opferfalle um etwas anderes. Wenn die Formulierung einer Opferposition nicht mehr mit der Idee der Ermächtigung verbunden sei, drohe die Kultivierung von Passivität, schreibt Gigliolo. Das heißt: Wird das Ausstellen der eigenen Erniedrigungen zum Selbstzweck, bindet sich der Mensch an seine eigenen Verletzungen. Dann wird er zur bloßen Summe seiner Kränkungen. „Das Opfer ordnet das Sein hinter das Haben, reduziert das Subjekt auf einen Träger von Eigenschaften (und nicht etwa von Handlungen), verlangt von ihm auf schmerzhafte, aber stolze Weise das zu bleiben, was es ist.“

Es fehlt eine Idee des Guten

Die Kritik zielt also nicht darauf, dass Menschen kein Zeugnis von ihrem erlittenen Unrecht ablegen sollten. Sie zielt darauf, dass es ohne politisches Projekt in einer bloßen Ontologie des Mangels münden kann. Und das führt nicht nur dazu, dass der Konflikt immer öfter durch den Skandal, Politik durch Moral ersetzt wird, sondern auch, sagt Giglioli, zum „Verlust einer allgemeinen, positiven Idee des Guten“. Dass dieser Verlust real ist, erkennt man bereits daran, dass linke Kampagnen ihre argumentative Schlagkraft oft nur noch aus der Verhinderung von Rechtspopulisten ziehen können.

Was also tun? Ein bloßes Zurück zum alten Klassenkampf kann es freilich nicht sein. Schon deshalb, weil der klassische Marxismus historisch ja bewiesen hat, dass er jene emanzipatorischen Diskurse, ohne die eine offene Gesellschaft nicht zu denken ist, Feminismus oder den Kampf für die Rechte von Homosexuellen, nicht ausreichend integrieren konnte, ja ihnen bisweilen sogar widersprach. Eribon beschreibt zum Beispiel, wie sehr ihm bei seinem politischen Engagement immer wieder Homophobie entgegenschlug. Vielleicht wäre es aber ein Anfang, wenn die Linke jenes Bonmot von Karl Marx beherzt, wonach es zunächst nicht darum geht, alle gesellschaftlichen Widersprüche aufzuheben, sondern darum, ihnen eine Form zu geben, in der sie sich bewegen können. Die Rechtspopulisten tun das nämlich bereits.

Info

Rückkehr nach Reims Didier Eribon Suhrkamp 2016, 240 S., 18 €

Die Opferfalle Daniele Giglioli Matthes & Seitz 2015, 126 S., 14,90 €

06:00 13.08.2016
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