Zum Lachen und Heulen: Braunschlag

TV-Serie Bitterböser Humor aus der tiefsten österreichischen Provinz: die Serie "Braunschlag" hält den Österreichern den Spiegel vors Gesicht.
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Der ORF hat es schon nicht leicht. Von allen Seiten wird auf ihn eingeprügelt: seit Monaten protestieren seine Mitarbeiter gegen schlechte Arbeitsbedingungen und fragwürdige Postenbesetzungen. ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz kämpft sich durchs Parteifilz-Dickicht und nutzt jede Gelegenheit, um sich mit seinen Äußerungen mehr und mehr ins Abseits zu schießen. Und dann haut auch noch Rapper Sido in der Show Die große Chance dem Society-Reporter Dominic Heinzl vor laufender Kamera eins aufs Goscherl. Ein Skandal löst den nächsten ab – damit einem ja nicht fad wird.

Das morsche ORF-Schiff schrammt einen Eisberg nach dem nächsten. Es ist wohl nur eine Frage der Zeit, wann der ganze Kasten Schiffbruch erleidet. Der Österreicher ist Skandale ja gewohnt – ob in der Politik, beim ORF oder im Keller des Nachbarn. Aber „jo mei, wos wüst mochn, so is des hoit“. Der Österreicher nimmt’s hin, weil aufstehen und auf die Straße gehen, das liegt ihm nicht im Blut.

Will der Österreicher doch nur eins: seine Ruhe haben und dabei gutes Fernsehprogramm schauen. So wie die Serie Braunschlag. Seit September läuft die 45minüte Serie immer dienstags auf ORF. Wehmütig blickt so mancher Österreicher dem kommenden Dienstag entgegen – denn da wird die letzte Folge von Braunschlag ausgestrahlt. Ein bedauernswerter Verlust, wenn man bedenkt was sonst so im ORF läuft. Die Serie Braunschlag entführt den Zuschauer in die finstersten Abgründe der österreichischen Provinz: da legt sich der versoffene Bürgermeister Tschach schon mal mit der Russenmafia an und schwängert die Frau seines besten Freundes. Braunschlag, das im tiefsten Waldviertel liegt, ist pleite. Da muss ein Wunder her: eine Marienerscheinung. Tschach und sein trinkfester Freund Richard Pfeisinger inszenieren die Erscheinung für ihren Bekannten Reinhard Matussek. Der glaubt den Schmäh und verkündet die frohe Botschaft in Braunschlag. Von da an wird das Dorf überrannt von Pilgern – Tschachs finanzielle Probleme scheinen damit gelöst. Was als Wunder beginnt entwickelt sich aber nach und nach zum Fluch für Tschach und die Braunschlager.

Mit bitterbösem Humor halten die Produzenten David Schalko und John Lueftner den Österreichern den Spiegel vors Gesicht. Dass der ORF diese Serie produziert hat zeugt von Mut. Deutschland hat bereits Interesse am Kauf der Serie bekundet, berichtete Der Standard.

Auch wenn es sich bei Braunschlag nur um eine fiktive Geschichte handelt, dass da viel Wahrheit drin steckt, weiß jeder der Österreich kennt. Vielleicht spaltet Braunschlag auch deshalb die Nation: entweder der Österreicher hasst die Serie (wegen der vielen Rollenklischees) oder er liebt sie (weil ein bisschen Wahrheit auch im Klischee steckt). Auch wenn Formate wie Braunschlag, die Late-Night-Show Willkommen Österreich oder Wir Staatskünstler Probleme der österreichischen Gesellschaft und Politik thematisieren – fraglich bleibt, ob sich je etwas ändern wird, wenn Kritik am herrschenden System immer nur unter dem Deckmantel des Humors stattfindet.

Braunschlag in der TVthek des ORF: http://tvthek.orf.at/search?q=braunschlag&x=0&y=0

Trailer:

http://www.youtube.com/watch?v=KqAzCM-Tnfk

http://www.youtube.com/watch?v=KqAzCM-Tnfk

12:49 03.11.2012
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Geschrieben von

Nina Draxlbauer

Freie Journalistin Österreicherin, lebt in NRW
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Nina Draxlbauer

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