Nils Markwardt
Ausgabe 3216 | 13.08.2016 | 06:00 69

Wo bleibt der Stolz?

Klassenkampf Wenn die Linken die „kleinen Leute“ noch erreichen wollen, müssen sie ihre Sprache ändern

Wo bleibt der Stolz?

Proletarische Identität: Ernst Thälmann in Magdeburg

Foto: Fossiphoto/Imago

Donald Trump, Front National oder AfD: Fast überall in der westlichen Welt sind Rechtspopulisten auf dem Vormarsch. Dabei verbindet sie vor allem eins: Sie stoßen besonders in den unteren Einkommensschichten auf Resonanz. Stellt sich die Frage: Warum? Genauer gesagt: Auch wenn die Arbeitermilieus historisch keine „natürliche“ Klientel der Linken bilden, da sie auch immer schon in konservativen Kreisen verankert waren, bleibt zu klären, warum linke Parteien nun so erschreckend eindeutig von rechtspopulistischen abgelöst werden.

Risse in Familien

Eine erste Antwort liefert Didier Eribon in seinem jüngst auf Deutsch erschienenen Buch Rückkehr nach Reims: „So widersprüchlich es klingen mag“, heißt es dort, „bin ich mir doch sicher, dass man die Zustimmung zum Front National zumindest teilweise als eine Art politische Notwehr der unteren Schichten interpretieren muss. Sie versuchten, ihre kollektive Identität zu verteidigen, oder jedenfalls eine Würde, die seit je mit Füßen getreten worden ist und nun sogar von denen missachtet wurde, die sie zuvor repräsentiert und verteidigt hatten.“ Das sind starke Worte, die, stammten sie von einem Rechtsausleger, von manchem schon als Relativierung von Fremdenfeindlichkeit gedeutet werden könnten. Aber sie stammen eben von Eribon, einem linken Philosophen, LGBT-Aktivisten und Biografen Michel Foucaults.

Der 1953 geborene Denker kommt selbst aus einer Arbeiterfamilie. In Rückkehr nach Reims, einer Mischung aus erzählender Autobiografie und soziologischer Studie, beschreibt Eribon, wie er, der alle Verbindungen gekappt hatte, wieder Kontakt zu seiner Heimat aufnimmt. Und dabei treibt ihn vor allem eins um: Wie konnte es passieren, dass seine Eltern, Brüder und Cousinen, die früher selbstverständlich die Kommunistische Partei wählten, zu Anhängern des Front National wurden? Nun werden dafür in der Regel eine Reihe von Gründen angeführt: vom Siegeszug des Neoliberalismus über den ökonomischen Strukturwandel bis zur Kritik, die Linke beschäftige sich heute nur noch mit postmaterialistischen Identitätsfragen statt mit wirtschaftlichen Verteilungskonflikten. Bei Eribon steht das alles im Hintergrund – er hebt vor allem auf den Aspekt der Identität ab.

Denn in dem Moment, wo Teile der Linken den „Dritten Weg“ beschritten und plötzlich von Eigenverantwortung und Ich-AG sprachen, manifestierten sie ja nicht nur eine Dauerprekarisierung ganzer Milieus, sie zerstörten auch die letzten Reste eines Klassenbewusstseins. Das zeigt sich schon sprachlich. Aus Arbeitern wurden „Geringverdiener“, aus Proletariern „sozial Schwache“. Aus einem Kollektivsubjekt, das Rechte einforderte, wurde ein Sammelsurium von Opfern und Hilfsempfängern.

Welchen psychopolitischen Effekt das hatte, wird klar, wenn man sich vergegenwärtigt, dass kommunistische und sozialdemokratische Parteien historisch nicht nur als nüchterne Interessenvertreter der Arbeiterschaft dienten, sondern immer auch proletarische Identitätsmaschinen bildeten. Mit einem Repertoire an Symbolen und Narrativen, von der roten Fahne bis zur Internationale, gaben sie ihren Anhängern zurück, was im Fabrikalltag verloren zu gehen drohte: Stolz und Würde.

Und das war nicht zuletzt deshalb möglich, weil der Marxismus, ob nun revolutionär oder reformistisch, das dialektische Versprechen barg, mit der „Philosophie des Elends“ Schluss zu machen: Aus dem Knecht sollte schließlich irgendwann der Herr werden. Fragt man sich also, warum Trump so viele blue-collar workers begeistert, 86 Prozent der Arbeiter bei der Stichwahl zum österreichischen Präsidenten für FPÖ-Kandidat Norbert Hofer votierten oder die AfD der Linkspartei Wähler abwirbt, besteht eine Antwort darin, dass die Rechtspopulisten schlicht eine Lücke füllen. Obschon deren ökonomische Programme den Interessen der unteren Schichten bisweilen sogar widersprechen, die AfD ist in dieser Hinsicht ja weitestgehend noch jene neoliberale Honoratiorenpartei, als die sie einst startete, geben sie sich als Repräsentanten der „kleinen Leute“. Und im Gegensatz zur Linken haben sie obendrauf vor allem noch ein Identitätsangebot: jenes völkische Phantasma, das Stolz bereits aus der Nationalität und Hautfarbe ableitet.

Und es ist ja nicht so, dass alle, die für Front National oder AfD stimmen, damit schlagartig rassistisch würden. Allein deshalb nicht, weil viele es schon vorher waren. Eribon beschreibt etwa eindrücklich, wie stark der Alltagsrassismus in seiner Familie bereits in jener Zeit war, als diese noch für die Parti Communiste votierte. „Mit der Entscheidung für linke Parteien wählte man gewissermaßen gegen seinen unmittelbaren rassistischen Reflex an, ja gegen einen Teil des eigenen Selbst, so stark waren diese rassistischen Empfindungen.“ Parlamentarisch übersetzt sich Fremdenfeindlichkeit also vollends erst dann, wenn der Antagonismus zwischen Kapital und Arbeit von der politischen Bühne verschwindet.

Neben der von Eribon aufgeworfenen Frage der Identität ließe sich aber noch ein weiterer Aspekt anbringen. Und zwar die Tatsache, dass linke Diskurse oft nur noch von dem bestimmt sind, was der italienische Literaturwissenschaftler Daniele Giglioli „Opferideologie“ nennt. Nun muss man bei dem Wort Opferideologie erst einmal schlucken. Hört sich das doch zunächst nach einem jener Rülpser aus der Maskulinistenhölle an, wonach es gar keine Opfer von Rassismus, Sexismus oder Homophobie gebe, sondern es genau andersherum sei. „Gender-Ideologie“ und Political Correctness bildeten ideologische Waffen im Feldzug gegen den weißen Mann.

Es ist jener gleichermaßen reaktionäre wie perfide Ethos, den Clint Eastwood kürzlich im Interview mit Esquire auf den Punkt brachte, als er sich darüber mokierte, dass wir in einer „pussy generation“ leben, in der Menschen andere Menschen tatsächlich des Rassismus bezichtigen. „Als ich groß wurde“, sagte Eastwood, „hat man solche Sachen nicht rassistisch genannt.“

Im Gegensatz zu diesem reaktionären Diskurs, der sich ja deshalb wieder in die 50er Jahre wünscht, weil da Frauen, Schwarze und Homosexuelle eben noch die Schnauze zu halten hatten, geht es Giglioli in seinem Essay Die Opferfalle um etwas anderes. Wenn die Formulierung einer Opferposition nicht mehr mit der Idee der Ermächtigung verbunden sei, drohe die Kultivierung von Passivität, schreibt Gigliolo. Das heißt: Wird das Ausstellen der eigenen Erniedrigungen zum Selbstzweck, bindet sich der Mensch an seine eigenen Verletzungen. Dann wird er zur bloßen Summe seiner Kränkungen. „Das Opfer ordnet das Sein hinter das Haben, reduziert das Subjekt auf einen Träger von Eigenschaften (und nicht etwa von Handlungen), verlangt von ihm auf schmerzhafte, aber stolze Weise das zu bleiben, was es ist.“

Es fehlt eine Idee des Guten

Die Kritik zielt also nicht darauf, dass Menschen kein Zeugnis von ihrem erlittenen Unrecht ablegen sollten. Sie zielt darauf, dass es ohne politisches Projekt in einer bloßen Ontologie des Mangels münden kann. Und das führt nicht nur dazu, dass der Konflikt immer öfter durch den Skandal, Politik durch Moral ersetzt wird, sondern auch, sagt Giglioli, zum „Verlust einer allgemeinen, positiven Idee des Guten“. Dass dieser Verlust real ist, erkennt man bereits daran, dass linke Kampagnen ihre argumentative Schlagkraft oft nur noch aus der Verhinderung von Rechtspopulisten ziehen können.

Was also tun? Ein bloßes Zurück zum alten Klassenkampf kann es freilich nicht sein. Schon deshalb, weil der klassische Marxismus historisch ja bewiesen hat, dass er jene emanzipatorischen Diskurse, ohne die eine offene Gesellschaft nicht zu denken ist, Feminismus oder den Kampf für die Rechte von Homosexuellen, nicht ausreichend integrieren konnte, ja ihnen bisweilen sogar widersprach. Eribon beschreibt zum Beispiel, wie sehr ihm bei seinem politischen Engagement immer wieder Homophobie entgegenschlug. Vielleicht wäre es aber ein Anfang, wenn die Linke jenes Bonmot von Karl Marx beherzt, wonach es zunächst nicht darum geht, alle gesellschaftlichen Widersprüche aufzuheben, sondern darum, ihnen eine Form zu geben, in der sie sich bewegen können. Die Rechtspopulisten tun das nämlich bereits.

Info

Rückkehr nach Reims Didier Eribon Suhrkamp 2016, 240 S., 18 €

Die Opferfalle Daniele Giglioli Matthes & Seitz 2015, 126 S., 14,90 €

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 32/16.

Kommentare (69)

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Ehemaliger Nutzer 13.08.2016 | 10:54

Gerne gelesen und als Ergänzung aus meinem Blogbeitrag:

Didier Eribon über "beschädigte" linke Sprache und Falschwörter: "Die linken Parteien mit ihren Partei- und Staatsintellektuellen dachten und sprachen fortan nicht mehr die Sprache der Regierten, sondern jene der Regierenden, sie sprachen nicht mehr im Namen von und gemeinsam mit den Regierten, sondern mit und für die Regierenden, sie nahmen gegenüber der Welt nunmehr einen Regierungsstandpunkt ein und wiesen den Standpunkt der Regierten verächtlich von sich, und zwar mit einer verbalen Gewalt, die von den Betroffenen durchaus als solche erkannt wurde. In den christsozialen oder philanthropischen Ausprägungen dieses neokonservativen Diskurses ließ man sich bestenfalls dazu herab, diejenigen, die gestern noch „unterdrückt“ oder „beherrscht“ gewesen waren und politisch „gekämpft“ hatten, als „Ausgeschlossene“ darzustellen, als „Opfer“ von „Armut, Prekarisierung und Ausgrenzung“ und somit als passive und stumme potentielle Empfänger technokratischer Hilfsmaßnahmen. Das war nur eine weitere scheinheilige und hinterhältige Strategie, alle Ansätze ins Abseits zu drängen, die argumentativ auf gesellschaftliche Unterdrückung und sozialen Kampf, auf die Reproduktion und Transformation sozialer Strukturen, auf die Trägheit und die Dynamik klassenbedingter Konflikte abhoben.[2] Die Mutation des politischen Diskurses verwandelte die Wahrnehmung der sozialen Welt und damit auch die soziale Welt selbst, die zu großen Teilen das performative Produkt der Begriffe ist, durch die wir auf sie blicken. Wenn man „Klassen“ und Klassenverhältnisse einfach aus den Kategorien des Denkens und Begreifens und damit aus dem politischen Diskurs entfernt, verhindert man aber noch lange nicht, dass sich all jene kollektiv im Stich gelassen fühlen, die mit den Verhältnissen hinter diesen Wörtern objektiv zu tun haben. Im Gegenteil: Von den Verfechtern des „Zusammenhalts“, der „notwendigen“ Deregulierung und des „notwendigen“ Rückbaus sozialer Sicherungssysteme fühlen sie sich nicht länger repräsentiert.[3 Quelle:Blätter für deutsche und internationale Politk. Augustausgabe 2016, S. 57 f. ( leider Zahlungsschranke😒)

Richard Zietz 13.08.2016 | 11:19

Was Frankreich anbelangt, erschien bereits im letzten Jahr eine gute (wenn auch leider ziemlich untergegangene) Analyse: Wer ist Charlie? Die Anschläge von Paris und die Verlogenheit des Westens von Emmanuel Todd. Todds Hauptbeobachtung: Der FN legte vor allem in den Hochburgen der früheren Arbeiterbewegungs-Linken deutlich zu – im nordfranzösischen Industrie- und Großlandwirtschaftsgürtel südlich der belgischen Grenze bis hin zum Elsass und an der Mittelmeerküste. Todds Ursachenanalyse: der aufgestiegene neue Mittelstand aus dem Reservoir der Linken und die konservativen Eliten des alten katholischen Frankreichs haben sich zwischenzeitlich amalgamiert zu einer Elite, die brutal Front macht gegen die Abgehängten. Diagnose auch hier: Abwendung von der sozialen Frage, Zuwendung zu postmateriellen Ideologiefragmenten inklusive der zu diesem Zweck neu aufgegleisten Diskursfragmente.

Todds Analyse fokussiert zwar auf Frankreich. Bezieht man landesspezifische Besonderheiten mit ein, findet der Klassenkampf zwischen Elite(n) und »Plebs« jedoch exakt nach dem im Artikel beschriebenen Muster statt – nicht nur europaweit, sondern überall dort, wo Gesellschaften genügend ausdifferenziert sind und eine passende »Sozialgenese« ausweisen. Dass die Linke mit dem seit den Neunzigern vollzogenen Umsatteln auf postmaterielle Problemstellungen besagten Prozess der Entfremdung aktiv mitbefördert hat, ist als Element so augenfällig, dass es eigentlich kaum noch einer besonderen Erwähnung bedarf.

Was würde helfen? Ich würde nicht so weit gehen wie im Artikelintro postuliert und eine andere Sprache fordern. Das Anstreben eines klassenübergreifenden Volksfront-Bündnisses hingegen gegen das Big Business von Multis, flottierendem Kapital, Militär und Politik (beziehungsweise einer Regenbogen-Koalition ähnlich der der US-Demokraten in ihren besten, »heroischsten« Zeiten) würde die richtigen Weichen stellen. Allerelementarste Voraussetzung eines solchen Bündnisses allerdings wäre die Umorientierung der die Breite der Gesellschaft bildenden Mittelschichten. Profan gesprochen: raus aus dem ideologischen Darmausgang der neoliberalen Eliten, Findung einer eigenen Klassenposition und im Anschluss daran: Formierung eines Bündnisses mit den Ausgegrenzten, Underdogs sowie den Resten der noch existenten Arbeiterklasse.

Also: Arbeiter, Prekäre, Frauen, Jugendliche und Migrant(inn)en – plus die im Hamsterrad (noch) mitlaufenden Teile der Mittelschichten. Nur so kommt genügend (kritische) Masse zusammen, um den neoliberalen Steuerern des Sytems Paroli zu bieten. Und sie – eventuell – in ihre Schranken zu verweisen.

JR's China Blog 13.08.2016 | 11:37

Ohne eine wirkungsvolle Kommunikation ist der Teil der Bevölkerung, der sich von rechts angesprochen fühlt (es sind keineswegs nur "kleine Leute") tatsächlich nicht erreichbar. Ob das eine ganz andere Sprache sein muss, kann ich nicht beurteilen. Aber es fehlt nicht nur eine Idee des Guten - solche Ideen gibt es ja aus kirchlichen und politischen Quellen gar nicht wenige. Wenn sie aber nicht rauf und runter propagiert werden, werden sie auch nicht wahrnehmbar. Grundsätzlich fehlt die Bereitschaft, den Interessenkonflikt zwischen unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen zu sehen und ernst zu nehmen - nicht nur "von oben" oder "von unten", sondern auch medial, also im Zwischenbau und dem elektronischen Teil des öffentlichen Raums.

Ein Forist in der FC hat es am vor zwei Tagen so geschrieben:

"Frau Wagenknecht versucht (- so sehe ich das), den von (potentiellen) Links-Wählern gesehenen Konflikt zwischen ihren direkten sozialen Interessen und dieser Einreise-Welle aufzugreifen. Viele Wähler finden es nötig, zwischen Asyl Suchenden und Arbeit Suchenden zu unterscheiden, und zweifelhafte Gestalten eher abzuweisen. Jeder, der so redet, läuft Gefahr, als ausländerfeindlich und rechts attackiert zu werden. Aber auch linke Politiker müssten die Zielkonflikte erkennen, die sich beispielsweise zwischen höherem Mindestlohn und der Zunahme der Zahl gering Qualifizierter bestehen, oder welche das Umverteilungspotential im Rentensystem betreffen."

Auch das mag nicht jeder hören - ist aber wichtig.

iDog 13.08.2016 | 12:36

"Was also tun? Ein bloßes Zurück zum alten Klassenkampf kann es freilich nicht sein"

Vielleicht, dann würde diese Frage nicht so bedeppert im Raum stehen bleiben, hätten sie in diesem Zusammenhang auch noch Holloways "Crash capitalism" lesen und rezipieren sollen.

Dort nämlich wird entwickelt was zu tun ist, was getan wird und was der Klassenkampf heute ist. Dieser ist nämlich nicht mehr , und war wahrscheinlich auch nie das , was sich die theoretisierende, ideologische und hierarchisch organisierte Linke eingebildet hat oder hat einreden lassen im Rahmen ihrere Assimilierung bzw. Korrumpierung durch die Kapitallogik. Genau diese hierarchische Linke , vom StaMoKap über den nur sogenannten "realexistierend Sozialismus" bis zur trickel down Sozialdemokratie, etc. ist lange am Ende und entpuppte sich als Pseudoklassenkampf. Immerhin wird das Kapital nach wie vor durch die Arbeiterklasse erzeug, selbst wenn immer mehr Teile der derselben ausgegrenzt werden in einem unerbittlichen Konkurrenzsystem. Die aktuellere Variante des Klassenkampfes ist dann , und die hat sich wahrlich noch nicht genügend rumgesprochen, und kann dann logisch nur der Kampf gegen die Entfremdetet Arbeit an sich sein. Es geht wenn, dann also um eine Emanzipation von der Herrschaft des Kapitals. Womit man zwar wieder bei Marx ist , aber eben wirklich bei ihm und nicht bei einer kapitalkonformen Exegese positivistischer Pragmatiker oder totalitärer Machtpolitik, deren Ideologie die akute Situation ja erst hervorgebracht haben. Geht man davon aus, dass das Kapital die Arbeit sowieso soweit wie möglich erst durch Mechanisierung, dann Automatisierung und zuletzt durch Roboter und Digitalisierung abschafft, wird dieser Kampf nicht mal sehr schwerfallen; erst recht, geht man davon aus , dass die ehemalige Arbeiterklasse realisiert, dass es keinen Sinn mehr hat nach Arbeit(splätzen) zu verlangen bzw. sich mit der profitorientierten Verknappung von Arbeit als Ware am Nasenring führen zu lassen. Nebenbei bemerkt schießt sich das Kapital dabei ja selbst ins Knie, denn Maschinen und Roboter werden die eigen Produkte nicht konsumieren, d.h. eine weitere Beschleunigung der Abwärtsspirale der Realwirtschaft, die keine "Wirtschaftspolitik" wird aufhalten können, und eine kapitalabhängige Gewerkschaft erst recht nicht. Es gehe also in diesem neuen Klassenkampf um die Emanzipation vom Kapital, die zu erlangende Unabhängigkeit von der entfremdeten Arbeit, den angeblich fehlende Arbeitsplätzen, der Kapitalschaffung durch die kapitalabhängige Arbeit. Wer nun meint, was das wohl sein solle und anders ginge es ja nicht, der kann sicher sein , dass er noch an besagtem Nasenring läuft und der schaue sich also die kurz an, die leben, ohne irgendwo angestellt zu sein: Ergo der Großteil der Menschheit. Und man schaue sich zudem den irren Reichtum an, den die Kapitaleigner sich von Staate schützen lassen, angeblich im Namen und zum Wohle aller.

Kurz: Die kapitalkonforme Rechte versucht wie immer in der kapitalistischen Krise mit populistischen Versprechungen, falschen Debatten, falschen Problemen und verlogenen Lösung die angeblich so teigige Masse der Subordinierten und Abhängigen an der Nase herumzuführen als seien sie unmündige und naive Kinder, von der notwendigen wie logischen Emanzipation abzulenken. Diese festgestellte Falschheit ist inhumane und zuweilen grausme Destruktion, immer gewesen, bis zum faschistischen Gau oder zum totalitären StaMoKap.

Aber die Zeiten ändern sich ja entgegen jeder volkstümlichen und reaktionären Verlautbarung trotzdem. Der Kapitalismus wird immer mehr zur bekämpften Exklusivveranstaltung und die von ihm Ausgegrenzten und die denkenden Realisten gehen zuweilen zusammen zu anderen Praktiken über , wenn auch langsam und zuerst vielleicht gezwungenermaßen.

schna´sel 13.08.2016 | 12:59

Zwei Absätze sind mir eigentlich sofort ins Auge gesprungen:

»Das sind starke Worte, die, stammten sie von einem Rechtsausleger, von manchem schon als Relativierung von Fremdenfeindlichkeit gedeutet werden könnten. Aber sie stammen eben von Eribon, einem linken Philosophen, LGBT-Aktivisten und Biografen Michel Foucaults.
[...]
Hört sich das doch zunächst nach einem jener Rülpser aus der Maskulinistenhölle an, wonach es gar keine Opfer von Rassismus, Sexismus oder Homophobie gebe, sondern es genau andersherum sei. „Gender-Ideologie“ und Political Correctness bildeten ideologische Waffen im Feldzug gegen den weißen Mann.»

Wenn ich das von der Funktion her analysiere, die es im Kontext dieses Artikels zumindest auch hat, dann fällt mir auf, dass auch dieser anscheinend nicht ohne die zweifache Rückversicherung politischer Unbedenklichkeit auskommt. Ohne auf Denker, die politisch über jeden Zweifel erhaben sind, hinzuweisen, kann selbst die Freitag Redaktion anscheinend derartig "heiße Eisen" nicht anfassen. Und das in einem Zusammenhang, der "nur" - möchte man fast sagen - für die Veränderung der Sprache "der Linken" wirbt. Dieser sprachlichen Veränderung müsste meines Erachtens aber, wenn sie im Sinne der geäußerten Absichten und der zu behebenden Defizite erfolgreich sein will, zunächst einmal eine Veränderung innerhalb des eigenen Denkens vorangehen; und der Eigenwahrnehmung die politisch wie auf Eiern zu gehen scheint, und jedes geäußerte Wort auf die Goldwaagen der von allen respektierten und geachteten Hochsicherheitsdenker legen kann und muss.

»Und das führt nicht nur dazu, dass der Konflikt immer öfter durch den Skandal, Politik durch Moral ersetzt wird, sondern auch, sagt Giglioli, zum „Verlust einer allgemeinen, positiven Idee des Guten«

Die allgemeine, positive Idee des Guten, die uns abhanden gekommen ist, ist die alte Problematik die uns durch den Tod der Götter in Haus geflattert ist. Darauf, dass an dieser Stelle, das Kind mit dem Bade ausgeschüttet wurde hatte ich ja schon des Öfteren ( → hier z.B.) hingewiesen. Die Universalität, mit der sich das neoliberale Prinzip in allen Schichten und "Klassen", links und rechts verbreitet hat, ist ein weiterer "Lückenfüller", ganz im Sinne der Antwort, die dieser Artikel versucht auf die Bedrohung durch den Rechtspopulismus zu geben.

Magda 13.08.2016 | 13:17

Die Kritik zielt also nicht darauf, dass Menschen kein Zeugnis von ihrem erlittenen Unrecht ablegen sollten. Sie zielt darauf, dass ohne politisches Projekt in einer bloßen Ontologie des Mangels münden kann. Und das führt nicht nur dazu, dass der Konflikt immer öfter durch den Skandal, Politik durch Moral ersetzt wird, sondern auch, sagt Giglioli, zum „Verlust einer allgemeinen, positiven Idee des Guten“. Dass dieser Verlust real ist, erkennt man bereits daran, dass linke Kampagnen ihre argumentative Schlagkraft oft nur noch aus der Verhinderung von Rechtspopulisten ziehen können.

Das kann man bei vielen Kommentaren - nicht nur hier in der FC, sondern überall - beobachten. Es wird gewettert und "sich empört" aber eine Idee des Guten fehlt in der Tat bei den Linken. Sie sehen sich - schon wieder!!! - als jene, die "selbst nicht freundlich sein dürfen" (Brecht), weil in der Härte der Gefechte erstmal alle ausgeschaltet werden müssen, die auch behaupten, das "Gute" zu wollen oder anders darüber denken, was "gut" ist. Und Gruppen abzuwerhen, die sich auch noch am Diskurs beteiligen wollen und damit vom Eigentlichen (was ist das eigentlich???) ablenken wollen. Feministimmen, Homosexuelle, Minderheiten. Sofort werden deren Probleme, als Luxus oder deren Vertreter gar als Parteigänger des Neoliberalismus angefeindet.

Richard Zietz 13.08.2016 | 13:35

Die Kernaussage – dass es in kirchlichen und politischen Quellen wegweisende Konzepte gäbe – halte ich für unzutreffend. Ebenso die Aussage, dass Sprache – also Kommunikation – das Hauptmittel sei, um an »verlorene« Schichten wieder heranzukommen. Letzteres hört sich leider so an wie x-beliebige Politiker, die nach einer verlorenen Wahl zwar gern »Kommunikationsdefizite« zugeben, letztendlich jedoch meinen: »Wir haben unsere PR vielleicht nicht genügend optimiert. An unserer Politik jedoch kann es nicht gelegen haben.«

Sicher ist es hilfreich, seine Anliegen in einer Sprache rüberzubringen, die das potenzielle Gegenüber auch versteht. Ist das jedoch nicht mit einer glaubhaften Vorgehensweise verknüpft, ist auf die »Sprache« – Sorry für die deutliche Ausdrucksweise – geschissen. Der zweite Punkt sind die Konzepte. Ich putze gern noch mal meine Lesebrille – aber ich sehe weit und breit keine. Die Linken respektive Linksliberale möchten sich aktuell gern mehr um die Armen, Ausgegrenzten kümmern. Das ist – mit Verlaub – exakt jene philandrophische Herangehensweise, welche die Oktobristen 1917 ff. zuerst ins rechte (»neoliberale«) Abseits führte und schließlich vor die Erschießungskommandos von Lenins Tschekas oder eben ins Exil. Um es mit einem populären Buchtitel zu formulieren: Gut gemeint ist die kleine Schwester von Scheiße.

Was wäre ein Konzept? Gute Frage. »Volksfront 2.0« (in etwa also das, was ich weiter oben propagiert habe) fliegt uns aktuell um die Ohren – in Griechenland, in Spanien, auf dem kompletten lateinamerikanischen Subkontinent. Ein harter linksradikaler Kurs (entweder in semibewaffneter Form oder klassisch leninistisch) ist aktuell jedoch ebensowenig aussichtsreich; selbst in hochpolarisierten Ländern (etwa auf dem lateinamerikanischen Subkontinent) ist dieser Weg bestenfalls im Patt gelandet. Was tun, nochmal frei gefragt nach Lenin? Ich denke, bevor sich größere Massen auf einen Bruch mit der neoliberalen Logik und MACHT einlassen, müßte klar sein, WOFÜR die Gegner derselben antreten und welche Alternative sie in petto haben und welche Werte und Zustände sie grosso modo ernsthaft verwirklichen möchten.

Obwohl Antworten natürgemäß noch ausstehen, wäre DAS in etwa die Richtung, an der sich die richtigen Fragen orientieren sollten.

JR's China Blog 13.08.2016 | 13:42

Ist das jedoch nicht mit einer glaubhaften Vorgehensweise verknüpft, ist auf die »Sprache« – Sorry für die deutliche Ausdrucksweise – geschissen.

Das setzt voraus, dass diejenigen, die es angeht, schon verstehen, worum es geht, wenn man von ihren tatsächlichen Interessen spricht.

Dafür spricht aber nicht viel - Donald Trump hat nichts im Angebot als Sprache, und macht damit Scheiße zu Gold. Auch ein gutes Konzept taugt nichts ohne den richtigen Dreh.

denkzone8 13.08.2016 | 14:06

die macht-frage stellen und einen identitäts-kern organisieren sind nicht nur zwei dinge,

sondern haben auch eine reihen-folge.

paroli bieten sollte man ohne rücksicht auf eventuelle mittelschicht-abbrüche und deren bewußtseins-niederschlag.

sozial-demokraten soll man am besten sich selber sauer-kochen lassen...

das breilibü(breites linkes bündnis) ist kein stärkendes cereales müesli,

sondern steckt fest gedanken-brei.

das pan-europäische fitness-training

gegen gobale konkurrenz hat die köpfe besetzt(hegemonie),

durchsetzt mit imaginierten euro-sozialistischen erlösungs-hoffnungen, zudem mit

samaritisch-voluntaristischer abhilfe-gesinnung gegen welt-weite not.

eine bewußte klärung wäre nicht nur für die partei- der linken: eine stärkung.

schna´sel 13.08.2016 | 15:10

»Vielleicht wäre es aber ein Anfang, wenn die Linke jenes Bonmot von Karl Marx beherzt, wonach es zunächst nicht darum geht, alle gesellschaftlichen Widersprüche aufzuheben, sondern darum, ihnen eine Form zu geben, in der sie sich bewegen können. Die Rechtspopulisten tun das nämlich bereits.«

Und vielleicht wäre es in dem Sinne ja ein Anfang, zu akzeptieren, dass das, was "der klassische Marxismus historisch ja bewiesen hat, dass er jene emanzipatorischen Diskurse, ohne die eine offene Gesellschaft nicht zu denken ist, Feminismus oder den Kampf für die Rechte von Homosexuellen, nicht ausreichend integrieren konnte, ja ihnen bisweilen sogar widersprach", auch nur eine Form ist, die das alte marxistische Pferd, die Arbeiterklasse, durch neue Projektionen ersetzt hat. Die in dem Moment genau so obsolet sein werden wie "der kleine Mann", wenn sie nicht mehr automatisch die institutionelle Macht der bürgerlichen Linken unterstützen und dann ebenso links liegen gelassen werden. Das mag sich für einen enagierten, jungen Redakteur unvorstellbar anhören; aber wenn ich mich an die idealistischen Positionen der Generation zurück erinnere, die vor 40 Jahren in den Startlöchern stand, und an die nicht zuletzt, wenn ich mich nicht völlig täusche, sich auch dieses oben zitierte Bonmot richtet, dann sollte dieser Gedanke vielleicht nicht mehr so abwegig erscheinen.

Die Schaupieler wechseln, manchmal gibt es neue Regisseure und andere Inszenierungen. Manchmal finden diese sogar in völlig anderen Theatern statt. Aber das Stück, das gespielt wird, bleibt immer das gleiche.

karamasoff 13.08.2016 | 15:12

Wenn die grosse Masse der Staatsbürger mit Ideen und Vorstellungen von als "Links" verorteter Politik rein gar nichts anfangen kann und will, dann nützt es auch rein gar nichts sich sprachlich diesem "rein gar nichts" anzupassen. Jeder respektive jede, der oder die das bisher versucht hatte wurde von diesem "rein gar nichts" gefressen, verdaut und wieder ausgeschissen.

Davor jedoch gab es Berufsverbote und Diffamierung, und danach gibts die sogenannte Alternativlosigkeit. Und in allen drei Fällen nannten Charaktermasken es schon immer Pluralität und Kompromiss. Was daraus wird, wenn man Kernideen über das soziale Miteinander, jenseits von Konkurrenzprinzip und Maximalprofit, maximal kompromittieren lässt, kann man unter anderem auch hier im Freitag regelmässig nachlesen.

Eigentlich fehlen nur noch Promiexperten für Linke im TV. Dazu dann "Das linke Dschungelcamp" (auf Kuba natürlich), "Schlag den Linken" und "Deutschland sucht den Superlinken".

Wäre das angepasst genug?

Zack 13.08.2016 | 15:27

Aus Zeitgründen und offensichtlicher Zwecklosigkeit beschränke ich mich auf eine Frage an den Autoren und enthalte mich jedweder Polemik und Schärfe, die dieser Beitrag verdiente.

Warum vermisst der Autor angeblich verlorengegangene Eigenschaften wie Stolz und Würde bei Proleten?

Weil etwa ihre Abwesenheit das Klassenkämpfen von Klassenkämpfern lähmt?

Auf so eine blödsinnige Idee kann selbst der Autor nicht gekommen sein, wenn vermerkt wird, dass er freilich keinen guten(hahaha) Grund für ein bloßes(!) Zurück(!) zum alten(!) Klassenkampf sieht.

Zwecklos zu erwähnen, dass der Klassenkampf von Oben kracht und gedeiht und mittlerweile die Erscheinungsformen eines globalen „Weltbürgerkrieges“ angenommen hat, der alle störenden staatlichen, institutionellen und „kulturellen“ Formationen dieses Globus mit Tod und Vernichtung überzieht.

denkzone8 13.08.2016 | 17:25

ich denke trumps redeweise ist der schlüssel:

das entschiedene, brachiale(den arm zeigend), rohe, handgreifliche,bedenken-lose, anderer rechte ignorierende

ist ein code, der autoritär-geprägte anspricht.

wer so etwas durch-gehen läßt, nicht dagegen-hält,

ist eigentlich mit-verantwortlich.

aber wo sind solche ,die auf gewalt-phantasien bauen oder un-widersprochen, den rausch der bedenken-losen geschehen läßt, je für die folgen zur rechenschaft gezogen worden?

Pregetter Otmar 13.08.2016 | 17:35

WO bleibt die Aussage?

Nun, ich kann mit solchem "Geschwurble" - egal von welchen Sozioligen/Philosophen usw. weniger bis nix anfangen - weil sie an den Kernthemen meilenweit vorbeigehen.

Mit Spache allein - ja, nice to have & read - wird man nullo ändern, mit konkreten politischen Inhalten + professionell recherchierter Kritik am Neoliberalismus und der Austerity-Politik ( Hallo - beide Dogmen sind über 40 Jahre empirisch FALSIFIZIERT!) schon viel mehr - dazu einige Beispiele

Kurz noch vorweg:

1. als in Wien lebender Steirer kann ich mich nur mehr wundern, mit welchem Phlegma die SPÖ und der BGM Häupl das irre Abwandern der ArbeitnehmerInnen zur FPÖ im "Wahlkampf" angegangen sind;

sein Slogan "I hob a G`spür für Wien! ... zum Totlachen, leider).

Hinweis: in Wien leben doppelt so viel Menschen unter der Armutsgrenze als in Ö insges. - nämlich 30% = 500.000 Menschen.

2. Wirtschaftswissen = Herrschaftswissen ...

und da ist es so erstaunlich wie erschütternd, das k e i n Soziologe/Philosoph etc. in den Analysen das 100%ige Schuldgeldsystem - vor allem die gesetzeswidrige Erzeugung des Buchgeldes der privaten Banken - überhaupt erwähnt?

Meine Vermutung - sie haben keinen blassen Schimmer ... - wird, leider, immer häufiger bestätigt.

Allein die Tatsache, dass sich ALLE Wirtschaftssektoren NUR bei privaten Banken verschulden MÜSSEN ... zeigt auf, wie neben jeder Realität solche "Analysen" daher kommen.

Zu den Beispielen:

a.) SAHRA WAGENKNECHT ist die einzige (bitte, ich lass mich sehr gerne eines Besseren belehren!) die

- das Geldsystem in ihrem neuen Buch dizidiert ansprach und eine ÖFFENTLICHE GELDSCHÖPFUNG einforderte

- als auch den obskuren Begriff des "Eigentums" - ein selbsterschaffenes, gesellschaftspolitisches Konstrukt (das genau wem dient? - ja, stimmt...)- analysierte (gerne verweise ich auf Karl Polanyi "The Great Tranformation"!) und dazu konkrete Lösungen vorschlug.

DAS nenne ich einen konstruktiven, wohldurchdachten Voschlag für eine bessere Gesellschaft vorzulegen!

b.) JERMY CORBYN - er hat nicht nur die Mitglieder der Labour-Party in 1 Jahr fast ver 4 facht (allein seit dem Putsch gegen ihn 1 Tag nachj dem Brexit traten ca, 180.000 neue Mitglieder ein - mehr als die Tories überhaupt Mitglieder haben ...) - sondern steht für eine sehr präzise ausformulierte ANTI-Austerity-Politik, wie ich sie von keiner anderen Partei in Europa bisher las:

hier ein kurzes Video, wie er die Menschen begeistert:

https://www.facebook.com/rebelswithoutapause/videos/1735177970066080/?pnref=story

c.) Film: "Der Wert des Menschen" - sagt ungleich mehr aus, als

90% (oder mehr) aller Kommentare, Bücher von welchen "Grosshirnen" auch immer - weil er die irre Entfremdung der Menschen vom "System" in sehr einrucksvoller Weise und klarere, simpler Spache erklärt und aufzeigt.

- - -

Also - ein bisserl mehr Fokus auf das, was den Kapitalismus im Kern seit Jahrzehnten in seiner globalen Ausprägung ausmacht, und dann kommt man/jeder rasch zu vielen Alternativen + Vorschlägen - wie sie z.B. CORBYN und SAHRA formulieren - und damit ist den Menschen mehr geholfen, als alle soziolischen/philosophischen "Aufsätze/Kommentare/Bücher" zusammen - etwas zugespitzt ausgedrückt.

JA - es gibt ein Leben nach dem Kapatalismus, nur mit Daher- und Nachreden wird er sicher nie überwunden werden.

Corbyn + Sanders (letzteren würde ich doch weit hinter Corbyn als "Veränderer" einschätzen) haben etwas in Gang gesetzt, das wirklich einen Paradigmenwechsle einleiten kann.

Wir brauchen uns nur anschliessen - und dafür kämpfen und eintreten, jederzeit und überall . . .

denkzone8 13.08.2016 | 17:58

könnte es sein, daß die forderung nach öffentlicher geld-schöpfung, investitions-lenkung, wirtschafts-planung

eine zahlen-mäßig verschwindend kleine menge von

höchst einfluß-reichen und viel-vermögenden

aufbringt gegen eine erschreckend große wähler-schaft,

denen vieles nicht gefällt, die aber voll der hoffnung sind,

persönlich verschont zu bleiben, auch wenns für viele dicker kommt?

Pregetter Otmar 13.08.2016 | 18:37

JA ... dass die Geldeliten nicht kampflos das Feld räumen, ist klar. Im Übrigen können Sie ein irres Exempel - wie gerade die Labour-Party g e g e n ihre eigenen Mitglieder vorgeht und sie vor der Wahl (um den neuen Parteichef: Corbyn gegen Smith - das Ergebnis liegt gegen Ende September vor) - indem sie aus Angst, dass Corbyn gewinnen könnte (er wird sicher gewinnen!), alle beigetretenen neuen Mitglieder, die nach dem 12. Jänner eintraten, einfach von der Wahl a u s s c h l i e s s e n ... ?

So weit ist die Sozialdemokratie nach rechts abgedriftet ... wo

- sich ein Gabriel für eine Oligopolbildung (Edeka-Fusion) unter dem Deckmantel Arbeitsplätze zu retten ... stark macht (welch ein Unfug!)

- Renzi für eine staatliche Bankenrettung - w i e oft denn noch??? - total einsetzt

- und wo unser neuer Sozi-BK Kern (der Corbyn als ein Vorbild nennt) innerhalb von 2 Tagen den Banken die Bankenabgabe von 650 Mio Euro "nachlässt" (die Mindestsicherung macht p.a. um die 850 Mio aus - das Geld für die Ärmsten!) und von diesen nur 4 Tage danach mit Meldungen, dass ihre HALBJAHRESgewinne um 50-70 % s t i e g e n ... als ökonomisches Leichtgewicht an die Wand genagelt wird . . .

(allein die 1.Österr, Bank wies einen HJ-Gewinn von 860 Mio - die BACA von 640 Mio aus - die Gewinne betrugen 2015 5,4 Mrd Euro)

Angesichts solcher Wirtschaftskapazunder ... brauchts gar keine CDU/ÖVP + die Rechtsableger AfD/FPÖ ... mehr - die Vernichtung der Arbeitnehmer besorgen die Sozialdemokraten ganz von alleine ... !

Pregetter Otmar 13.08.2016 | 18:53

Was mich sehr positive stimmt - das sind die Kommentare zu dem o.a. Bericht im Tge Guardian (ca. 80-90% der Poster sind PRO Corbyn und schmähen auch diese Zeitung - die seit Monaten mit ihren Lügen und Vierterlwahrheiten gegen Corbyn hetzt) - z.B.

- Preposterous. We are now officially a banana republic.
Generally speaking, sometimes the function of the media may be not so much to influence future decisions but to provide future retrospective justification for decisions already taken.
Despite this setback to voters, I-m sure Mr Corbyn will still have sufficient support to win.

- Well that's the last vote you ever get from me, you shits.

-

The people's party spends the party's money barring the people from being involved...

Sublime ><

- In short they saying they don't want new members?

- This is an utter farce. Anyone who has reason to fear a Tory government should be in despair.

. Of course it does. Establishment closes ranks

etc. etc.

Ursus 13.08.2016 | 20:41

das ist doch sehr irreführend dargestellt: die Satzung von Labour enthält einen Artikel, der regelt die Wahl des Vorsitzenden in der es heißt, dass man mind. 6 Monate Parteimitglied sein muss, bevor man an der Wahl des Vorsitzenden teilnehmen darf.

130.000 neue Mitglieder der letzten 6 Monate vor dem 12. Juli 2016 sind demnach völlig legitim nicht wahlberechtigt. Das hat wohl gestern ein Berufungsgericht so bestätigt.

Dass es sich dabei vornehmlich um Corby-Anhänger handelt, ist zwar Pech für den Kandidaten, aber mit dem Mitgliedsantrag so akzeptiert worden. Da hilft es auch nicht zu behaupten, die Satzung nicht gelesen zu haben.

Es wäre ja sonst auch möglich, sich einen eigenen Wahlverein schnell über neue Mitgliedschaften zu generieren, insofern macht der Satzungsartikel auch Sinn, und hat nichts mit Anti-Sozialismus zu tun.

Manfred Fröhlich 13.08.2016 | 20:44

Worum es geht?

Um „Risse in Familien“ - Die Risse in den Familien spiegeln die Risse in den Gesellschaftssystemen und umgekehrt.

„Um eine Idee des Guten“ - JA, z.B. um die neue BGEPartei, die zur BTW2017

Das bedingungslose Grundeinkommen könnte das Gegenteil von Klassenkampf sein. - Es könnte „die Risse in Familien“ und „die Risse in allen Gruppierungen der Gesellschaften“ überwinden und „heilen“. - „Diese Idee des Guten“ als politische „Partei“ anzugehen, das wäre genau die Art von Kulturbuendnis die es für eine bessere Welt braucht.

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Ehemaliger Nutzer 13.08.2016 | 21:13

Die Linke denkt zu kompliziert. Wichtigstes Beispiel: Arbeitskräftefreizügigkeit und Migration sind schlicht und ergreifend nicht Interesse von "working class people". Diese working class people haben dadurch nur zu verlieren. Deswegen haben sie für den Brexit gestimmt. Es sind Interessen- und Verteilungskonflikte, es ist kein Rassismus, zumindest nicht in erster Linie.

denkzone8 13.08.2016 | 21:43

tja, auf imaginierten mehrheiten beruht so manche aktion,

insbesondere, wenn widerspruch entmutigt,

geschlossenheit gefordert,

einspruch als schwächung und partei-nahme für den feind gelten soll.

deshalb: lern-unfähige organisationen meiden,

alles muß erst mal durch den kopf,

ehe es in die faust geht(mahnt teddys monument). oder?

mit dem herzen-denken oder der leber? da bin ich skeptisch.

Alter Linker 14.08.2016 | 01:17

Herr Markwardt empfiehlt also, dass die Linken ihre Sprache ändern, so als wäre alles nur ein Kommunikationsproblem. Das wird nicht funktionieren.

Die unteren Schichten (oder Klassen) sind nicht dumm, sie wählen links wenn linke Politik bedeutet, dass sich ihre Lebensumstände dadurch verbessern könnten. Leider hat linke Politik den unteren Klassen jedoch gegenwärtig in dieser Hinsicht nichts anzubieten.

Linke Politik ist Kapitalismus-kompatibel geworden. Multi-Kulti, jede Menge Gendersoße und ab und zu einen Krötenzaun, mit dem Programm haben die Herrschenden überhaupt kein Problem. Hat linke Politik eigentlich noch was anderes im Angebot?

JR's China Blog 14.08.2016 | 09:16

Die unteren Schichten (oder Klassen) sind nicht dumm, ...

"Nicht dumm" ist eine Sache. Aber sind sie klug? Kann man das so verallgemeinert sagen?

Ich drehe Ihre Negation ins Positive, Alter Linker, weil ich selbstverständlich nicht behaupte, die unteren Schichten seien dumm. Man muss sie - wie vieles andere auch - differenziert betrachten.

Mit Aussagen wie Ihrer pinselt jeder Wahlkämpfer, der ihre Stimmen haben möchte, den unteren Schichten den Bauch - Trumps relativ erfolgreicher Wahlkampf (ich finde es erstaunlich, wie weit er schon gekommen ist), ist ebenfalls eine "Ich-finde-euch-toll-und-gemeinsam-finden-wir-die-da-oben-scheiße"-Tour. Und jedes Mal, wenn das Bauchpinseln funktioniert, trifft die Aussage, die unteren Schichten seien klug, eben nicht zu.

Es ist ja nicht im Interesse eines Wählers, etwas versprochen zu kriegen, oder affirmativ erzählt zu bekommen, er sei - z. B. - ein "amazing worker".

Mit ihren Lebensverhältnissen hat das nichts zu tun. Und der klügere Teil des Zielpublikums weiß das auch. Aber eben nicht jeder.

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Ehemaliger Nutzer 14.08.2016 | 09:20

An Otmar: Ich stimme zu, dass Wagenknecht in ihrem geldwirtschaftlichen Teil ihres Buches vernünftige Vorschläge unterbreitet: kleinteiliger, gemeinwohlorientierter Finanzsektor nach dem Kostendeckungsprinzip ausgerichtet und überwiegend in genossenschaftlichem Eigentum. Überhaupt stellt sie die Eigentumsverhältnisse, wie wir sie kennen, grundsätzlich in Frage. Öffentliche Güter (dazu zählt auch das Geld) dienen dem Gemeinwohl und gehören nicht in die konzentrierten Hände von wenigen Kapitalbesitzern. So viel zu Wagenknechts Buch in Kurzform.

Generell scheint mir die Linke gut beraten, wenn sie sowohl erzählerisch wie konzeptionell ein klares Gegenprojekt zum Neoliberalismus/Austeritätspoltik ( siehe den Kommentar von Otmar) entwirft. Nur so lässt sich das erfolgreichste Projekt der Gegenaufklärung, d.h. der Neoliberalismus, wirksam bekämpfen - und gleichzeitig neue Ideen von gutem Leben entwickeln.

JR's China Blog 14.08.2016 | 09:22

... dann fällt mir auf, dass auch dieser anscheinend nicht ohne die zweifache Rückversicherung politischer Unbedenklichkeit auskommt

Das ist durchaus auffällig. Es ist vermutlich auch diese Haltung, die automatisch - dafür muss kein amtlicher Zensor sorgen - manche Filme nie wieder im deutschen Fernsehen auftauchen werden.

Aber wenn ich von der hassangehauchten Formulierung "Rülpser" mal absehe: ich möchte schon wissen, wer etwas sagt, und nicht nur, was gesagt wird.

Und ich weiß: damit bin ich politisch unkorrekt. So what?

Für mich macht es einen Unterschied, ob jemand aus menschenfreundlichen Gründen etwas sagt, oder ob es Teil eines Gesamtprogramms ist, das in einigen Teilen gut riechen möchte, damit ein weniger konstruktiver Kern nicht so auffällt.

Von daher habe ich kein prinzipielles Problem mit Rückversicherungen.

JR's China Blog 14.08.2016 | 09:31

Nochmal zur Sprache: wenn ich länger darüber nachdenke, ist die Bedeutung der Begriffe doch sehr wichtig. Sie beeinflusst im Zweifel auch, was man tut - oder nicht tut. Ein Beispiel aus dem alten China:

Ich wende den Blick auf Wege und Gassen des Dorfes;
Von zehn Häusern sind acht oder neun armselig.
Der Nordwind bläst so scharf wie ein Schwert;
Ihre Baumwollfetzen bedecken kaum ihre Knochen.
Sie haben nur Stroh und Gestrüpp zum Verbrennen;
Dumpf sitzen sie da und warten zur Nacht auf den Morgen.
Jetzt endlich weiß ich, welch schwere Mühsal es gibt
Im harten Winter für die, die das Land bebauen.
(Bai Juyi, 772 - 846)

Der Poet und Gouverneur nimmt es zur Kenntnis. Der Arme darf klagen. Das waren die Möglichkeiten und Grenzen der Dichtung.

Pregetter Otmar 14.08.2016 | 11:19

Ihre Ansicht hat mit den Fakten nix zu tun!

- - -

Bitte posten Sie hier den Link zur Satzung, wo explizitstehen soll, dass erst nach 6 Monaten neue Mitglieder abstimmen dürfen ???Wenn dem so wäre - und ich unterstelle mal, dass die Judges des High-Court des Lesens mächtig sind - dann hätten diese in ihrer Entscheidung sich dezidiert auf diese Klausel bezogen.

Nachdem sie dies in ihrem Spruch nicht taten . . .

- - -

- der High-Court sah dies nicht so und bezog sich auf den Vertrag der LP mit ihren (neuen) Mitgliedern,

- der Appeal-Court, der dies aufhob (er bezog sich auf chapter 4. clause II, 1A) sprach davon, dass man diese 4. Klausel im Sinne von . . . das NEC habe das Recht "to ignore all of the rules laid out for leadership elections,” ... ? interpretieren könne.

Nur, dies widerspricht diametral Ihrem Hinweis, dass es eine explizite Bestimmung gäbe.

- - -

- Man kann im Sinne der Demokratie innerhalb der Labour Party nur hoffen, dass sich die 5 Kläger an den Supreme-Court wenden werden - um hier Klarheit zu schaffen, ob irgendein Parteikommittee (NEC) sich mit vagen, obskuren Satzungungsbestimmung so einfach über Verträge (Mitgliedschaft + das Wahrecht) und Gesetze hinweg_setzen . . . kann.

- 130- 180.000 Mitglieder: nun die Ziffern sind einige Wochen alt, und man kann annehmen, dass diese wuchsen.

In den 180.000 sind auch 50.000 neue Mitglieder enthalten, die die neue "Election-Fee" von über 20 Pfund bezahlten - und wenn man nun diese auch aussperrt, dann muß die Partei diese im Vergleich zu normalen Mitgliedsgebühren stark überhöhten Fees zurückzahlen.

Heinz 14.08.2016 | 11:28

»„Als ich groß wurde“, sagte Eastwood, „hat man solche Sachen nicht rassistisch genannt.“«

Dem stimme ich zu. Die "Anderen" wohnten in einer anderen Straße oder im anderen Stadtteil. Die Frage der Identität ist darum eine Frage des Horizonts und eine Frage der Wurzeln, die ich selbst in meiner Heimat oder in meinem Wohnort habe. Friedrich Schiller hatte das schön geprägt:

Schiller-Archiv:

Ans Vaterland, ans teure, schließ dich an,
Das halte fest mit deinem ganzen Herzen.
Hier sind die starken Wurzeln deiner Kraft;
Dort in der fremden Welt stehst du allein,
Ein schwankes Rohr, das jeder Sturm zerknickt.

Aus/von: Wilhelm Tell II,1 / Attinghausen

Zitatkategorie: Wilhelm Tell, Schiller schrieb den nicht in seiner Heimat Marbach, sondern im Exil, also in der Fremde. Die Idee eines nationalistischen Vielvölkerstaates Deutschland war noch weit entfernt.

Diese Sehnsucht nach einer regionalen oder lokalen Heimat, die es heute im globalen Gerangel um das Preisdumping nicht mehr gibt, treibt weite Teile der Ausgegrenzten in die Arme der Populisten.

Eigentümlicherweise gerade jener Populisten, die
herrschaftlich,
wirtschaftliberal und
paternalistisch daher kommen.

Das scheint mir eine Frage der Formulierung zu sein. In diesem Sinne stimme ich dem Teaser zu:

Die LINKE muß ihre Sprache ändern, wenn sie Wähler erreichen will; denn eigentlich heißt LINKS immer noch SOZIAL.

schna´sel 14.08.2016 | 12:26

Nein, ein prinzipielles Problem mit Rückversicherungen habe ich auch nicht. Das ist für ein individuelle Bewertung auch ziemlich unerlässlich. Aber es ist in meinen Augen nicht Thema dieses Threads, auch wenn der Autor ein Individuum ist. Hier geht es um Rückversicherungen als Prinzip. Die kollektive Haltung einer ganzen Gesellschaftsschicht. Und um im Bild zu bleiben: Deren Gesamtprogramm ausschließlich gut riechen soll und die sich selber nicht mehr riechen kann. Wobei ich behaupte: Weil, sie den Geruchssinn in der Parfümerie verloren hat, deren Anteilseigner sie geworden ist.

Ich habe versucht, → dort nochmal intensiver auf das Problem einzugehen. Nur aus der Sicht meines eigenen Denkens heraus natürlich. Politisch aber vermutlich auch nicht korrekter als Sie...

Heinz 14.08.2016 | 12:55

»Vielleicht wäre es aber ein Anfang, wenn die Linke jenes Bonmot von Karl Marx beherzt, wonach es zunächst nicht darum geht, alle gesellschaftlichen Widersprüche aufzuheben, sondern darum, ihnen eine Form zu geben, in der sie sich bewegen können.«

Die Form, in der wir uns heute bewegen, ist eine 1919 übernommene Form des parternalistischen Feudalismus.

Eine Hierarchie von der Unterschicht bis zur selbst ernannten Elite, vom Hartz4Empfänger bis zum Ersatzkaiser. Volksvertreter sind abhängig Beschäftigte einer Partei und Parteien sind Subventionsempfänger der Wirtschaftsunternhmen.

Soweit die politische und soziale Hackordnung.
Wer anschaffen geht, bestimmt!

Die andere Form, in der die Widersprüche von Wirtschaft und Gesellschaft sich bewegen können, wäre eine notwendige Rückbindung der Wirtschaft an das Gemeinwohl.

Ein Weg dorthin ist das Grundeinkommen, das in vielen Modellen und Varianten bereits debattiert wird. Welches letztendlich eingeführt wird, wird ein politischer Prozeß sein, der voraussichtlich zwischen 2020 und 2030 auch von den Parteien aufgegriffen wird - die alten Dampfrösser brauchen immer etwas, bis sie sich bewegen.

Heinz 14.08.2016 | 13:56

Eigentlich lautet das Thema ja:

»Wo bleibt der Stolz? Klassenkampf«

Nachdem den Artikel 3 GG hier keine Sau interessiert, kann man ja ruhig wieder, oder immer noch, von Klassenkampf schwafeln.

Das tun ja viele und merken nicht, daß sie mit dieser Denke im Feudalismus hängen geblieben sind.

beherzt = mutig und entschlossen, unerschrocken

beherzigen = ernst nehmen und befolgen

Deine Interpretation von beherzt erfordert sicher auch Mut, schließlich winkt bei Mißerfolg ein Korb.

Fro 14.08.2016 | 17:04

Ja, ist schon etwas seltsam. Selbst das Grundrecht auf ein Systemwechsel scheint viele Linke nicht zu interessieren. Artikel 20 GG sagt unmissverständlich, Deutschland müsse ein sozialer und demokratischer Bundesstaat sein!
Und alle Staatsgewalt solle von der Bürgerschaft (dem Volke) ausgehen... Nicht von Lobbyisten, Bündnispartnern, Parteifunktionären...

Auch die Ausbeutung von Arbeitskraftvermietern und Konsumenten ist gesetzlich verboten … § 138 BGB

Es ginge heute nicht um Klassenkampf, sondern ganz einfach um eine bürgerfreundliche Interpretation des Rechts und dessen Anwendung.
Und um die Wahl von Abgeordneten, die die Bürgerrechte respektieren und zum Wohle aller Bürger - natürlich als erstes für die bisher benachteiligten - nach ihnen handeln.

Alter Linker 14.08.2016 | 22:40

JR schrieb: "Nicht dumm" ist eine Sache. Aber sind sie klug? Kann man das so verallgemeinert sagen? ...

(sorry, bin neu hier, muss mal kucken wir man hier zitiert.)

Ja, unbedingt. Die unteren Schichten sind nicht gebildet. Aber klug sind sie. Stellen Sie sich mal vor, die unteren Klassen hätten nicht AFD gewählt, nicht für den Brexit gestimmt, in den US nicht Trump oder Sanders unterstützt.

Stattdessen blinkt Gabriel jetzt so ab und zu mal nach links, TTIP and CETA drohen zu scheitern, Theresa May in GB hat für Tory-Verhältnisse ein schon ziemlich linkes Regierungsprogramm vorgelegt und Clinton tut Ihr Bestes um sich auf den letzten Drücker noch schnell einen kleinen sozialen Anstrich zu geben.

Ohne all diese "dummen" Leute, die anfangen "populistische" Parteien zu unterstützen, wäre das nicht passiert. Damit haben die "dummen" Leute bewiesen, dass sie viel klüger sind als wir gebildeten Intellektuellen und Halbintellektuellen zusammen, wir hätten das nämlich nicht geschafft.

Das eigentlich Schlimme ist, dass wir Intellektuellen und Halbintellektuellen (ich gehöre zur zweiten Kategorie :) das noch nicht einmal schaffen wollten: zu viele von uns sind nämlich mit einem progressiv angemalten Neoliberalismus ganz zufrieden. Zu viele von uns gehören (noch?) zu den Gewinnern.

AndyC 14.08.2016 | 23:13

Beileid in Gedichtform vielleich?

Es gibt hier in der Stadt ein Sozialkaufhaus, welches von einer Sozialeinrichtung betrieben wird. Ein befreundeter Rentner, der auf Grundsicherung angewiesen ist, wäre eigentlich berechtigt, dort einen preiswerten funktionstüchtigen Herd zu erstehen. Also wollte er seinen defekten durch einen aus diesem Laden ersetzen. Als er sein Vorhaben in die Tat umsetzen wollte, erfuhr er, dass Herde und Waschmaschinen zur Zeit nur an Flüchtlinge abgegeben werden.

Und Ihr macht Euch hier darüber Gedanken, mit welcher Sprache Ihr die Abgehängten erreichen könnt!

JR's China Blog 15.08.2016 | 07:43

Ja, unbedingt. Die unteren Schichten sind nicht gebildet. Aber klug sind sie.

Da fallen Sie auf Propaganda herein, die von allen Seiten kommen kann, und seitenunabhängig falsch ist, Alter Linker. Der von Ihnen angewandten Logik nach wäre der größere Teil jetzt immer noch dumm - weil sie eben nicht die AFD wählen, sondern Mainstream-Parteien, oder weil sie zu Hause bleiben.

Sanders gehört in eine andere Kategorie als Trump oder AFD.

Von Clintons sozialem Anstrich wird nach dem Wahltag nicht viel übrigbleiben. Wer will, dass seine Interessen vertreten werden, muss diejenigen wählen, die das wirklich vorhaben.

Sanders hätte es sein können.

Sich aber von Ressentiments ansprechen zu lassen ist fast nie klug. Im konkreten Fall bekommt ein paar wohlfeile Komplimente - ob nun von Clinton oder Trump, ist nebensächlich - und danach die übliche Scheiße.

Und acht, zwölf oder vierzehn Jahre später gibt's den nächsten Trump zum Gernhaben.

JR's China Blog 15.08.2016 | 07:49

Nachdem den Artikel 3 GG hier keine Sau interessiert ...

Das ist in vielen Fällen ein interpretierbarer Artikel. Ein paar Chinesen in meiner Bekanntschaft - sie kennen das Land deutlich besser als Touristen, aber sie kennen längst nicht alles - kamen mal zu dem Ergebnis, Deutschland sei ein wohlständiger sozialistischer Staat und vor lauter Glück vor dem kommunistischen Endziel steckengeblieben.

Aus ihrer Sicht wäre der Artikel 3 GG "übererfüllt".

JR's China Blog 15.08.2016 | 08:04

Ein Sozialkaufhaus in Deutschland verhält sich Ihrer Darstellung nach einem Rentner gegenüber diskriminierend.

Und Sie meinen, deshalb habe eine Diskussion über die richtigen sprachlichen Begriffe jetzt aufzuhören?

Der Autor schrieb:

Die Kritik zielt also nicht darauf, dass Menschen kein Zeugnis von ihrem erlittenen Unrecht ablegen sollten. Sie zielt darauf, dass ohne politisches Projekt in einer bloßen Ontologie des Mangels münden kann.

Magda hat Ihren Kommentar bereits »erwähnt, bevor Sie ihn geschrieben hatten, AndyC.

schna´sel 15.08.2016 | 11:46

»Damit sind wir bei den Bakterien angelangt, die wachsen entsprechend der Nährstoffbasis ihrer Umgebung.«

Dazu habe ich mal gehört, dass Bakterien, die sich ausschließlich in optimaler Nährlösung entwickeln dürfen, schließlich beginnen, genetisch zu degenerieren. Vor allem wenn der Platz eng wird und kein neuer Raum für das Bakterienvolk geschaffen wird.

Ich bin kein Biologe, kann das also nicht kompetent bestätigen, aber auf Systeme autoritär geprägter Machterhaltung und auch auf die "systemische Überlegenheit" westlich geprägter Zivilisationen übertragen, finde ich das auch ganz plausibel.

Sikkimoto 17.08.2016 | 14:30

>Sofort werden deren Probleme, als Luxus oder deren Vertreter gar als Parteigänger des Neoliberalismus angefeindet.<

Erst mal: Die Anfeindung läuft in den allermeisten Fällen umgekehrt. Man wird in der eigenen Partei beschimpft weil man Wahrheiten ausspricht, die jedem Menschen bei halbwegs klarem Verstand offensichtlich sind. Neuerdings weiss man, es geht selbst Fraktionsvorsitzenden so, nur wird es dort noch in alle Öffentlichkeit hinausposaunt. Ja, Mitlerweile gärt es. Weil die Lederers und co sehr weit davon entfernt sind, das durchschnittliche Milieu eines Linken-Anhängers zu repräsentieren. Viele hier im Westen waren zudem früher bei SPD oder Grünen oder zumindest in deren Umfeld. Die wissen wie es ist, wenn die eigene Partei von neoliberalem Pack gekapert wird und reagieren besonders giftig darauf.

Zweitens: Warum diese "Anfeindung"? Weil viele dieser Vertreter auch genau das sind: Parteigänger des Neoliberalismus. Um zu Differenzieren, muss man ins Konkrete gehen. Nehmen wir mal das Schlachtfeld Feminismus: Das "Eigentliche" (sie fragten ja) oder zumindest ein sehr wesentlicher Punkt ist hier die Forderung nach gleichem Lohn für gleiche Arbeit. Und zwar ein guter, kein prekärer Lohn. Wenn sie jetzt auf die Vertreter der Karrierefeministen achten, werden sie feststellen, dass hier alles mögliche an nachrangigem Schnickschnack gefordert wird, nur kaum etwas, was Frauen/Müttern in präkerer Lohnabhängigkeit oder Arbeitslosigkeit helfen würde.

Wir haben in diesem Land seit Jahren Hartz4, prekärste Beschäftigung, Kinderarmut. Wer dann anfängt seine kleinen Identitätskrisen zu politisieren weil er nicht weiß auf welches Klo er gerne möchte soll doch einfach woanders hingehen. Wie wäre es zB mit der SPD, die haben eh keine Inhalte. Da wäre mancher der pseudolinken Schwachköpfe noch eine echte Bereicherung. Da, wo man noch Hoffnung hegt Politik im Sinne der 90% zu machen sind die dagegen leider im Wege.

Sikkimoto 17.08.2016 | 14:46

Zum Artikel:

Heutige Linksintellektuelle (echte oder vermeintliche) kommen ja gerne von den Sprachwissenschaften. Das führt mitunter dazu, dass Begrifflichkeiten völlig überbewertet werden. Das Wort wird zu einem Fetisch, mit quasi magischen Fähigkeiten: Spreche ich so und so, dann formt es mein Denken.

Tatsächlich läuft es in aller Regel andersherum: Das Denken macht die Sprache. Un auch hier irrt der Autor, wenn er meint, man habe es nur mit einem Kommunikationsproblem zu tun.

>Aus Arbeitern wurden „Geringverdiener“, aus Proletariern „sozial Schwache“. Aus einem Kollektivsubjekt, das Rechte einforderte, wurde ein Sammelsurium von Opfern und Hilfsempfängern.<

Hier will uns Markwardt die veränderte Sprache zeigen, er legt aber völlig treffend, die veränderte Realität dar. Das Kollektivsubjektiv gibt es nicht mehr. Wie viele Arbeitnehmer sind denn heute aktiv in Gewerkschaften organisiert? Wie viele, die unter der willkürlichen Gängelung durch das Jobcenter leiden, ziehen daraus die Konsequenz, etwas juristisch auszufechten oder sich politisch zu engagieren? Es sind immer Minderheiten. Die große Masse derer, die unsere Gesellschaft mit Füßen tritt ist völlig lethargisch. Das Bild vom Opfer ist nicht zugeschrieben, es wird gelebt.

Ohne Organisation und politische Arbeit wird es nicht besser.

rolfmueller 19.09.2016 | 18:42

Von welchen Linken ist denn eigentlich die Rede? Die deutsche Partei "Die Linke" kümmert sich sehr wohl um wirtschaftliche Verteilungskonflikte, ganz im Gegensatz übrigens zu Rechtsparteien, die eher noch von unten nach oben umverteilen wollen.

Dieser Beitrag ergibt nur einen Sinn, wenn man SPD und französische Sozialisten als Linke ansieht. Aber wer macht denn so was?

rolfmueller 19.09.2016 | 18:42

Von welchen Linken ist denn eigentlich die Rede? Die deutsche Partei "Die Linke" kümmert sich sehr wohl um wirtschaftliche Verteilungskonflikte, ganz im Gegensatz übrigens zu Rechtsparteien, die eher noch von unten nach oben umverteilen wollen.

Dieser Beitrag ergibt nur einen Sinn, wenn man SPD und französische Sozialisten als Linke ansieht. Aber wer macht denn so was?

Magda 19.09.2016 | 19:04

Wenn sie jetzt auf die Vertreter der Karrierefeministen achten, werden sie feststellen, dass hier alles mögliche an nachrangigem Schnickschnack gefordert wird, nur kaum etwas, was Frauen/Müttern in präkerer Lohnabhängigkeit oder Arbeitslosigkeit helfen würde.

Ich weiß nicht, wo Sie hingucken. Die Grundforderung lautet noch immer Lohngerechtigkeit. Die Probleme Alleinerziehender und hier besonders Frauen werden lang und breit diskutiert und Änderung gefordert. Wenn Sie aber nur da wo Produktion und Reproduktion ist, feministische Debatten zulassen wollen, dann ist das typisch für eine gewisse männliche Ignoranz, die auch auf dem Gebiet die Agenda bestimmen will. .

Dass - im Rahmen feministischer Diskurse - auch andere Probleme debattiert werden, ist in Ordnung, wird aber gern als unwesentlich abgewehrt. Sag ich ja. Es gibt gerade auf diesem Gebiet durchaus wichtige Diskurse, die auch von Linken geführt werden oder geführt werden sollten.

Sonst wird es wieder die alte Kiste vom Haupt - und Nebenwiderspruch.