Das gewisse Unbehagen am Bildungsstreik - eine solidarische Kritik

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In meinem Bekannten- und Freundeskreis stehen viele hinter den Forderungen des Bildungsstreiks, manche nehmen auch aktiv daran teil oder haben an früheren Protesten aktiv mitgewirkt. Ich finde es großartig, wie groß die Proteste sind und bin beeindruckt von der intensiven bundesweiten und internationalen Vernetzung und Koordination. Doch bei einigen, so auch bei mir, gibt es ein seltsames Unbehagen über die Bildungsproteste und ihre Rezeption durch die politische Klasse. Ich kann ganz klar die Forderungen der Proteste - nicht zuletzt aus eigener Betroffenheit als Studierender - unterstützen und vertrete sie auch nach außen. Dennoch bleibt dieses Unbehagen und im Folgenden möchte ich versuchen zu ergründen, woher dieses Unbehagen kommt. Ich lade alle ganz herzlich ein, meine Erläuterungen zu kommentieren, (konstruktiv) zu kritisieren oder auch durch eigene Überlegungen zu ergänzen!

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Zunächst fällt auf, dass den Proteste - anders als noch im Juni diesen Jahres - von der politischen und ökonomischen Elite durchaus positiv begegnet wird. Die Proteste seien berechtigt und ja, bei der Umsetzung des Bologna-Prozesses habe es "handwerkliche Fehler gegeben" (Schavan) [1]. Selbst in der Kultusministerkonferenz (KMK) gibt es "Verständnis für die Forderung nach einer Reform des Bachelor- und Mastersystems", so deren Vorsitzender Henry Tesch [2]. Denn gerade wer Studiengebühren zahle, hätte "ein Recht darauf zu sehen, dass sich auch etwas verbessert" [2], so Herr Tesch weiter. Ein Bruch mit der der Konsumlogik einer auf die Bedürfnisse der Ökonomie und des Staates wird also nicht vollzogen.

Bleibt die Frage, warum die politischen und ökonomischen Eliten sich mit dem Bildungsstreik zumindest teilweise solidarisieren können. Auf tagesschau.de werden vier Kernforderungen vorgestellt: Abschaffung von Studiengebühren, mehr Studienplätze, mehr Geld für Forschung und Lehre und die Abkehr vom verschulten Systems [3]. Forderungen nach "selbst verwaltete[n] Strukturen für alle" und nach "mehr Mitbestimmung für Schüler, Studierende und Arbeitnehmer" [4] fallen hierbei unter den Tisch. Darüber hinaus werden auf einmal die angeblich berechtigten Interessen der Studierenden auf gute Lehre gegen die angeblich unberechtigten Interessen der Professorenschaft nach eigener Schwerpunktsetzung in ihren Veranstaltung gegeneinander ausgespielt: die Professoren könnten in Zukunft nicht mehr darauf bauen, in ihren Veranstaltungen ihre eigenen Schwerpunkte setzen zu können [5].

Was passiert da eigentlich? Geht man einen Schritt zurück und versucht einen größeren Ausschnitt des Gesamtbildes zu erfassen, so kann man die These aufstellen, die real-existierende Bologna-Reform in der BRD war eine Art 'Industrialisierung' des Wissenschaftsbetriebes in Anlehnung an den historischen Fordismus und Taylorismus [6]: kleine, klar definierte Wissenshäppchen werden in Form von unzähligen pdf-Dateien in einer klar definierten Zeitspanne konsumiert bzw. verarbeitet. Für die klar definierte Arbeitszeit, die man angerechnet bekommt, erhält man eine festgelegte Zahl von Credit-Points. So wurde der Bildungsbetrieb an der Universität zu einer tayloristisch anmutenden Lernfabrik, ironischerweise zu einem Zeitpunkt, wo das starre System des Taylorismus in den Produktionsbetrieben zugunsten einer (teilweisen) Autonomie und Gruppenarbeit zurückgedrängt wird. Es war somit eine Modernisierung in die Vergangenheit einer fordistisch durchorganisierten Gesellschaft.

Doch die Gesellschaft hat sich seither weiterentwickelt: das einzelne Indiviuum rückt immer mehr in den Fokus der Betrachtung. Die Grenzen der vormals noch stärker getrennten Sphären des Privaten und des Öffentlichen verwischen und die Lebensbereiche gehen immer stärker ineinander über (die sogenannte Entgrenzung). (Am Rande sei hier bemerkt, dass diese Entwicklung einen klaren Gender-bias aufweist, d.h. das sich die Entwicklung für Frauen und Männer anders darstellt. Die klare Trennung von Arbeit und Freizeit galt auch vorher schon lediglich für Männer, vornehmlich aus der Mittelschicht.)

Was hat diese Entwicklung nun mit den Bildungsprotesten zu tun? Aus der zunehmenden Individualisierung und die Betonung der Autonomie des Einzelnen entstehen Bedürfnisse wie Selbstbestimmung, Selbstverwirklung und Freiheit der Wahl des Lebensweges. Diese Bedürfnisse, entstanden aus einer post-fordistischen Wirklichkeit, prallen nun auf die Realität des auf den Stand des Fordismus gebrachten Bildungssystems. Aus diesem Widerspruch kann ein Konflikt entstehen, was ja auch letztlich geschehen ist: der erreichte gesellschaftliche Individualisierungsgrad geriet in Widerspruch zu den strukturellen Zwängen des Bildungssystems [7] und daran entzündete sich eine bundesweite Bewegung.

Aus dieser Perspektive erscheint der Protest hauptsächlich als Modernisierungsbewegung, die das Bildungssystem auf den aktuellen Stand der gesellschaftlichen Entwicklung heben will. Schon den 1968ern wurde vorgeworfen - so u.a. vom mittlerweile emeritierten Marburger Politikprofessor Fülberth [8] -, dass sie letzlich nur ihrer eigenen (Intelektuellen-)Klasse Geltung verschaffen wollten und eine sowieso notwendige gesellschaftliche Erneuerung vorangetrieben haben, dadurch also den Kapitalismus auf eine neue Entwicklungsstufe gehoben haben. Von Antikapitalismus und radikaler Gesellschaftskritik bleibt da meist nicht viel, auch wenn durchaus an einigen Stellen die Forderungen und Analysen in eine solche Richtung weisen.

Solange in der Rezeption der Proteste eher technische Fragen nach Seminargrößen, Raumkapazitäten u.ä. im Mittelpunkt stehen und Forderungen nach einem demokratisch verfassten Bildungssystem in einer tatsächlich demokratisch verfassten Gesellschaft unterbelichtet bleiben, so lange wird dieses anfangs beschriebene Unbehagen wohl bleiben.

Bei dieser eher pessimistischen Einschätzung möchte ich aber nicht stehenbleiben, zumal sich durchaus Ansätze für eine radikalere Kritik mit gesellschaftspolitischem Anspruch ausmachen lassen. Daher schlage ich vor, drei Forderungskomplexe in den Mittelpunkt der Forderungen zu stellen, um aus der Vereinahmungsfalle der politischen und ökonomischen Klasse herauszukommen:

1) Forderungen nach einer demokratischen Struktur des gesamten Bildungssystems und der Gesellschaft

Auf einer konkreten Ebene ließen sich darunter folgende Forderungen fassen:

*Partizipation und Teilhabe an allen relevanten Entscheidungen (Stichwort Viertelparität)

*individuelle Autonomie bei gesichterter materieller Grundlage (Stichwort BAFöG oder noch besser Stipendien für alle)

*rechtlich abgesicherte selbstverwaltete Strukturen an Betrieben, Schulen und Universitäten (Stichwort verfasste Schüler_innen und Studierendenschaften, sowie Jugend-Ausbildungs-Vertretungen (JAVs)), darüber hinaus auch an Kindergärten die Kinder (und Eltern) weitestmöglich in die Entscheidungen mit einzubeziehen

* Forderungen 'befreundeter' Bewegungen miteinbeziehen, wie z.B. aktive Solidarität mit streikenden Erzieher_innen usw.

Konkret würde das bedeuten, einen Austausch und Diskussion mit allen Statusgruppen innerhalb des Bildungssystems zu initiieren, von der Putzkraft bis zum Profesor.

Wessen Schule/Uni? Unser ALLER Schule/Uni!

2)Forderungen nach einer (Re-) Integration kritischer Gesellschaftstheorie ins Bildungssystem, nicht nur an der Uni.

Darunter fällt auch, aber nicht ausschließlich, sich wieder mehr mit Marx zu beschäftigen, sondern grundsätzlich Grundlagen von Kritik in die Lehrpläne einzubauen. So könnte z.B. im Rahmen des Politikunterrichtes an der Schule auch immer bereits geübt werden, begründete Kritik zu erarbeiten, bestenfalls sogar mit abschließender Aktion (Stichwort exemplarisches Lernen).

3) Forderungen nach lebenswerten Arbeits- und Lernbedingungen.

Darunter würden dann die eher technischen, aber nichtsdestotrotz wichtigen Forderungen nach einer angemessenen Ausstattung der Bibliotheken, Lernmittelfreiheit, angenehme Räume und Freiräume, entschlackte Lehrpläne usw. fallen.

Fazit: Das alles liefe auf eine freie und emanzipatorische Bildung für ALLE in einem demokratisch verfassten Bildungssystem hinaus, in dem die Kritik an den Verhältnissen immanenter Bestandteil des Curriculums ist und der/die einzelne größtmögliche Autonomie genießt.

FÜR SOLIDARITÄT UND FREIE BILDUNG!

[1] Süddeutsche Zeitung vom 17.11.09, "Für die Bildung habt ihr nix" www.sueddeutsche.de/jobkarriere/344/494678/text/ ;;;; [18.11.09]

[2] tagesschau.de vom 17.11.09, "Alle sehen Missstände - keiner ist verantwortlich" www.tagesschau.de/inland/studentenproteste120.html [17.11.09]

[3] tagesschau.de vom 17.11.09, Video "Zehntausende Studierende protestieren für bessere Bildung" www.tagesschau.de/multimedia/video/video605116.html [17.11.09]

[4] Flugblatt, das auf der Bildungsstreikdemo in Marburg am 16.11.09 verteilt wurde, "Forderungen des Bildungsstreiks 2009".

[5] Süddeutsche Zeitung (genauer Verweis folgt)

[6] Diese These wurde vor mir bereits von anderen Menschen aufgestellt, ich maße mir nicht an, der Urheber dieser These zu sein.

[7] zum Widerspruch individueller Autonomiebedürfnisse und strukturellen Zwängen und wie diese zum Entstehen einer Protestbewegung führen können Vgl. <!-- @page { margin: 2cm } P { margin-bottom: 0.21cm } -->Beck, Ulrich 1995: Die "Individualisierungsdebatte". In: Schäfers, Bernhard (Hrsg.): Soziologie in Deutschland. Entwicklung, Institutionalisierung und Berufsfelder, Theoretische Kontroversen. Opladen: Leske + Budrich. S.189.

[8] unter anderem in dem Buch "Finis Germanaie. Deutsche Geschichte seit 1945, erschienen 2007 im Papyrossa Verlag.

www.bildungsstreik.net

www.unsereunis.de

www.unsereuni.at

www.unsereuni.ch

www.emancipating-education-for-all.org/

14:32 18.11.2009
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Geschrieben von

nosferatu

undogmatischer vagabund
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