Die drei Fronten des Vojislav Kostunica

JUGOSLAWIEN Der neue Bundespräsident muss gegenüber Montenegro, Kosovo und Bosnien Farbe bekennen und zugleich einen Bundesstaat regieren, der nur noch dem Namen nach existiert

Weit weniger als die Herren an der Staatsspitze haben die vielen Macht- und Würdenträger draußen im Lande irgendwie den Eindruck, sie hätten jetzt etwas verloren. Sie sitzen meistens schon ziemlich lange in ihren Ämtern und haben mehrere Präsidenten gehen sehen. Vielleicht waren sie sogar, wie die Revolutionäre auch, persönlich der Meinung, Milosevi sei "fertig", und fanden es richtig, das geschönte Wahlergebnis noch einmal etwas gründlicher nachzuzählen - wenn nicht sofort, dann doch ab Donnerstag 15 Uhr, als in Belgrad die Skupstina gestürmt wurde. Man musste ja nicht auf Milosevi schwören, wenn man in Serbien ein einträgliches Amt verwaltete - man musste nur spüren, wenn Belgrad oder die Sozialistische Partei etwas von einem wollte. Ansonsten durfte man seine privaten Ansichten pflegen. Die Direktoren der großen Unternehmen haben von der serbischen Regierung berufene Verwaltungsräte hinter sich, die allein berechtigt sind, sie abzuberufen. Das kann dauern; die Zeit für individuelle Wendemanöver ist reichlich bemessen. In dieser Zeit haben viele Mächtige Grund, sich vor den kräftigen Männern aus Cacak und ihrem großen Bagger zu fürchten. Aber solange die Schreckensgestalten ausbleiben, geht alles weiter wie bisher.

Entscheidend ist, ob die Strategen der Opposition - an der Spitze Kostunica - die Dynamik der historischen Stunde nutzen. Sie müssen rasch klarmachen, was sie am alten Regime für illegitim halten: Nur die Gefängnisstrafe für einen Belgrader Journalisten oder auch die Urteile gegen verschleppte Albaner aus dem Kosovo? Nur das restriktive Mediengesetz von 1998 oder auch die Bestimmung der Redaktionslinie durch staatliche Eigentümer? Nur Schmiergeldzahlungen oder auch Privatisierungen in befreundete Hände? Davon hängt es ab, ob der korrumpierte Apparat sich wieder erholen kann.

Der schwache Bundesstaat, in dem Kostunica nun der Verfassung nach eine nicht sehr imponierende Machtstellung erkämpft hat, ist zu allem Überfluss gerade jetzt in seiner schwersten Krise. Aus Podgorica kam als erstes die Botschaft, dass die Bundesorgane weiterhin "kein Ansprechpartner" für die Regierung von Präsident Djukanovi seien; verhandeln will man nur mit der Republik Serbien. Die Autonomisten in der kleinen Teilrepublik sehen nun die letzte Chance, ihr Ziel zu erreichen - umso mehr, als die Drohung mit dem Einsatz der Armee seit Kostunicas Wahlsieg vorbei ist. Djukanovi und erst recht seinem kleineren Koalitionär, den Sozialdemokraten, liegt das Schicksal Jugoslawiens nicht am Herzen. Ihr Wahlboykott hat es klargemacht. Für alle, die aus dem Land hinausstrebten, war Milosevi stets ein widerwilliger, aber zuverlässiger Alliierter. Kostunica kommt es nun zupass, dass der Westen den Montenegrinern in der veränderten Lage nachdrücklich von der Unabhängigkeit abrät. Mit dem Vorschlag einer neuer Verfassung ist er erst einmal in der Offensive.

Der Kosovo, die zweite Front, hält zur Zeit Ruhe. Solange dort die UN-Truppen stehen, sind Kostunica zu seinem eigenen Glück die Hände gebunden. Aber schon während in Belgrad noch demonstriert wurde, haben irgendwelche UÇK-Einheiten serbische Grenzstellungen beschossen - nur kurz, aber doch sehr demonstrativ. Am Tage von Kostunicas Amtseinführung reiste jedoch der Bürgermeister von Cacak, der sich für den eigentlichen Sieger der Schlacht um Belgrad hält, an die dritte Front, um sie wieder zu öffnen: nach Banja Luka zum bosnisch-serbischen Regierungschef Milorad Dodik. Beide vereinbarten, nun alles zu tun, dass die Grenze an der Drina endlich fällt. Die Opposition in Belgrad, auch Kostunica, hielt bisher zu den bosnischen Serben und warf Milosevi, der sie in Dayton fallen ließ, Verrat vor.

Gerade eben hat es die internationale Verwaltung geschafft, zwischen Serbien und Bosnien einen effektiven Zoll zu etablieren, schon soll er wieder weg. Fällt die Grenze, so bricht auch die bosnisch-kroatische Föderation wieder auseinander, und die ganze kunstvolle Friedenslösung für Bosnien ist gescheitert. Seine Rede, mit der er den Status quo nach Milosevi anerkennt, hat Kostunica noch nicht gehalten. Selbst wenn er es wollte, ist fraglich, ob er es sich überhaupt leisten kann.

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