Nina Draxlbauer
05.02.2010 | 09:17

Knackis und Kopfnicker

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied Nina Draxlbauer

Für einen Abend als JVA-Häftling beim Songlabor von Bernadette La Hengst in der Garage im Thalia Theater: „Wenn ich nicht hier bin – Beats auf Bewährung“.

„Alle Wertgegenstände einschließen“, befielt eine blonde Frau mit grell-rotem Sweater. Dann watscheln wir alle über den eisigen Asphalt. „Drogen oder Waffen dabei?“, fragt mich die blonde Frau und tastet mich von den Schultern bis zu den Knien ab. Einen musternden Blick wirft sie in meine Handtasche, dann erst darf ich rein. Ein Mann drückt mir noch einen Zettel in die Hand – ein Zitat eines Insassen. Der hohe Raum ist kahl und leer. Das grelle Neonlicht blendet. Für diesen Abend sind wir alle Gefangene der Justizvollzugsanstalt Hahnöfersand.

Die blonde Frau mit dem roten Pulli ist die Berliner Elektro-Popmusikerin Bernadette La Hengst. Sie ist in Begleitung von zwei Insassen der JVA: Günni im schwarzen Sakko und Tomek mit der schwarzen Mütze. Günni rappt und Tomek spielt Keyboard. Für ihren Auftritt in der Garage des Thalia Theaters haben sie ausnahmsweise Ausgang bekommen. Zu acht machen sie heute Musik, die reinhaut und sich gleichzeitig ins Herz schleicht. Zu acht? Und wo sind die anderen fünf? Die werden per Video eingespielt, das zuvor im Knast aufgenommen wurde. Sie rappen und singen ihre Texte zur Gitarre von La Hengst, zu Tomeks Keyboard, zu Günnis Rap und zum Sound vom Mac.

Jetzt ist das Publikum dran. Oder besser gesagt: die Insassen. Dealer, Mörder und Einbrecher. Bernadette La Hengst und Günni gehen mit einer Kamera durchs Publikum und lassen die Zettel mit den Zitaten vorlesen, die am Eingang verteilt wurden. „Ich hab im Kampf einen Menschen das Leben weggenommen“, liest eine junge Frau mit Locken vor. Das Kamerabild wird an die Wand geworfen – in diesem Moment ist sie keine Besucherin mehr, sondern eine Mörderin, die in Hahnöversand einsitzt.

Es sind Songs mit intelligenten Texten und frischen Beats, bei denen man eigentlich nicht still halten kann. Das Publikum kann es. Nur die Kopfnicker und Zehenwipper bringen ein wenig Bewegung in die Sache. Und La Hengst: die tanzt mit ihrer Gitarre und singt mit ihren Jungs von Freiheit. „Ich riech das Meer, aber seh keinen Strand, denn ich bin auf Hahnöversand“, singen die Gefangenen. Das Publikum lacht, lässt sich sogar am Ende dazu hinreißen, mitzusingen.

In nur vier Wochen hat Bernadette La Hengst mit sieben Jugendlichen der JVA Songs entwickelt, mit Texten, die von der Sehnsucht nach Freiheit, von Reue, von Verbrechen und von Familie erzählen. Keine billigen Sido-Kopien stehen hier auf der Bühne, sondern Jungs die etwas erlebt haben und was zu sagen haben – und das kommt tief aus ihrem Inneren. „Das hat mich wirklich berührt“, sagt eine Besucherin. Mit den Worten „Einschlusszeit. Ich wünsch euch viel Spaß in eurer Zelle!“, verabschiedet Günni das Publikum. Alle lachen, denn für uns ist es nur Spaß, für Günni und Tomek jedoch bitterer Ernst.

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.