Wohltemperierte Panik

Corona Das Virus konfrontiert Industriegesellschaften wie die deutsche mit einem dreifachen Paradox

Der epidemische Ernstfall, wie er durch die Ausbreitung von Covid-19 nun zusehends auch in Deutschland eintritt, ist zuvorderst eine bürokratische Herausforderung. Offenbart sich nämlich jede gesellschaftliche Krise, bemerkte einst der Soziologe Niklas Luhmann, als eine „Explosion von Entscheidungsnotwendigkeiten“, gilt das für ihre virologische Variante ganz besonders. Durch die Unkalkulierbarkeit von Infektionsketten müssen fortlaufend eine Vielzahl von Fragen beantwortet, Daten ausgewertet und Risikoeinschätzungen vorgenommen werden: Wann sollten Massenveranstaltungen abgesagt werden? Wie können Ämter möglichst schnell und transparent informieren? Wo muss der – zumindest in Teilen ja mutwillig kaputtgesparte – Gesundheitssektor zusätzlich unterstützt werden?

Gerät schon deshalb das enorme Planungsbedürfnis ausdifferenzierter Industriegesellschaften gehörig unter Druck, stellt der epidemische Ernstfall indes nicht nur eine Aufgabe für die Behörden dar, sondern ist auch eine Art psychopolitischer Stresstest für die gesamte Weltgemeinschaft. Und zwar deshalb, weil sich im Umgang mit dem Coronavirus ein gleich dreifaches Paradox offenbart.

Vernetzung vs. Verdichtung

Erstens erfordert das Virus physische Entnetzung bei gleichzeitiger Verdichtung der Kommunikation: Einerseits werden weltweit bereits Großveranstaltungen abgesagt, Reisebeschränkungen eingeführt, Fabriken vorübergehend stillgelegt, Sperrzonen ausgerufen oder Institutionen einstweilen geschlossen, wie jüngst der Louvre in Paris. Diese physische Entnetzung steht im Widerspruch zur Grundbewegung spätmoderner Gesellschaften, nämlich der fortlaufenden Vernetzung von Menschen und Warenströmen. Deshalb ist es kein Wunder, dass die Finanzmärkte jüngst solch drastische Kurseinbrüche erlitten. Denn auch wenn manche Firmen sich offenbar zügig auf die Corona-Krise einstellen können, wie etwa der Technikhersteller Sharp, der in seinem Werk im japanischen Kameyama gerade die Produktion von Fernsehern auf Atemschutzmasken umgestellt hat, steht die entnetzende Logik der Quarantäne im größtmöglichen Kontrast zur vernetzenden Logik der Ökonomie.

Wobei es andererseits eben auch einen Bereich gibt, in dem es momentan nicht um Entnetzung geht, sondern, ganz im Gegenteil, um Verdichtung – der Bereich der Kommunikation. Müssen Informationen über Infektionsketten und Krankheitsverläufe möglichst schnell geteilt werden, um die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen, so ist der ständige Austausch über das Coronavirus integraler Bestandteil seiner Bekämpfung. Das erste Paradox im Umgang mit Covid-19 besteht, zugespitzt gesagt, darin, dass laufend darüber geredet werden muss, was alles stillsteht.

Das hängt wiederum direkt mit dem zweiten Paradox zusammen. Dieses liegt darin, dass die Verlangsamung der Covid-19-Ausbreitung eine Art wohltemperierte Panik erfordert. Nun stimmt es natürlich: Pure Panik, wie man sie bereits in Teilen des Boulevardjournalismus oder den sozialen Netzwerken findet, ist gleichermaßen absurd wie kontraproduktiv. Nicht zuletzt auch deshalb, weil sie ganz direkte Auswirkungen hat. So wies die Deutsche Apotheker Zeitung darauf hin, dass Hamsterkäufe von Desinfektionsmitteln und Atemmasken dazu führen könnten, dass diese dort, wo sie wirklich gebraucht werden, nämlich in Arztpraxen und Kliniken, zukünftig knapp werden.

Betonen Mediziner aber gleichzeitig immer wieder, dass die Eindämmung von Covid-19 auch am hygienischen Verantwortungsgefühl der Bevölkerung hängt, die deshalb dazu angehalten ist, sich regelmäßig die Hände zu waschen, große Menschenansammlungen möglichst zu meiden oder gar aufs Umarmen zu verzichten, muss dieses jedoch oft erst durch ein virologisches Problembewusstsein provoziert werden. Denn insofern moderate Desinfektionsroutinen hierzulande für manche Menschen eine erhebliche Anpassung von Alltagsabläufen bedeuten, benötigen diese eine ausreichend starke Motivation. Anders gesagt: Eine totale Gleichgültigkeit gegenüber dem Coronavirus mag individuell zwar nachvollziehbar sein, wäre massenimmunologisch aber ein Problem. Deshalb erfordert der epidemische Ernstfall eben eine Art wohltemperierte Panik, also eine grundsätzliche Besonnenheit bei gesteigertem Problembewusstsein.

Schließlich offenbart sich ein drittes Paradox im Umgang mit dem Coronavirus darin, dass seine Eindämmung, so bemerkte Slavoj Žižek kürzlich in einem Essay in der Welt, eigentlich eine „bedingungslose Solidarität“ sowie „weltweit koordinierte Reaktionen“ verlangt, also eine „neue Form dessen, was man einst Kommunismus nannte“. Selbst wenn man den Begriff des „Kommunismus“ hier als unpassend oder ungenau empfindet, ist ja tatsächlich erstaunlich, welche Menge an Ressourcen in staatsdirigistischer Hochgeschwindigkeit mobilisiert werden kann, wenn es politisch gewollt ist. Der Satiriker Thomas Gsella hatte diesen Umstand in seinem prägnanten, in den sozialen Medien tausendfach geteilten Gedicht Die Corona Lehre lyrisch auf den Punkt gebracht: „Quarantänehäuser sprießen, / Ärzte, Betten überall / Forscher forschen, Gelder fließen – / Politik mit Überschall. / Also hat sie klargestellt: / Wenn sie will, dann kann die Welt. / Also will sie nicht beenden / Das Krepieren in den Kriegen, / Das Verrecken vor den Stränden / Und dass Kinder schreiend liegen / In den Zelten, zitternd, nass. / Also will sie. Alles das.“

Auch wenn sich der kritische Effekt von Gsellas Gedichts natürlich durch jene politische Komplexitätsreduktion einstellt, die satirischer Lyrik nun mal eben zu eigen ist, trifft es angesichts der aktuellen Bilder von tränengasüberströmten Flüchtlingen an der griechischen Grenze dennoch einen völlig richtigen Punkt: Europas immense Bereitschaft zur Mobilisierung von Ressourcen im Fall der Corona-Krise macht en passant deutlich, wie vergleichsweise egal, ja womöglich sogar politisch gewollt die Krise auf den Ägäischen Inseln ist.

Stadionverweis in Leipzig

Wobei das Paradox in diesem Zusammenhang nicht nur darin liegt, dass der Bekämpfung von Covid-19 jene Gelder und Ressourcen zukommen, die in vergleichbaren Fällen ausbleiben. Es besteht auch darin, dass sich im Zuge der Corona-Krise, so bemerkte die Philosophin Eva von Redecker jüngst auf Twitter, statt der nötigen Solidarität leider oft genug auch ein dunkler Egalitarismus zeigt, also eine Art „Hobbes’scher Glaube, dass wir alle gleich sind, weil wir uns alle gegenseitig töten könnten.“ Es ist dieses Denken, aus dem jene rassistischen Anfeindungen und Ausgrenzungen hervorbrechen, wie sie hierzulande auch viele asiatisch(stämmig)e Menschen schon erlebt haben. Vergangenes Wochenende wurde in Leipzig etwa eine Gruppe Japaner von den Sicherheitskräften aus dem Fußballstadion geworfen, weil man sie für Chinesen hielt.

Dabei ist es ja nun wahrlich nicht allzu schwer, sich im Zuge der Corona-Krise einigermaßen anständig zu verhalten: hygienische Grundregeln befolgen, sich über behördliche Empfehlungen informieren, kein Rassist sein und wenn möglich Solidarität mit anderen zeigen. Ist das alles gewährleistet, kann man wahlweise ja immer noch jenen heiteren Halb-Zynismus pflegen, wie ihn exemplarisch Theodor W. Adorno verkörperte. Angesichts der atomaren Bedrohung schrieb dieser 1950 in einem Brief an Thomas Mann: „Wenn schon Weltuntergang, dann will man doch wenigstens dabei gewesen sein. Aber Sie wissen, ich glaube nicht daran.“

Nils Markwardt ist Leitender Redakteur des Philosophie Magazin

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06:00 07.03.2020
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Ausgabe 27/2020

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