Gelungene Solidarität

FUNDIERT Aktivistinnen aus Süd und Nord im ersten Handbuch gegen weibliche Genitalverstümmlung

"Machen wir uns doch nichts vor, diese Praktik (weibliche Genitalverstümmlung) ist Teil der Ungerechtigkeiten afrikanischer Gesellschaften gegen Frauen." (Nahid Toubia)

Weibliche Genitalverstümmelung. Eine fundamentale Menschenrechtsverletzung" kommt unprätentiös und unspektakulär als "Textsammlung" im Selbstverlag von TERRE DES FEMMES heraus, aber es ist wo möglich das beste Buch des Jahres über Frauenmenschenrechte.

Die Zusammenstellung der 27 Artikel, Interviews und Infoblocks ist durchdacht, jeder einzelne Teil basiert auf den Erfahrungen jahrelanger eigener Arbeit. Frauen aus Afrika beschreiben den Stellenwert weiblicher Genitalstümmelung (female genital mutilation/fgm) in verschiedenen Herkunftsländern, berichten von ihrem Kampf gegen die lebensgefährliche Tradition. Frauen aus dem Norden zeigen auf, wie sie die Frauen aus dem Süden unterstützen: Mitfinanzierung von Aufklärungskampagnen und Projekten in Afrika, Engagement für die Ächtung von fgm, die Anerkennung von fgm als Asylgrund, die Bestrafung von im Norden lebenden MigrantInnen, wenn sie ihre Töchter verstümmeln lassen.

Schädliches Engagement wird nicht verschwiegen. Afrikanerinnen nehmen sich den Raum, ihren Widerwillen gegen die Unkultur des Nordens zu artikulieren, die weiblichen Sexualorgane "als öffentliche Angelegenheit" zu betrachten und weibliche Genitalverstümmelungen im Fernsehen spektakulär zu zeigen. Bei aller Entschlossenheit, gegen fgm vorzugehen, pochen sie zu Recht auf Respekt vor ihrer Würde.

Hochinteressant sind die Texte der Afrikanerinnen. Sie stellen plastisch dar, wie gespalten Gesellschaften im Süden in dieser Frage sind. Damit belegen sie zugleich, dass es keine kulturelle Überfremdung ist, wenn Frauen aus dem Norden Fraueninitiativen des Südens gegen fgm unterstützen.

Ina Ismail, die 1983-89 im Sudan Medizin studierte, berichtet, dass im Studium über fgm nicht gesprochen wurde - während Frauen andererseits seit 1965 per Gesetz am ersten Tag ihrer Periode einen bezahlten freien Tag haben. Die Sudanese Women's Union setzte dies durch, weil Frauen während der Blutung wegen großer Schmerzen aufgrund der Verstümmelung nicht arbeiten können.

Wichtig für alle, die über das Strafmaß bei weiblicher Genitalverstümmelungen im Norden oder über fgm als Asylgrund entscheiden, ist das Interview mit Aminata Sigué. Sie berichtet, dass es in Burkina Faso seit 1984 ein Gesetz gibt, das sowohl die Verstümmlerin als auch die Familie des Mädchens mit einer Strafe von umgerechnet 26 DM belegt (bei einem durchschnittlichen Monatseinkommen von 60 DM). Das Gesetz wird angewandt und soll verschärft werden (bis zu fünf Jahren Haft).

Weshalb es notwendig ist, Frauen in den betroffenen Ländern eine wirtschaftliche Basis im alltäglichen Überlebenskampf zu bieten, beschreibt anschaulich Asili Barre-Dirie, eine Somalierin: Wenn eine Frau zehn Kinder hat und deren Ernährung sicherstellen muss, hat sie nicht die Zeit, sich mit fgm auseinanderzusetzen. Sie wird ihre Töchter verstümmeln lassen, weil sie für die Mädchen keine andere Möglichkeit zum Überleben sieht, als sie zu verheiraten, und weil sie glaubt, kein Mann würde eine nicht-verstümmelte Frau heiraten.

Das Buch macht sich nicht die Texte der Afrikanerinnen zunutze, sondern veröffentlicht auch Kontaktadressen und Konto-Nummern. Es betreibt Vernetzung auch mit nationalen und internationalen Frauenlobbygruppen. Dies und die Fülle an Informationen über fgm in verschiedenen Ländern, über die Gesetzgebung in Ländern des Nordens, ein Bericht der UN-Gesundheitsbehörde WHO und die zahlreichen Hinweise auf weiterführende Literatur machen die "Textsammlung" zum Handbuch. Wichtig sind auch die Kurzbiographien über die Autorinnen, die deren Beiträgen zusätzliches Gewicht verleihen.

Abgerundet wird das Buch durch drei Exkurse - die Klitoris aus feministischer Sicht, das Verhältnis zwischen männlicher und weiblicher Genitalverstümmelung, fgm im Europa des 19. Jahrhunderts - über deren Notwendigkeit man streiten könnte. Denn sie führen weg von der Anteilnahme am Kampf afrikanischer Aktivistinnen für Frauenmenschenrechte.

Weibliche Genitalverstümmelung. Eine fundamentale Menschenrechtsverletzung. Hrsg.: Petra Schnüll/TERRE DES FEMMES. TERRE DES FEMMES-Selbstverlag. Göttingen 1999. 295 S., 15,- DM.

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