MELT-Festival: abseits der Bühne

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Drei Tage und drei Nächte durchtanzen. Kein Problem auf dem Melt-Festival in Ferropolis, sofern man es physisch durchhält. Wer aber auch mal abseits des Festivalgeländes wandert und sich bis zum Bauhaus nach Dessau wagt, kann erstaunliches entdecken. Zum Beispiel den Vortrag von Alec Empire von Atari Teenage Riot (ATR).

In einem alten Hörsaal des Dessauer Bauhauses steht Alec Empire etwas verloren vor einer weißen Wand. Man hätte ihn vom MELT gebeten, einen Vortrag zu halten, entschuldigt er sich für sein Erscheinen. Es wirkt so, als wüsste er nicht so recht was er hier soll. Wie er da so steht in seinem blauen Baumwollshirt und den braunen Hosen, etwas blass um die Nase – man könnte denken, er hätte vergangene Nacht selbst zu Paul Kalkbrenner getanzt. Um die dreißig Melt-Besucher sitzen in den Reihen. An ihren flippigen Outfits und an den bunten Bändchen ums Handgelenk erkennt man sie schnell. Ob wohl alle wissen, wer dieser Alec Empire da vorne eigentlich ist? Alec Empire erzählt von sich, von seiner Band Atari Teenage Riot mit der er in den Neunzigern Erfolge in Europa, Japan und den USA feierte. Mit dem Album „Burn, Berlin, Burn!“ erreichten sie in den USA sogar Goldstatus. Alec Empire erzählt vom Tod seines Band-Kollegen Carl Crack. Dass es kein Selbstmord gewesen sei, die Presse aber trotzdem immer schreiben würde, dass er sich mit einer Überdosis das Leben genommen hätte. Er erzählt von seinen Ausflügen als Solokünstler und Produzent. Und davon, dass ab dem Jahr 2000 Schluss war mit ATR, weil sie alle ausgebrannt waren: „Es ist, als würde ein Rennwagen die ganze Zeit im roten Bereich fahren.“ Alec Empire erzählt von Erfolgen und Abstürzen und bleibt dabei so bescheiden, dass man denken könnte, der Vortragende ist der Leadsänger einer Schulband. Doch eigentlich ist dieser Alec Empire das, was man gemeinhin als Star in der Musikbranche bezeichnet. Einer der ausspricht was er denkt und fühlt. „Wir hatten so eine Wut im Bauch, wir konnten keine Kerze anzünden. Wir wollten Leute dazu bringen aktiv zu werden“, sagt Alec Empire über den Auftritt seiner Band Atari Teenage Riot auf der Demonstration am 1. Mai 1999 in Berlin. Es war eine friedliche Demonstration gegen die NATO-Bombardierungen im Kosovo. Doch während des Konzerts kam es zu Ausschreitungen. Die Polizei schlug auf friedliche Demonstranten ein und verhaftete die Bandmitglieder von Atari Teenage Riot. Angst hätte er damals gesehen – bei den Demonstranten und bei den Polizisten.

Er hält diesen Vortrag auch, um aufzuklären, sagt Alec Empire. Er wolle nicht, dass man denke, wenn ATR spielt, dann komme es zu Gewaltausschreitungen. Das würde das Bild verzerren. Atari Teenage Riot ist mehr als eine Band, die laute Krach-Musik macht – auch wenn man es ihnen oft vorwirft. Ihre Lieder enthalten politische Statements, die wachrütteln sollen. „Viele Leute bewegen sich in Verhaltensmustern und brechen nie oder selten daraus aus.“ Atari Teenage Riot sprach heikle Themen an, provozierte mit Text und ohrenzerreißenden Klängen und wollte ihr Publikum dazu bringen aktiv gegen Missstände zu werden, sich gegen die Politik und das System zu wehren. Alec Empire erzählt von der Entpolitisierung der Musik und davon, dass er überrascht sei wie feindselig und spießig sich viele Deutsche gegen Diskussionen weigern würden. Er erzählt von Dingen, die ihn bewegen, von der Bush-Regierung, von den Kriegen im Irak und Afghanistan, von den Rüstungsgeschäften der deutschen Regierung.

Man sitzt in diesem Hörsaal im Bauhaus Dessau und hört Alec Empire zu, was er erzählt über seine Beweggründe Musik zu machen. Und dann denkt man an die zwanzigtausend Melt-Besucher, die gerade feiern, sich betrinken und von politischen Statements in Songs nur wenig wissen oder wissen wollen. Um ein Uhr nachts steht auch Alec Empire mit Atari Teenage Riot auf einer Bühne des Melt-Festivals. Die Menschenmenge feiert ihn, als er sich mit dem Megaphon durch die Reihen drängt. Atari Teenage Riot ist nach zehn Jahren Pause zurück. Von der Originalbesetzung ist nur noch Alec Empire über. ATR ist zurück mit politischen Songtexten, die provozieren und nachdenklich machen. Das Publikum tanzt zum Techno-Punk bis zwei Uhr nachts. Danach drängt sich die Masse fünfzig Meter weiter zur Hauptbühne: Digitalism tritt auf. Weniger politisch und weniger schwermütig. Dafür mit mehr tanzbaren Beats.

13:32 21.07.2011
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Geschrieben von

Nina Draxlbauer

Freie Journalistin Österreicherin, lebt in NRW
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Nina Draxlbauer