Das Meer wird geschlossen

EINZIGARTIG Judith Katzirs melancholische Geschichten überzeugen durch ihre Genauigkeit und ihre Intensität

Während vor allem Fernsehen und bunte Magazine israelische Frauen gern wie lauter weibliche Hans Hansens präsentieren, zeigt die 1963 geborene Judith Katzir die vielen "Tonia" Krögers, die in diesem Land leben. Katzir spricht eine eigene Sprache, sie nimmt sich viel Zeit für genaue Beobachtung und Beschreibung. Sie misst Kleinigkeiten große Bedeutung bei und spiegelt so, dass es Großes im Leben ihrer still träumenden, verlorenen Heldinnen nicht gibt. Katzir schreibt über traurige Frauen, die ihr Leben verpassen. Manche halten trotzdem an den Wunschträumen ihrer Kindheit fest, andere resignieren. Kindheit und Gegenwart schieben sich ineinander, die Zeit der Erwartung des "richtigen" Lebens ist jedoch die Phase der intensiveren Erlebnisse und Beziehungen. Als Leserin möchte man die zarten Frauen Katzirs mit starken Armen umfangen und schützen, so dass ihre Hoffnungen und Wünsche wenn schon nicht erfüllt, so doch lebendig bleiben können und vor der brutalen Zerstörung beim Ankommen in der Realität bewahrt werden.

"Fellinis Schuhe" sammelt vier Erzählungen, herausragend sind besonders "Disneyel" und "Das Meer wird geschlossen", das der hebräischen Ausgabe den Titel lieh. Die magere Lehrerin Ilana, inzwischen abgelegte Gelegenheitsgeliebte eines verheirateten Mannes, träumte als Mädchen und träumt später als Frau von einer lebenslangen Frauenfreundschaft mit Tami, obwohl die, ein weiblicher Hans Hansen, sie längst nicht mehr wahrnimmt. Die Enttäuschung, die sie in der Beziehung mit Schmuel erlebte, wiederholt sich in der Beziehung mit Tami. Ilana ist eine Frau, die keine Rechte für sich zu beanspruchen wagt, die schüchtern und höflich von anderen aus- und benutzt, sogar gelebt wird, die unfähig ist, wütend zu werden. Katzir schildert einfühlsam keine Fahrt, sondern eine Reise von Haifa nach Tel Aviv. Ein Tag, an dem Ilana sich aus ihren Pflichten wegstiehlt, ein Tag, von dem sie sich lauter Genüsse erhofft: shopping im New York Israels, dort im Café sitzen und als Höhepunkt: das erste Wiedersehen mit Tami seit vielen Jahren. Es wird ein Tag, an dem sie sich übers Ohr hauen lässt, dessen Stunden sie totschlagen muss, und als Tami mit Stunden Verspätung schließlich kommt, ist die Begegnung ein Desaster. Ilana ist zu befangen, den Moment wahrzunehmen, auf einen Mann zu reagieren, der sie kennenlernen will. Sie flieht stattdessen in Fantasie: die Lehrerin Ilana als entschwebende Braut, wie sie Chagall immer wieder malte.

In der Erzählung dieses Tages breitet Katzir ein Panorama israelischer Wirklichkeit aus: einer Gesellschaft, in der man keinen Moment abschlaffen darf und in der jede, die nicht das Image des Agens pflegt, von Stärkeren heruntergedrückt wird.

Barbara Linner hat die Erzählungen Katzirs sehr geistesgegenwärtig übersetzt: nah am Text und trotzdem auch im Deutschen lebendig. Erklärungen zu Orten, die für die Imagination wichtig, aber, da in Israel bekannt, im Orginial nicht beschrieben sind, fügt sie nahtlos in den Text ein, so dass nun auch die deutsche Leserin mitfühlen kann, wie Ilana morgens vom Carmel, für sie ein Berg der Mühsal, hinunter zum glitzernden, würzig riechenden Meer fährt, das sich aber als versperrt erweist. Das Eintauchen ins Leben gelingt nicht.

In den Erzählungen Katzirs besitzen die Frauen (und manche Männer, wie Michael in "Disneyel") eine große innere Lebendigkeit, eine fast kindliche Fähigkeit, sich zu begeistern und zu freuen, zu hoffen, zu träumen und zu lieben. Aber Tatmenschen, meist Männer, entscheiden, schaffen Fakten, brechen Eheschwüre aus der Kindheit ("Schlafstunde") oder lassen die Bereitschaft vermissen, eine feste Beziehung einzugehen. Die Frauen Katzirs sind sich selbst und ihrer Liebe so treu und so geduldig, dass sie dafür bestraft werden. Die Erzählungen der 1963 in Haifa geborenen Autorin über Menschen, insbesondere Frauen, die in ihrer Ver-rücktheit sie selbst sind, sollte man lesen.

Judith Katzir, Fellinis Schuhe, aus dem Hebräischen von Barbara Linner, Amman Verlag, Zürich 2000, 213 S., 36,- DM.

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