Kenianische Arbeiter leiden für ChatGPT und wir gucken weg

Meinung In hiesigen Zeitungen werden immer dieselben Science-Fiction-Debatten geführt, wenn es um technischen Fortschritt geht. Wie wäre es, mal nach Kenia zu gucken, wo Männer für den neuesten Schrei in Sachen KI ausgebeutet werden?
Ausgabe 16/2023
Kenianische Arbeiter leiden für ChatGPT und wir gucken weg

Foto: Imago/Design Pics

Hatten Sie in den vergangenen Monaten beim Zeitunglesen auch ein paar Déjà-vu-Erlebnisse? Alle Jahre wieder kommt aus Seattle oder aus dem Silicon Valley eine technologische Entwicklung (meist von einem der dominanten Tech-Konzerne), die dann die gesellschaftliche Debatte dominiert. Journalisten und ihre Leser werden davon verzaubert und gruseln sich gleichzeitig. Seit OpenAI gemeinsam mit Microsoft im November 2022 den KI-Bot ChatGPT veröffentlicht hat, ist es wieder so weit. Im Feuilleton und darüber hinaus wird wieder einmal gerätselt, ob die Maschinen uns jetzt endgültig ersetzen oder die Bots letztlich klüger sind als wir. Wie wenig sinnvoll solche Science-Fiction-Debatten sind, kann man daran sehen, dass sie aus den zahlreichen vergangenen Diskussionen dieser Art nichts gelernt haben.

Vor KI waren es die Computer, die uns angeblich befreien würden: durch die sozialen Netzwerke sollten wir uns mit Menschen auf der ganzen Welt anfreunden können; E-Mails würden uns entlasten, weil keine Briefe mehr geschrieben werden müssten; auf kurz oder lang würde die Automatisierung die Arbeit sowieso überflüssig machen; und dann noch selbstfahrende Autos, Flugtaxis – nicht einmal mehr um unsere Mobilität müssten wir uns selber kümmern! Alles fährt von selbst in dieser goldenen Hightech-Zukunft.

Den Unternehmen nützen diese Texte, die spekulieren, statt genau hinzuschauen: Sie können ihre Entwicklungen als genial vermarkten, so ihre Profite vergrößern und die Ausbeutung, von der sie abhängig sind, mithilfe von Journalisten perfekt verschleiern. Ein paar Kollegen schauen dann aber doch genauer hin.

Was hinter dem Bildschirm wirklich passiert

Zum Beispiel ein Recherche-Team des Time-Magazins. Dort wurde bereits wenige Tage nach dem Launch von Chat-GPT am 18. Januar 2023 gezeigt, wie OpenAI kenianische Arbeiter über ein Unternehmen namens Sama beschäftigt, um die neue Plattform für Nutzer „aufzuräumen“. Ähnliches kennt man schon von Facebook und Co.; das Time-Magazin berichtet, dass die Sama-Arbeiter in einer neunstündigen Schicht bis zu 250 Textpassagen von einer Länge von bis zu 1.000 Wörtern lesen müssen. Der Stundenlohn dafür liegt zwischen 1,32 und zwei US-Dollar.

Besonders eindrücklich war die Beschreibung eines Sama-Arbeiters, der mit dem Lesen und Beschriften von Texten für OpenAI beauftragt war. Er erzählte, dass er „unter wiederkehrenden Halluzinationen“ leiden würde, nachdem er eine detaillierte Beschreibung eines Mannes gelesen hatte, der in Gegenwart eines kleinen Kindes Sex mit einem Hund hatte. „Das war Folter“, sagte der Arbeiter. „Im Laufe einer Woche lesen wir etliche solcher Texte. Wenn es dann Freitag ist, ist man ganz verstört, weil man sich eine Woche lang diese Bilder vor Augen geführt hat“, zitiert Time den Mann weiter.

Das ist die menschliche Ausbeutung, die hinter der kalten Fassade der faszinierenden KIs steckt.

Und wo steckt sie noch? Wer sind die Click- und Gig-Worker, die KI überhaupt erst möglich machen? Wie sind ihre Arbeitsbedingungen und wie können sie sich wehren? Das sollten Journalisten, Wissenschaftler, Künstler, aber vor allem auch Gewerkschafter fragen. Denn während die dominierenden Tech-Unternehmen durch den Entwicklungssprung der KI in einen erneuten Wettbewerb getreten sind, wer in diesem Bereich die Monopolstellung bekommen wird – aktuell haben Amazon und Microsoft die Nase vorn und Google das Nachsehen –, entsteht wieder mal ein riesiger neuer unregulierter Markt mit einer nicht organisierten Arbeiterschaft mit wenig bis gar keinen Arbeitsrechten. Das ist das eigentliche Thema. Nicht die Science-Fiction-Visionen irgendwelcher Silicon-Valley-Milliardäre. Ob unsere Zeitungen das auch endlich mal verstehen?

Jetzt schnell sein!

der Freitag digital im Probeabo - für kurze Zeit nur € 2 für 2 Monate!

Geschrieben von

Freitag-Abo mit dem neuen Buch von T.C. Boyle Jetzt zum Vorteilspreis mit Buchprämie sichern.

Print

Erhalten Sie die Printausgabe direkt zu Ihnen nach Hause inkl. Prämie.

Zur Print-Aktion

Digital

Lesen Sie den digitalen Freitag und wir schicken Ihnen Ihre Prämie kostenfrei nach Hause.

Zur Digital-Aktion

Dieser Artikel ist für Sie kostenlos. Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag abonnieren und dabei mithelfen, eine vielfältige Medienlandschaft zu erhalten. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Jetzt kostenlos testen