Ungebetene Gäste im Exil

Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Hörsäle, die aus den Nähten platzen, kein Geld für Bildung und zu viele Deutsche an den Unis: seit 46 Tagen kämpfen Österreichs Studenten gegen die Bildungsmisere und den Studientourismus in ihrem Land

Den Österreichern sagt man nach sie würden zu viel sudern (Hochdeutsch: nörgeln) und nichts gegen Missstände tun. Doch das Klischee scheint seit sechs Wochen zu bröckeln. Solange schon protestieren Studierende in Österreich gegen das, was sie als Bildungsdebakel empfinden. Für Unmut sorgen nicht nur drohende Studiengebühren und Zulassungsbeschränkungen, sondern auch deutsche Numerus Clausus (NC)-Flüchtlinge, die in den letzten Jahren an österreichische Unis strömten. Die Situation ist paradox: scheinbar Seite an Seite demonstrieren Deutsche und Österreicher, doch für manchen sind die deutschen Studenten auch Teil des Problems.

Was anfangs nur als kleiner Funken aufblitzte, entwickelte sich nach wenigen Tagen zu einem Lauffeuer: Auch in anderen europäischen Ländern begannen die Studenten gegen das eigene Bildungssystem aufzubegehren. Von Wien bis Hamburg werden derzeit Hörsäle besetzt. Der 17. November wurde zum Bildungsaktionstag erkoren – in Deutschland gingen 85.000 Schüler, Studenten, Lehrer und Auszubildende für ein besseres Bildungssystem auf die Straßen, berichtete die Junge Welt.

In Österreich demonstrieren nicht nur Einheimische, sondern auch viele deutsche Studenten. Sie schwenken Plakate mit der Aufschrift „Reiche Eltern für alle“ oder tragen Doktorhüte aus Papier bedruckt mit „Humankapital?!“. Doch hinter vorgehaltener Hand sagen manche, dass auch die Deutschen mit Schuld am überlasteten Uni-System seien.

Deutsche die in Österreich studieren wollen, sollen auch dafür bezahlen – so will es die sozialdemokratische SPÖ und fordert einen finanziellen Ausgleich für deutsche NC-Flüchtlinge. Auch die Österreichische Hochschülerschaft (ÖH) steht hinter den Forderungen der SPÖ. Wissenschaftsminister Johannes Hahn (ÖVP) wehrt sich gegen solche Ausgleichszahlungen, denn der Zustrom an deutschen Numerus Clausus-Flüchtlingen sei nicht das Grundproblem, sondern der Tropfen, der in Österreich das Fass zum überlaufen bringe. Bundeskanzler Werner Faymann (SPÖ) spricht sich gegen die Wiedereinführung von Studiengebühren aus, hält aber Ausgleichszahlungen mit Deutschland für sinnvoll. „Es kann aber nicht sein, dass alle Deutschen bei uns freien Uni-Zugang haben, während Österreicher in Deutschland zahlen müssen“, äußerte sich die SPÖ-Politikerin Laura Rudas in der österreichischen Tageszeitung heute.

Vor einigen Tagen reagierte der deutsche Außenminister Guido Westerwelle (FDP) auf die Vorschläge aus Österreich und gab Faymann prompt einen Korb: Die Frage sei auf EU-Ebene zu klären und nicht bilateral. Zudem wies Westerwelle darauf hin, dass auch viele Österreicher in Deutschland studieren würden.

Zu den klassischen Numerus Clausus-Flüchtlingen zählt sich auch der 24 jährige Florian. Er absolvierte in Hamburg sein Abitur, doch um Psychologie in Deutschland zu studieren, reichte sein Notendurchschnitt nicht aus. Deshalb bewarb er sich um einen Studienplatz in Salzburg, denn dort interessierte sich keiner für seine Abi-Noten. Er trat zur Aufnahmeprüfung an, bestand und hatte einen Studienplatz in der Tasche. Anfangs musste er sich von Österreichern blöde Sprüche gefallen lassen: „Jemand sagte, dass wegen mir nun die Österreicher beim Billa (Anm.: Supermarkt) Orangen sortieren müssten.“ An der Uni ist Florian aber unter seinesgleichen, denn zwei Drittel der Studienanfänger in Psychologie kommen aus Deutschland.

Doch nicht alle deutschen Studenten haben dieselben Beweggründe um nach Österreich zu gehen. Sechs Jahre lang studierte die Hamburgerin Julia Betriebswirtschaft in Wien. 2008 machte sie ihr Diplom in Österreich. Zu den NC-Flüchtlingen zählt sie nicht, denn ein Studienplatz in Passau war ihr sicher. Nach einem Besuch in Wien entschied sie sich jedoch für ein Studium in der österreichischen Hauptstadt. „Zu Beginn meiner Studienzeit war ich als Deutsche eine Exotin“, sagt Julia. Ihr Freundeskreis bestand zu 90 Prozent aus Österreichern und als Großstadtmädchen fühlte sie sich in Wien wohl. „Aber zum Schluss hat sich das Klima extrem verschlechtert. Es kamen immer mehr Deutsche, die keinen Bock auf Österreich hatten und nur wegen des Studienplatzes kamen.“

„Es ist schon auffällig, dass so viele Deutsche hier sind“, sagt der Hamburger Florian, der mit drei Österreicherinnen in einer WG wohnt. Dass aber die Deutschen schuld am Kollaps der österreichischen Unis sind, sei Humbug: „Wir sind ein Faktor, aber nicht die einzige Ursache. Das Uni-System war auch vorher nicht perfekt.“

Dass so viele Deutsche die österreichischen Unis bevölkern, daran ist auch das Urteil des Europäischen Gerichtshofs (EuGH) vom Juli 2005 Schuld. Der EuGH befand die Zulassungsbeschränkungen Österreichs als EU-widrig und diskriminierend. Wer als EU-Student in Österreich studieren wollte, durfte dies früher nur, wenn er einen Studienplatz in seinem Heimatland vorweisen konnte. Österreichern mit Maturazeugnis (Anm: Abiturzeugnis) dagegen standen die Türen der heimischen Universitäten offen. Vor allem deutsche Studenten fühlten sich ungerecht behandelt und klagten erfolgreich gegen die Zugangsbeschränkungen. Österreich musste die EuGH-Entscheidung schlucken und entwickelte sich für deutsche Studienanfänger zum zweitbeliebtesten Studienland nach den Niederlanden: kein Numerus Clausus, Großteils keine Aufnahmeprüfungen und dank SPÖ, die gemeinsam mit der ÖVP regiert, seit März 2009 auch keine Studiengebühren mehr.

Um sich vor dem Ansturm deutscher NC-Flüchtlinge zu schützen wurden in den Studienfächern Human-, Zahn- und Veterinärmedizin sowie Psychologie, Biologie, Pharmazie, Betriebswirtschaft und Publizistik Aufnahmeprüfungen eingeführt. Egal ob Einheimischer oder Ausländer, wer einen Studienplatz wollte, musste diese Hürde überwinden. Für Medizin-Studenten führte man zusätzlich eine Quotenregelung ein. Seit Herbst 2006 sorgt diese dafür, dass 75 Prozent aller Studienplätze Einheimischen vorbehalten bleiben, 20 Prozent gehen an EU-Studenten und 5 Prozent an Nicht-EU-Bürger. Dies bleibt zumindest bis 2012 so, denn bis dahin hat Österreich von EU-Kommissionschef José Manuel Barroso eine Gnadenfrist bekommen.

Seit dem 11. November wird auch das Audimax der Universität Hamburg besetzt. Studenten verteilen Flyer mit ihren Forderungen: „Gebührenfreiheit, Reform des Bologna-Prozesses, Re-Demokratisierung der Hochschulen.“ Sogar eine eigene Presse AG haben die Studenten eingerichtet. Die 20jährige Gesa ist eine der Besetzerinnen des Audimax: „Jeder sollte unabhängig von Herkunft, Religion und Geschlecht freien Zugang zum Studium haben“. Von deutschen NC-Flüchtlingen, die Österreichs Unis stürmen hat sie noch nie etwas gehört.

Man könnte es so sehen, als würden die österreichischen Politiker für ihre eigenen Fehler einen Sündenbock in deutschen Studenten suchen. Auch wenn sie damit keinen Erfolg haben, den deutschen Studenten sollte klar sein: mit offenen Armen empfängt man sie in Österreich derzeit nicht.

20:47 07.12.2009
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Nina Draxlbauer

Freie Journalistin Österreicherin, lebt in NRW
Schreiber 0 Leser 0
Nina Draxlbauer

Kommentare 4

Avatar
meisterfalk | Community
Avatar
meisterfalk | Community
Avatar