Die Selbstaufgabe der Sozialwissenschaft

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Für die im Folgenden entwickelten Gedanken wird kein Anspruch auf Vollständigkeit, noch auf objektive Richtigkeit gestellt. Ich möchte vielmehr meinen subjektiven Eindruck über einige Veränderungen die Sozialwissenschaften betreffend, zu Diskussion stellen.

Was ist Wissenschaft? Was ist eine Wissenschaft über das Soziale oder Politische? Nach dem 2.Weltkrieg und der Katastrophe der Shoa musste sich die deutsche Wissenschaft, die Sozialwissenschaften zumal, neu konstituieren. Teilweise wurde dies von den Allierten, sowie den Sowjets vorangetrieben und organisiert. Nie wieder solle sich der Faschismus, der 12 lange dunkle Jahre in Form des Nationalsozialismus geherrscht hatte, Fuß fassen können. Eine Art kategorischen Imperativ hat Adorno 1966 in seinem Aufsatz Erziehung nach Ausschwitz formuliert:"Die Forderung, daß Ausschwitz nicht noch einmal sei, ist die allererste an Erziehung. Sie geht so sehr jeglicher anderen voran, daß ich, [Adorno], weder glaube, sie begründen zu müssen noch zu sollen."[1] Wissenschaft, zumindest die Wissenschaft von der Politik und die Soziologie, verstand sich als Demokratiewissenschaft, die für die post-faschistische Gesellschaft eine wesentliche Demokratisierungsfunktion übernahm. Damit einher geht ein Verständnis von Wissenschaft als eigenständigem Akteur, d.h. einer Wissenschaft die sich an einem normativen Verständnis von Gesellschaft orieniert. Es galt, in der jungen BRD eine freiheitliche Demokratie zu etablieren, die widerstandsfähiger gegen autoritäre und faschistische Verführungen ist. Da die staatliche Politik im Zuge der konservativen Restauration der 1950er und 1960er wenig von demokratischer Teilhabe hielt und manch braune Gestalt wieder zu Amt zu Würden kam, entwickelten sich Teile der (politischen) Wissenschaft zu einer Oppositionswissenschaft. Die damals bestehenden Verhältnisse wurden teils scharf kritisiert. Manche drängten zum praktischen Handeln, wie der Marburger Politikwissenschaftler Wolfgang Abendroth, andere, wie der Frankfurter Theodor Adorno neigten eher zu Pessismus angesichts der erdrückenden Wirklichkeit.

Eine Wissenschaft, die sich einer Demokratie und einer freien Gesellschaft verpflichtet fühlt, muss für sich klare normative Standpunkte entwickeln. Diese müssen jedoch, sollen sie nicht in luftigen Höhen schwebend verbleiben, mit den realen Verhältnissen konfrontiert werden, um Wirkung zu entfalten. Erst durch diese Verknüpfung und Konfrontation wird Theorie zu einer politischen wirksamen Theorie.

Nicht zuletzt begünstigt durch die Umwälzungen der letzten Jahre an den Hochschulen ist dieser kritische Ansatz in die Defensive geraten. Nicht mehr Forschung und Lehre für die Gesellschaft, für den in Freiheit lebenden Menschen, sondern lediglich Vermessung der Welt. Die Wirklichkeit soll mittels empirisch-analytischer Methoden genaustens vermessen und erklärt werden, ein Anspruch auf (politische) Intervention in gesellschaftliche Prozesse wird damit nicht mehr verbunden. Die Wissenschaft hört auf - falls sie es jemals tatsächlich war - ein eigenständiger gesellschaftlicher Akteur zu sein. Sie wandelt sich vielmehr zu einem Rekrutierungsfeld für angehende Politik- und Wirtschaftsberater und Funktionär_innen. Die Wirklichkeit wird akzeptiert und eigene Handlungsmacht wird an die politische und ökonomische Elite delegiert. Bestenfalls ist mindestens die politische Elite durch Wahlen an die Interessen und Bedürfnisse der Menschen rückgekoppelt, was angesichts post-demokratischer Zustände zunehmend brüchig wird. [2] Das Politische verliert zunehmend zugunsten ökonomischer Imperative - Effektivität! - an Boden.

Zurück bleibt eine ökonomisch durchgestylte Gesellschaft, in der es keinen Platz mehr gibt für einen gesellschaftspolitischen Anspruch auf Veränderung. Für jede Tätgikeit gibt es den Spezialistin/ die Spezialistin: Gestaltung der Gesellschaft wird von Politikern gemacht, die Wirtschaft wird von den Managern am Laufen gehalten und möglichst gesteigert und alle werden irgendwie von modernen Politologen, Soziologen usw. beraten. ...schöne neue welt....

[1] Adorno, Theodor W. :Erziehung zur Mündigkeit. Frankfurt a.M, 1971. S.88.

[2] zum Begriff der Post-Demokratie: Crouch, Collin: Postdemokratie. Frankfurt a.M., 2008.

20:20 02.02.2010
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Geschrieben von

nosferatu

undogmatischer vagabund
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rainer-kuehn | Community
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