Die Schmetterlingsfrau

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Jana Januschewski wühlt in fremden Kleiderschränken, näht Brautkleider in silbermetallic und träumt von einer Modeschule in der Karibik. Porträt einer Designerin, die an ihr Handwerk glaubt.

Bei ihrer Arbeit kennt Jana Januschewski keine Berührungsängste. Sie dringt bis ins Intimste ihrer Kunden vor: in den Kleiderschrank. „Ich war nie besonders modebewusst“, sagt Maya Graef, die der Modedesignerin diesen Einblick gewährt. In den vergangenen Monaten hat die Radiomoderatorin einige Kilo zugenommen, nun passt sie nicht mehr in Hosen und Kleider. Während Januschewski den Schrank durchsucht, lässt sie ihre Fantasie spielen: Die Jeans soll zum Rock werden, das graue T-Shirt einen Spitzenkragen bekommen. Die Sachen packt sie ein, um sie in ihrem Laden namens „3mal“ zu neuen Kreationen umzunähen.

Ein blauer und ein roter Schmetterling im Haar, ein anderer sitzt auf einem Ring am Mittelfinger. Januschewski ist selbst wie ein Falter: bunt und flatterhaft. Seit eineinhalb Jahren betreibt sie im Essener Südviertel gemeinsam mit zwei Freundinnen einen Laden. Draußen bewacht ein Holzfrosch den Eingang, drinnen schneiden drei Frauen Stoff und entwerfen Schmuckstücke. Auf den Kleiderständern hängen Haremshosen mit tiefgeschnittenem Schritt und Samtjacken mit erdbeergemustertem Kragen. Das Startkapital haben die drei Jungunternehmerinnen mühsam zusammengespart. Ein befreundeter Architekt hat die Gestaltung des Ladens übernommen. Der große Spiegelkleiderschrank und die Arbeitstische sind selbst gezimmert.

Den Großteil ihres Geldes verdient sich Januschewski mit Maßanfertigungen. Für einen Hosenanzug nimmt sie rund 600 Euro. Ein Hausbesuch inklusive Umgestaltung alter Kleidung kostet 200 Euro. Zu ihren Kunden zählen alte Damen ebenso wie junge Frauen, für die sie schon mal ein Brautkleid in silbermetallic näht. Besorgt die Kundin den Stoff selbst, schlägt sich das auch im Preis nieder: „Je mehr Wege der Kunde mir erspart, desto günstiger ist es für ihn.“

Bis zum eigenen Laden war es für Jana Januschewski ein langer Weg. Die gebürtige Moldawierin ließ sich zunächst zur Bekleidungstechnischen Assistentin ausbilden, dann studierte sie Modedesign in den Niederlanden und in Düsseldorf. Jahrelang arbeitete sie als Kellnerin, um sich ihr eigenes Geschäft zu finanzieren, denn einen Kredit wollte sie nicht aufnehmen. Über Geld redet sie nicht gern, gesteht aber irgendwann: „Ich bin immer noch ein bisschen von meinen Eltern abhängig.“ Auch wenn sie mit ihrem Label Jotjot noch am Anfang steht, hat die 30-Jährige schon einen großen Traum: die Gründung einer Modeschule auf Trinidad. „Wenn man Sonne hat, ist man viel kreativer.“

Doch kreativ sein allein reiche nicht, warnt Paul Polte, Herausgeber der Fachzeitschrift TextilWirtschaft. Denn wer kein kaufmännisches Verständnis habe, Preise und Kosten nicht kalkulieren könne, laufe schnell ins Unglück. Jana Januschewski kann auch mit Zahlen gut umgehen. Neben dem Einkauf von Stoffen, macht sie auch die Buchhaltung selbst.

Das „3mal“ liegt in der Nähe des Isenbergplatzes, wo es rund um einen Kinderspielplatz Cafés, Ateliers und einen Second-Hand-Laden gibt. Die Gegend erinnert an den Berliner Prenzlauer Berg. Januschewski hat sich bewusst für den Ruhrpott entschieden. Sie ist überzeugt, mit einem kleinen Modelabel und ihren Mitstreiterinnen überleben zu können: „Klar, wir sind alle Konkurrenten, aber ich glaube, dass wir als Community stärker sind und uns gegenseitig helfen sollten.“

Das Trio aus Essen tritt gegen Textilgiganten wie Hennes&Mauritz, Mango und Zara an, die Mode zu unschlagbaren Preisen offerieren. Für Januschewski ein Grund, ihr Angebot auszudehnen. Neben ihrer Mode bietet sie auch Zeichen- und Nähkurse an. Sie glaubt, so sagt sie, an ein Revival kleiner Designerläden. Der Branchenkenner Polte bleibt dagegen skeptisch: „In Asien werden für die Produktion von Bekleidung Sklavenheere gehalten. Wie will man da als Kleinunternehmer konkurrieren?“

Januschewski lässt sich dagegen nicht beirren. Um ihre Mode an die Frau zu bringen macht sie Modenschauen und zeigt Fotos ihrer „Street Couture“ auf ihrer Homepage. Doch online kaufen kann man die Mode ihres Labels Jotjot nicht. „Ein Internetshop ist mir zu unpersönlich. Ich muss die Leute durchscannen, die Chemie muss stimmen.“ Kreative wie sie sind für Städte ein großer Gewinn: Sie sorgen für Vielfalt und beleben farblose Stadtviertel neu. Auf dass aus einer grauen Raupe ein Schmetterling werde.

12:22 27.07.2011
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Geschrieben von

Nina Draxlbauer

Freie Journalistin Österreicherin, lebt in NRW
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Nina Draxlbauer

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