Augsteins Systemfrage - ein offener Brief

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Sehr geehrter Herr Augstein,

in einer TV-Sendung (am vergangenen Sonntag) beklagten Sie, daß die breite Mehrheit der Parteien nicht die Systemfrage stellen, sondern am System festhalten und nur einige Stellschrauben verändern wollen. Akademisch mag es vielleicht interessant sein die Systemfrage zu stellen, aber vielleicht sind die politischen Parteien näher an dem Menschen als es Ihnen lieb ist. Zum einen interessiert die Systemfrage ein Großteil der Bevölkerung nicht;

Das obere Drittel der Bevölkerung will keine Systemänderung, denn sie profitieren ja gerade von diesem System, das mittlere Drittel bemüht sich entweder in das obere Drittel aufzusteigen oder kämpfen darum nicht in das untere Drittel abzurutschen und das untere Drittel hat sich schon damit abgefunden abgehängt zu sein. Also warum sollten die Parteien sich mit der Systemfrage beschäftigen die vielleicht nur in der Sonntagspredigt oder in linken Salons besprochen wird (beide Veranstaltungen werden auch eher karg besucht) aber intellektuell einen Großteil der Bevölkerung nicht interessiert.

Zum anderen sollte man die Bevölkerung danach beurteilen wie sie handelt und nicht was sie sagt oder möchte. Das handeln der Mehrheit deutet nicht darauf hin, daß sie eine Systemänderung möchte.

Denn wie verhält sich Otto Normalverbraucher; nach dem er/sie sich unter den Internetprovidern den günstigsten für das gemütliche zu Hause, welches zum Teil von Ikea ausgestattet wurde, ausgesucht hat, wird direkt im World Wide Web nach der neuen Kaffeemaschine, Flachbildschirm oder Digitalkamera gegoogelt , bis man sein favorisiertes Modell gefunden hat und gleichzeitig den billigsten Anbieter dazu. Nur ein kleines Beispiel wie Otto Normalverbraucher das System benutzt und sich in diesem System wohlfühlt. Selbst die „aufgeklärten“ Demonstranten auf Globalisierungsdemos tragen Kleidung von H&M und Chucks und nicht selbstgestrickte Pullis.

Schaut man über den Tellerrand Deutschlands hinaus, zum Beispiel auf den arabischen Frühling sieht man folgendes. Eines der Hauptmotive der Demonstranten, neben mehr Freiheit und Demokratie, war wirtschaftliche Teilhabe an der Gesellschaft. Sie wollen Jobs haben damit sie den selben Plunder kaufen können wie wir im Westen. Dies wird leider in dem Medien nicht so gerne thematisiert, denn Menschen die für mehr Freiheit und Demokratie kämpfen haben halt mehr Sexappeal als Menschen die dafür eintreten, daß sie sich irgendwann mal das neueste Handy oder ein deutsches Auto leisten können. Wirtschaftlich ist der Westen deren Vorbild - „unser“ System.

Selbst in der Occupy-Bewegung geht es auch darum, das die da oben alles absahnen und für uns da unten nichts mehr übrig bleibt.

Es mag für uns alle unappetitlich und unmoralisch klingen aber die Menschen wollen keine Systemänderung, die wohlen Chancen haben Teil des Systems zu sein und das haben die Parteien verstanden.

Hochachtungsvoll

noch-einer

11:33 01.11.2011
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Geschrieben von

noch einer

Im Zweifel common sense
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