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Meine DDR

Klingt ein bisschen trotzig, dieses >meine DDR<. Könnte der Anfang eines Satzes sein, der mit: >…lass ich mir nicht mies machen< oder: >… lass ich mir nicht nehmen< sein. Ist es aber nicht, sondern lediglich ein mit Bedacht gewähltes Pronomen, das in einer Zeit, in der Urteile zum Thema gebrauchsfertig jeden Tag aus den Medien quellen, meinen Anspruch auf eigene Interpretation meines Lebens und meiner Zeit in der DDR, deutlich machen soll.

Auch der Artikel von Daniele Dahn im ND vom 25.4. in dem sie auf völlig andere Weise einmal das Thema >Unrechtsstaat< im Vergleich untersucht, regte mich zu dieser Reflektion an.

Mit einem Jahrgang bedacht, den ein Kanzler später einmal treffend mit >Gnade der späten Geburt< apostrophierte, war es mir durch geringes Lebensalter vergönnt, während der Nazizeit weder Täter noch Opfer zu werden. Danach verhalf mir fehlende Jugendlichkeit, zumindest was das Militärische betrifft, auf diesen Teil von Lebenserfahrung gänzlich verzichten zu können. Wie wichtig das für das Bild, das man sich von einer Gesellschaft macht, sein kann, zeigt der Roman >Der Turm< von Uwe Tellkamp. Dort wird die Armeezeit quasi zur Gesellschaftskritik und Gesellschaftsmetapher benutzt und bestimmt den Grundtenor >dieser< Erfahrung.

Jemand der auf dem Weißen Hirsch von Dresden bürgerlich aufgewachsen ist, hat andere Sozialisationen erfahren, als beispielsweise ich. Nicht eine Geschichte muss erzählt werden um die DDR zu begreifen, sondern viele.

Mein Vater war Zimmermann, Sozialdemokrat, Reichsbanner, meine Mutter Fabrikarbeiterin. Alle leidlich gut über den Krieg gekommen, fanden wir uns im Ergebnis des Gerangels der Siegermächte im Osten dieses Landes wieder, mit all seinen Chancen und Bedrängnissen. So wie auch heute, war schon damals die richtige Herkunft karrierefördernd. So wurde ich, kaum dass ich ausgelernt hatte, gedrängt ein Studium aufzunehmen und fand mich in einem Alter, in dem heutzutage Jugendliche ohne Sinn ihre dritte Qualifikationsrunde oktroyiert bekommen, als blutjunger Bauingenieur und Architekt an einem Reißbrett wieder. Über vierzig Jahre in der DDR und vierzehn in der BRD sollte das mein Platz mit Lust und Frust und Lust durch die beruflichen Zeiten bleiben.

Aber da war auch der politische Mensch. Zuerst wollte der gar nicht dankbar sein, wie immerzu von ihm abgefordert. Der 17. Juni 1953 fand ihn noch ganz auf der Seite der Steinewerfer. Erst später ging ihm auf, dass in friedlichen Zeiten eine Familie zu gründen, Häuser und Städte zu planen und zu bauen, zu erleben, wie die Söhne sozial umsorgt mit Grundsätzen des Antirassismus, der Solidarität und der friedlichen Koexistenz groß wurden, so schlecht eigentlich nicht sei. Und da er alle Möglichkeiten etwas über Gott und die Welt zu erfahren wahrnahm, sei es durch Freunde, die ihm das ausder Emigrantenperspektive erläuterten, durch Bücher, von denen er damals noch jede Woche eines las oder durch das Westfernsehen, das die dunklen Seiten des Kapitalismus nicht aussparte, fing er an dieses Land zu akzeptieren und zu mögen. Er übersah nicht das Unrecht, das Andersdenkenden widerfuhr, litt wie alle unter den Bevormundungen und Einschränkungen, den demütigenden Zuteilungen an Meinungsfreiheit und politischen Spielräumen, an politischer Borniertheit auf allen Ebenen. Er hielt aber auch nicht hinterm Berg mit seinen Auffassungen im Rahmen des Opportunen. Dass dieser Rahmen weiter war, als manche wahrhaben wollten, Zivilcourage durchaus zuließ, hat er genutzt.

Er redete und dachte sich diese Zeit, wie viele andere, als eine notwendige Übergangsphase zu einer besseren Welt schön und gut. Und da es auf der restlichen westlichen Seite aus seiner Sicht auch nicht viel besser aussah, wenn es um Erhalt politischer Macht ging, zerriss es ihn nicht, wurde er kein Widerständler. Mit dem Herzen war er bei denen, die am 4.November 1989 auf dem Alexanderplatz in Berlin eine neue DDR forderten und erhofften.

>> Es gibt kein richtiges Leben im falschem<< schrieb Adorno in seiner >>Minimalia Moralia<< und er meinte damit nicht nur seine kapitalistische Gesellschaft. Abgesehen davon, dass ich diese Behauptung für ein grandioses Missverständnis darüber, was eigentlich Leben ist, halte, wird sie aber vorzugsweise denen vorgehalten, die meinen, dass ein erfülltes, sinnvolles Leben in der DDR sehr wohl möglich war. Es braucht mehr, als ein paar dürre Zeilen, wie ich sie versucht habe, um das begreifbar zu machen.

Niemand hat in der letzten Zeit in essayistischer Form über dieses Land richtiger und wahrhaftiger geschrieben als Friedrich Schorlemmer. Gern verweise ich deshalb auf einen Artikel und empfehle jeden, der unvoreingenommen begreifen will, diesen zu lesen.

www.neues- deutschland.de/suche/?and=Schorlemmer&search=1

Die DDR war kein Unrechtsstaat, aber einer, in dem vor Unrecht nicht zurückgeschreckt wurde, wenn es den vermeintlich guten Zielen diente.

Es war ein bitterer Erkenntnisprozess, den viele von uns nach der Wende hinter sich bringen mussten. Dass nämlich der Grundfehler, der letztlich das Haus zum Einsturz brachte, schon in die Fundamente gegossen worden war. Kein Volk lässt sich zu seinem vermeintlichen Glück zwingen, keine Gesellschaft auf Dauer mit Repressionen, Gewalt und Bevormundung regieren.

Ein Gedanke über das Vergangene hinaus und Zukünftiges betreffend, bewegt mich schon länger:

Ich behaupte und vermute, dass das Modell >DDR< in Anbetracht der künftigen Gefährdungen und Probleme noch so manche Regierende auf dieser Welt in Versuchung führen wird. Und ist nicht China, abgesehen von seiner total marktwirtschaftlichen Ausrichtung, nicht eine riesige DDR? Allerdings Dank seiner Wirtschafts- und Militärmacht unangreifbar geworden und von der Welt akzeptiert und hofiert?

Vermeintliche und tatsächliche äußere und innere Bedrohungen des Staates werden wachsen. In den Schubkästen liegen die Notstandsgesetze parat, die in solchen Fällen die zu unbewegliche und den Problemen angeblich nicht gewachsene Demokratie ablösen und effektives Handeln zum Wohle aller Bürger sichern sollen.Die Medien werden die Notwendigkeit dieser Maßnahmen erläutern, die Politiker beschwören, dass sie damit nur ihrer Obhutspflicht gegenüber den Bürgern nachkommen.Die schon lange vorbereitete Kontrolle der elektronischen Netze wird aktiviert werden, einschließlich der Nutzung nichtöffentlicher Videoanlagen. Post- und Fernmeldegeheimnisse gelten nicht für die, die eine freiheitlich demokratischeGrundordnung in Frage stellen, was jeder einsieht. Wer das ist, definieren die Notstandsgesetze. Zum Schutze der FDGO wird Mitarbeit in allen Schutzorganen in jeder Form als honorige Bürgerpflicht deklariert und dafür geworben werden. Ein gewisser McCnabe übernimmt mit Eifer dieses wichtige >Heimatschutz-Ministerium< und versichert, dass er trotzdem alle liebe.Und fast alle begreifen, dass das nur eine notwendige Übergangszeit ist, bis wieder die normalen Verhältnisse einer sozialen demokratisch legitimierten Marktwirtschaft funktionieren werden.

Es wäre schön, wenn es Reaktionen, gleich welcher Art, gäbe und es zu einem Gedankenaustausch käme. Auch bitte ich um Nachsicht, dass ich den letzten Teil schon einmal in einem Kommentar verwendet habe. Er steht erst jetzt im richtigen Zusammenhang und ich wollte deshalb nicht darauf verzichten.

14:03 26.04.2009
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Geschrieben von

Nos Nibor

(34) Jahrgang / Architekt / Ossi / Attacie
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