Geh nach England oder geh ins Gefängnis

Referendum Irland Zum zweiten Mal in nicht einmal 40 Jahren wird auf der grünen Insel über das Recht auf legale Abtreibung entschieden.
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Geh nach England oder geh ins Gefängnis
In Irland hat sich seit dem letzten Referendum um die Legalisierung von Abtreibungen im Jahr 1983 viel verändert

Foto: Chris J Ratcliffe/AFP/Getty Images

Die Straßen sind belebt an diesem Freitag. Es ist ein außergewöhnlich milder Morgen für irische Verhältnisse. Wie jeden Freitag findet in der Kleinstadt Clonakilty der Bauernmarkt statt, auf dem Käse, Fisch und Schmuck aus der Region verkauft werden. Hier wird jedoch nicht nur ver- und gekauft, sondern auch viel geredet und diskutiert. Der Marktbesuch ist neben den abendlichen Besuchen im Pub eine Möglichkeit der Zusammenkunft in der ländlichen Region West Cork. Regelmäßig finden sich auch Stände von NGO’s wie etwa "Amnesty International“ ein - heute dominiert aber etwas anderes. Nahezu alle Verkäufer*innen tragen bunte Anstecken mit den Aufschriften „Yes“ oder „Tá“ (dem gälischen Wort für „Ja“). Am Eingang des Marktes befindet sich ein gutbesuchter Stand der von einer fünfköpfigen Gruppe Frauen mittleren Alters betreut wird. Ihre Mission: mit Leuten ins Gespräch kommen, über ihre Ängste sprechen und Missverständnisse aus dem Weg räumen. Vor allem aber wollen sie die Menschen dazu bewegen, am 25. Mai mit „Ja“ zu stimmten.

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(West Cork Together For Yes, Credit: Laura Raye)

Seit Monaten wird in Irlands Radiosendungen, Zeitungen, Läden und Pubs diskutiert ob „Yes“ oder „No“, denn Irland ist neben Malta eines der letzten europäischen Länder, in denen es keinen legalen Weg für eine Abtreibung gibt. Frauen sind daher gezwungen nach England zu reisen und diese dort vornehmen zu lassen. Oft vergessen wird dabei, dass es sich lediglich die besser situierten Frauen leisten können für Flug und Eingriff finanziell aufzukommen. Für Frauen die es sich nicht leisten können nach England zu fliegen bleiben lediglich übers Internet bestellte „Abtreibungspillen“ oder selbst vorgenommene Eingriffe, die nicht selten mit ernsten Komplikationen einhergehen. „Dass Minderheiten hier deutlich stärker betroffen sind als der Großteil der Bevölkerung, das wird oft übersehen“ sagt Tina Pisco. Sie ist eine der Initiatorinnen der Kampagne „West Cork Together For Yes“, stammt selbst aus Belgien und verfügt nicht über die irische Staatsangehörigkeit. Dass sie daher selbst gar nicht abstimmen kann, das stört sie zwar, es sei jedoch kein Grund sich nicht zu engagieren. Aus ihrer Perspektive sei das Thema Abtreibung schließlich kein nationales Thema, sondern es handle sich hierbei um einen internationalen Kampf aller Frauen.

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(Tina Pisco, Credit: Laura Raye)

Es gibt allerdings Spezifika in Irland, die bei der Debatte um das Referendum nicht außer Acht gelassen werden können. Zwar ist der Einfluss der Kirche auch in vielen anderen Ländern bis heute kritisch zu betrachten, in kaum einem anderen europäischen Land verfügt die katholische Kirche aber heutzutage noch über stärkeren Einfluss als in Irland. Schulen, Krankenhäuser und Wohlfahrtsorganisationen waren bis vor etwa 15 Jahren zu einem Bruchteil säkular und auch heute noch dominieren katholische Schulen. Bis 1985 war der Verkauf von Kondomen nicht erlaubt, bis 1993 durften diese nur an Personen über 18 Jahren verkauft werden. Doch in Irland hat sich seit dem letzten Referendum um die Legalisierung von Abtreibungen im Jahr 1983 viel verändert, da ist sich auch Tina Pisco sicher.

Das Ergebnis des letzten Referendums mag ihr dabei Recht geben. Im Jahr 2015 stimmte die irische Bevölkerung einer Legalisierung der gleichgeschlechtlichen Ehe mit 62% zu.

Für das jetzige Referendum stehen die Chancen laut einer Befragung der "Irish Times" ebenfalls zu Gunsten der „Yes“-Wähler*innen (58%), was eine Aufhebung des 8. Zusatzartikels der irischen Verfassung zur Folge hätte.

„Beim letzten Mal war es am Tag der Abstimmung selbst überwältigend zu sehen, wie viele Menschen zurückgekehrt sind um ihre Stimme für ein progressives Ergebnis abzugeben. Die meisten kommen aus London und anderen Regionen in Großbritannien, aber auch aus Spanien, Frankreich und sogar Australien kamen Menschen mit irischen Pässen zurück um ihre Stimme abzugeben“, erklärt Tina Pisco. Neuste Zahlen belegen, dass sich tatsächlich 118.000 zusätzliche Wähler und Wählerinnen registriert haben. Allerdings gibt es dieses Mal auch Gerüchte um eine Anreise von Iren und Irinnen die in die USA emigriert seien und eindeutig auf der Seite der Abtreibungsgegner*innen abstimmen würden. Unter dem Hashtag #hometovote finden sich derzeit auf Twitter Posts von beiden Parteien.


Sollte das Referendum dieses mal erneut zu Gunsten der Abtreibungsgegner*innen ausgehen, so hätte dies dramatische Folgen. Jüngst äußerte sich der irische Premierminister Leo Varadkar dazu, dass, sollten sich die Bewohner*innen Irlands gegen eine Aufhebung des 8. Zusatzartikels aussprechen, die Regierung gezwungen wäre, das geltende Gesetz durchzusetzen. Dies sieht eine vierzehnjährige Haftstrafe für Frauen vor, die Abtreibungen vornehmen. Seit geraumer Zeit ist diese Gesetzeslage eine „Grauzone“, die nicht besonders streng durchgesetzt wird. Dies würde sich laut Varadkar aber ändern, wenn sich die Menschen für den Erhalt des Gesetztes aussprechen. Erst vor Kurzem wurde ein Verfahren gegen eine Frau in Nordirland geführt, welche ihrer fünfzehnjährigen Tochter Abtreibungspillen beschaffte.

15:45 24.05.2018
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