>Sie kommen nicht durch !<

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Der Zufall wollte es, dass wir letzten Sonnabend in Dresden, nach fast acht Stunden in Kälte und Schnee auf unserem Marsch zum Bus ausgerechnet in der engen Straße mit dem Fürstenzug, dieser fast hundert Meter langen Reihung der Wettiner auf Porzellanfliesen, einer so ganz anderen Gruppe begegneten.

Nein, nicht aus Frust herumstreunende und prügelnde Nazis kreuzten unseren Weg, das wäre uns Wenigen sicher schlecht bekommen, sondern die anderen, die politisch Korrekten, die mit den langen Mänteln und den weißen Röschen am Kragen, die tapfer Hand in Hand ihre Altstadt umzingelt hatten, hasteten an uns Richtung Semperoper vorbei.

Wir stellten uns diese Bilder in den Weltnachrichten vor: Wie im Jahr zuvor tausende schweigende und verbissene Nazis auf ihren Marsch durch Dresden, schützend von der Polizei flankiert, und ab und zu ein Schwenk auf die ebenso schweigende, hilflose Menschenkette, ernst und einig in ihrem Abscheu gegenüber diesen Extremisten, nicht nur von Rechts.

Dass so ganz andere Bilder in die Welt gehen konnten: Nazis, die nicht von der Stelle kamen, tausende frierende, rotznäsige aber fröhliche Jugendliche aus ganz Deutschland, ab und zu mal ein Zausel wie mich dazwischen, die auf >ihrer Blockade< ausharrten und die Polizei zur Einschätzung zwangen, dass ein gewaltsames Freiräumen der Wege katastrophale Folgen haben könnte. Dafür sollten sich alle Dresdner und die Verantwortlichen öffentlich und deutlich bedanken.

Ganz andere Töne heute in den Nachrichten. Eckhard Jesse, Politologe von der TU Chemnitz, sieht in der vernünftigen Haltung der Polizei eine Gefährdung des Rechtsstaats und schulmeistert, dass die Marschgenehmigung der Nazis aus rechtlichen Gründen mit polizeilicher Gewalt hätte durchgesetzt werden müssen.

Sieben Stunden sind eine lange Zeit und fünf Grad Minus, die sich langsam durch die langen Unterhosen und doppelten Strümpfe beißen, eine harte Herausforderung. Und doch war es ein großes Vergnügen, in diese fröhlichen Gesichter voller Idealismus und Hingabe zu sehen, und denen zuzuhören, die zum Teil schon kurz nach Mitternacht losgefahren waren, nur um pünktlich ihren Platz in der Blockade einnehmen zu können.

Jedem, der einmal dabei sein konnte, Dresden, Rostock und wo auch immer es angebracht war, zivil ungehorsam für ein politisches Ziel einzutreten, wird es schwer fallen, über eine unpolitische Jugend zu klagen. Auch wenn die Statistiken das Bild eintrüben sollten.

Harter Schnitt: Donnerstagabend bei Harald Schmidt. Zu Besuch das Wunderkind Helene Hegemann, naja, mit 17 ist sie vielleicht doch kein Kind mehr, „Mitautorin“ eines Buches, das die Charts stürmt, die Feuilletons füllt und die Gemüter bewegt.

Zwei Tage vorher hatte ich in einer kleinen Buchhandlung im Harz Gelegenheit, mal ein bisschen quer zu lesen, durchaus beeindruckt vom Rhythmus der Worte und Sätze. Die Wahl der Wörter aus der Kiste, aus der sich vor noch gar nicht so langer Zeit die Autorin von “Feuchtgebieten“ bedient hatte, wie hieß sie doch gleich, belustigte mich. Für mich ist gute Literatur auch immer >Nachrichten von den Anderen“, von denen, die mir aus den unterschiedlichsten Gründen fremd sind und von denen ich wenig wissen kann. Die sehr Reichen, die sehr Armen, die sehr Unbedarften, die aus völlig anderen Kulturen Kommenden, die großen Bösewichte, die Frauen, die Fanatischen, die bis zum Terror Konsequenten und bis zum Umfallen Selbstlosen, die sehr Jungen und und und.

Die Helene, in einem durchaus interessanten Milieu groß geworden, wer die Volksbühne kennt, weiß, dass viele Worte des Buches allabendliches Bühnendeutsch spiegeln, sendet also eine Nachricht unter vielen, warum nicht.

Wenn da nicht die im Verhältnis zur Autorin alten Männer und Frauen wären, voller Angst, nicht mehr mithalten zu können. Sie sind es, die uns einreden wollen, dass die Helene gleichsam „die Jugend“, die zu lesenden Sätze die „Sprache der Jugend“ und die geschilderten Verhaltensweisen und Umstände diese Generation repräsentieren.

„ Im ewigen Konflikt zwischen alten Männern und jungen Frauen haben die jungen Frauen immer Recht, und sie werden immer siegen. Das ist gut so.“ meint z.B. der Journalist Mathias Heine in der „Welt “

Und ich meine, dass es nichts Lächerlicheres gibt, als wenn alte Männer alte Männer alte Männer nennen. ( Vorsichtshalber: Das ist ein abgewandeltes Bonmot von Tucholsky, der das allerdings auf >Literaten< bezogen hat)

Die jungen Leute, mit denen ich durch NGO-Arbeit verbunden bin, reden, erzählen und denken anders, aber möglicherweise interessiert das niemand, ein lukrativer Hype ist daraus jedenfalls nicht zu entwickeln.

15:18 16.02.2010
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Geschrieben von

Nos Nibor

(34) Jahrgang / Architekt / Ossi / Attacie
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