Norman

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RE: Hanover Uber Alles | 08.11.2012 | 22:02

Hätte ich einen Wunsch frei, Herr Augsburg, er wäre, dass Sie mit Frau Meyer-Landrut in einer Talkshow zusammentreffen und ihr face to face erklären, dass sie zwar keine unsympathische Person sei, ihre Herkunft und ihre falsche musikalische Sozialisation aber leider unverzeihlich seien. Ich gäbe einiges darum, das mit eigenen Augen zu sehen.

So, auch wenn es unsympathisch ist, mit der eigenen Sozialisation anzugeben, will ich mich mal den Gepflogenheiten anpassen, hier ein paar Eckdaten aus meiner: a. früher Connaisseur der Ur-Hamburger Schule (Cpt. Kirk &, Kolossale Jugend, Blumfeld usw.); b. drei meiner all-time heroes: Mark E. Smith, J Mascis, Bob Mould; c. großer Fan der besten und leider völlig unbekannten deutschen Punkband „EA 80“. e. „Spex“-Leser seit ca. ’88. Das alles geht unter auskennerischen Menschen wohl als „richtig“ durch. Aber verflixt nochmal, ich halte LML für eine der größten Pop-Hoffnungen dieses noch jungen Jahrhunderts. Was nun, Herr Augsburg?

Zur Beruhigung: In meiner Plattensammlung befanden sich auch schon vor LML genug Alben, die unter auskennerischen Menschen todsichere No-Gos sind. Zum Beispiel eine große Auswahl von Prog-Rock-Platten von King Crimson über Rush bis Porcupine Tree (das geht ja mal gar nicht, nicht wahr?), eine kleinere Auswahl an immer wieder gern gehörten Metal-Jugendsünden, und neben wohl gerade noch okayen Singer-Songwriter-Kram auch eine Menge nicht satiskationsfähigen Mainstream-Pop.

Das mit dem Richtigen und Falschen ist eine komplizierte Sache? Ach, lassen Sie’s gut sein. Ick weeß Bescheid, ich kenne die Diskurse. Ich lese manchmal auch „testcard“ und so’n Zeugs. Meine Liebe zu populärer Musik führt auch an dem Geschwafel der Pop-Platzhirsche nicht vorbei, und manchmal schreiben die ja auch durchaus Vernünftiges. Ein paar – Sie haben es selbst konsterniert festgestellt – haben sogar schon gemerkt, dass LML großartig ist (wenn die popkulturellen Antennen noch intakt sind, führt an der Erkenntnis auch kein Weg vorbei).

Ich bin auch nicht gegen ästhetische Distinktion. Man kann und soll Richtiges von Falschem unterscheiden, und streiten für das Wahre, Schöne und Gute. Die Nischen jenseits des Mainstreams gehören gehegt und gepflegt, ein Musikfan, der sich auskennt, sollte mit Leidenschaft für sie eintreten (ich selbst werbe im Bekanntenkreis leidenschaftlich für die Schweizer Künstlerin Sophie Hunger – kostet weniger Mut als für LML). Nur: Damit ich jemanden abnehme, dass es ihm ernst ist damit, gilt eine Bedingung: dass er nicht in Schubladen denkt oder zumindest in der Bereitschaft lebt, die Schubladen auszukippen. Dass er weiß, dass der „Mainstream“ eine soziale, keine ästhetische Frage ist, die für die Bewertung von Musik keine Rolle spielen darf.

Dass ich LML entdeckt habe, verdanke ich dem Zufall, zur richtigen Zeit den Fernseher eingeschaltet zu haben. So kam ich in Kenntnis ihrer Auftritte bei "Unser Star für Oslo", die mich annehmen ließen, ich hätte mich in eine Avantgardepop-Sendung verirrt, die ein einziges Feuerwerk an Spielfreude waren, an unbändiger Interpretations-, Improvisations- und Imitationslust, die Frau wirkte wie ein Schwamm, der das halbe Stilrepertoire der Popgeschichte in sich eingesaugt und wie auf Knopfdruck aus sich rausschleudern konnte (Anspieltipp: der „Diamond Dave“-Auftritt vom 16.2.2010). Seitdem begleite ich LMLs Weg mit Sympathie und Neugierde, war auch bereit, ihr über zwei qualvoll lange ESC-Jahre und zwei ihre Möglichkeiten kaschierende Raab-Alben zu folgen, und bin nun glücklich, dass sie mit ihrem ersten selbstverantworteten Album und ihrer ersten eigenen Band anfängt, das Versprechen einzulösen, das sie mit ihren frühen Auftritten gegeben hat – überzeugt, dass das erst der Anfang der Reise ist und dass da noch viel mehr möglich ist.

Verlange ich nun, dass Sie meine Begeisterung für LML teilen? Durchaus nicht. Aber die Art und Weise, wie Sie hier eine junge Künstlerin zu einem Nichts degradieren, ist solcherart, dass ich Ihnen ein idealistisches Anliegen nicht abnehme. Wenn LML wirklich so belanglos ist, wieso verwenden Sie so viel Mühe darauf, mit Kanonen auf Spatzen zu schießen? Offenbar verbirgt sich hinter Ihrer Aufwallung ästhetischen Ekels doch das Gefühl einer latenten Bedrohung. Solange LML im ESC-Kosmos war, ließ sie sich leicht ignorieren. Jetzt, wo sie mit Leuten zusammenarbeitet, die auch unter auskennerischen Menschen an der Peripherie von „credibility“ kratzen, jetzt muss umso dringender verkündet werden, dass die junge Frau bitteschön draußen zu bleiben hat. „Pseudo“ bleibt „Pseudo“, da hilft alles nichts. Zur Begründung reichen ein paar fade Witzchen über Hannover, Scorpions und Kunze – da ist der Applaus der Peergroup so sicher wie für den Kabarettisten, der nur „Guido Westerwelle“ sagen muss, damit die Leute kichern. Mit der Verteidigung des Guten, Wahren und Schönen hat das gar nichts zu tun. Es ist nur Ihr erstarrtes ästhetisches Koordinatensystem, das durch jemanden wie LML offenbar arg in Bedrängnis gerät (und Starrsinn ist nicht "altmodisch", sondern zeitlos). Die junge Frau soll draußen bleiben, weil sie nicht den richtigen Stallgeruch hat. Das ist die ganze schnöde Wahrheit.