Das Jaulen der Hunde

Bonbons Vom General In "Geister aus einer kleinen Stadt" schildert Ivan Ivanji die deutschen Verbrechen in seiner Heimatstadt Zrenjanin, ehedem ein Schmelztiegel der Kulturen

Fluide Gestalten" sind es, "fast durchsichtig", die den Erzähler auf einer seiner gelegentlichen Lesereisen in seine Heimatstadt auffordern, nicht immer nur über sich, sondern auch über sie zu ­schreiben. Es sind die Toten der "kleinen Stadt am Kanal", Juden und Roma vor allem, die hier von den Deutschen umgebracht wurden. Ivan Ivanji, der große Vermittler zwischen deutscher und serbisch-jugoslawischer Kultur, der 1929 in Zrenjanin geborene Jude, der überlebt hat und nächstes Jahr achtzig wird, schöpft auch in seinem neuen Buch wie immer aus der Erinnerung. Man lebte friedlich, ein wenig langweilig und sehr normal in der kleinen Stadt im serbischen Banat, die je zu einem Drittel von Serben und Donauschwaben und zum letzten Drittel von Rumänen, Ungarn, Kroaten, Juden und Roma bewohnt war.

Die Deutschen aus Deutschland kamen 1941 hierher wie ein diabolus ex machina. Bei Ivanji tauchen sie nur am Rande auf - sie gleichen den Klischees aus den jugoslawischen Partisanenfilmen: schneidig, korrekt, brutal. Den Opfern der Deutschen folgt der Erzähler bis in den Tod. Die jüdische Arztfrau hackt unter den Augen der SS für sich und ihre Kinder ein Loch in die zugefrorene Donau, bevor man sie dort ertränkt. Der jüdische Holzhändler fährt mit der Familie im Lastraum eines SS-Wagens durch Belgrad, bis Gas eingeleitet wird und alle ersticken.

Die Biografien der Opfer beginnen alle im gemütlichen Ton der Ortschronik, ein wenig wilhelminisch-barock, ganz so, wie auch ein lokalhistorisch interessierter Volksschullehrer es angefangen hätte. Die Modistin mit ihrem Fimmel für Hüte, der neureiche Holzhändler mit seinem Mercedes, der k.u.k. Rittmeister mit seiner Liebe für die untergegangene Monarchie, bilden ein gemütliches, pastellfarbenes Kleinstadt-Panoptikum mit lauter liebenswert-skurrilen Figuren. Wenn es an ihr schreckliches Ende geht, wechselt der Erzähler kaum merklich in den anschaulich-präzisen Stil eines Zeitungsfeatures. Bericht, Reportage, Kommentar kommen hier zusammen. Auch Journalisten können, wenn sie Romane schreiben, von zu Hause etwas mitbringen. Wie ein gutes Feature ist die Erzählung fakten-, bilder- und gedankenreich zugleich. Bei Ivanji ist es neben der Komposition vor allem die meisterliche Sprache, die eine solche enorme Beklemmung erzeugt - die sorgfältig gehaltene Distanz, die das Geschehen gerade so weit an den Erzähler heran lässt, wie er es gerade noch verkraften kann.

Erzählerische Hilfsmittel bei der Schilderung des Schrecklichen sind die Hunde der Juden. Ein geliebter Zwergpudel bleibt zurück, als die Arztfrau mit den Kindern Hals über Kopf flüchtet. Der Dalmatiner der Modistin verhungert in der versiegelten Wohnung seiner abgeholten Besitzerin, und die dänische Dogge spürt ihr Herrchen, den Holzhändler, im KZ auf und jault an seinem Grabe. Das Schicksal der Hunde reflektiert die Grausamkeit der Shoah, ohne dass man zu großen Worten greifen müsste. Und die Hunde, die ja nach Rassen sichtbar unterschieden sind, widerlegen, wenn sie sich paaren und beschnuppern, für jedes Kind nachvollziehbar die Rassenideologie der Nationalsozialisten.

Dass Opfer und Ort des Geschehens im Roman nicht beim Namen genannt werden, hat erzähltechnische Gründe, wie wir im Roman selbst erfahren: Um die Geschichte erzählbar zu machen, mussten Verwandtschaftsverhältnisse vertauscht und Ehen sowie Herr-und-Hund-Beziehungen ein wenig durcheinander geworfen werden.

Wie sehr das Material aber aus der Erinnerung stammt, wird an den kaum verfremdeten Figuren klar, die öffentlich bekannt wurden: am Sohn des Zigeunerkönigs vor allem, der 1919 wirklich hier zur Welt kam, 1971 erster Präsident der Romani-Welt-Union wurde und auf den Namen Slobodan Berberski hörte. Nur die deutschen Täter tragen ihre richtigen Namen: Herbert Andorfer, der KZ-Kommandant von Sajmiste, und sein Adjutant Edgar Enge, Verbrecher, die nach dem Krieg straflos davon kamen. Gegen Ende freilich tritt der Dichter Ivanji hinter den Journalisten und Zeithistoriker zurück. Und zwar nicht so sehr wegen der dokumentarischen Authentizität, sondern des Anspruchs auf Vollständigkeit. Alles will er noch streifen: die Rache an den Deutschen nach dem Kriege, die Kultur der Erinnerung.

Verrät die eindringliche Erzählung dem deutschen Leser auch etwas über das, was im Jugoslawien der Neunzigerjahre passiert ist? Nein, nichts - außer dem natürlich, was für alle Kriege gilt. So erfährt man bei Ivanji, wie SS-Mann Andorfer Bonbons an die Kinder verteilt, bevor er sie in den Tod schickt. Bonbons verteilte 1995 auch Ratko Mladic und tötete dann die Väter und die großen Brüder der Kinder. Ivanji warnt mehr vor Parallelen, statt ausdrücklich welche zu ziehen - wenn er etwa über das Wesen der Rache reflektiert, die ja auch Mladic für sich in Anspruch nahm, als er in Srebrenica mordete. Seine Schlüsse muss der Leser schon selber ziehen, an dieser Stelle führt das Feature nicht in die Abstraktion, sondern zurück ins Konkrete. Das ist auch gut so. Zrenjanin, Ivan Ivanjis Geburtsstadt, hat in den Neunzigerjahren keinen Krieg erlebt; "ethnisch gesäubert" wurde das einstige "Groß-Betschkerek", das zwischenzeitlich in "Petrovgrad" umbenannt wurde, erst von den Nazis und dann von den Partisanen. General Mladic kochte sich daraus sein eigenes Süppchen: Sein Vater sei von den Deutschen getötet worden, pflegte er zu erzählen, wenn man ihn fragte, warum er nun Kroaten und Muslime töten müsse. Dabei stimmte das nicht einmal. Aber nur so konnte er guten Gewissens weiter töten: indem er alles vermischte und die Ermordeten, statt ihnen Respekt zu erweisen, als Zeugen in eigener Sache aus den Gräbern holte.

Ivan Ivanji Geister aus einer kleinen Stadt. Roman. Picus, Wien 2008. 199 S., 19,90 EUR

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