Vergesellschaftung? Diese Konferenz macht Hoffnung

Kolumne Ob Wohnungskonzerne oder RWE: In Berlin erzählten Menschen aus den Bewegungen für Vergesellschaftung auch von Tiefschlägen in ihren Kämpfen. Warum das ein gutes Zeichen ist
Demonstrant*innen protestieren gegen den Mietenwahnsinn in Berlin
Demonstrant*innen protestieren gegen den Mietenwahnsinn in Berlin

Foto: Imago/IPON

Normalerweise berichte ich an dieser Stelle alle vier Wochen von mutigen Arbeitskämpfen gegen scheinbar übermächtige Konzerne. Heute würde ich aber gerne ein persönliches Erlebnis teilen. Ich war jüngst zur Vergesellschaftungskonferenz in Berlin eingeladen. 800 Menschen diskutierten ein ganzes Wochenende lang euphorisch über Aspekte der Vergesellschaftung als Gegengift zu den Verwüstungen neoliberaler Privatisierungen, über den theoretischen Nutzen und die praktische Umsetzung. Mir macht so eine Konferenz, die einen ganz anderen Horizont als die Abwehrkämpfe der vergangenen Jahrzehnte hat, Hoffnung. Ich glaube, das ging vielen so. Aber am meisten Hoffnung machen mir die leisen, die realistischen Töne.

Ich durfte ein Podium moderieren, das mögliche Allianzen zwischen den Bewegungen ausloten sollte und bei dem Menschen aus ihrer Praxis berichteten, wo es auf dem Weg zur Vergesellschaftung auch noch hapert. Lucas Wermeier vom linken Flügel der Fridays for Future schilderte, wie schwer es ist, die Forderung „RWE enteignen“ in der eigenen Bewegung zu verankern und letztendlich umzusetzen. Knut Steinkopf von Verdi sprach darüber, wie kompliziert die Verankerung der Vergesellschaftungsforderung in Tarifauseinandersetzungen ist. Katalin Gennburg von der Linkspartei erzählte von den Auseinandersetzungen in der Berliner Regierungskoalition aus SPD, Grünen und Linker, der sie angehört. Und Kalle Kunkel erinnerte daran, dass es in Berlin immer noch darum geht, die Enteignung und Vergesellschaftung profitorientierter Wohnungsunternehmen durchzusetzen. Klingt wie ein Dämpfer? Ich finde es ist das Gegenteil davon.

Denn mittlerweile geht es oft auch realistisch zu, es geht um die kleinen, manchmal frustrierenden Schritte, selbst nach einem großen Erfolg wie den knapp 60 Prozent Zustimmung beim Volksentscheid Deutsche Wohnen & Co. enteignen in Berlin. Nicht nur mit Erfolgen zu prahlen, sondern ehrlich von den Tiefpunkten und den praktischen Herausforderungen zu erzählen, die die Kämpfe um die Umsetzung eben auch kennzeichnen – das ist so viel mehr wert als das nächste große „Man müsste mal“, nach dem dann alle wieder auseinandergehen.

Wenn wir es mit Vergesellschaftung ernst meinen, müssen wir uns ehrlich damit machen, wie viel Macht wir erst noch aufbauen müssen und dass eine Demokratisierung kein Selbstläufer ist. Das Kapital wird sich sein Eigentum nicht einfach wegnehmen lassen. Die Konferenz war ein massiver Fortschritt für eine gegen Konzernmacht kämpfende Vergesellschaftungsbewegung.

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