deutsches Tagebuch, der Winter

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ist eingezogen. Es wird früh dunkel. Der Dorfrand ist gesäumt mit: Aldi, Edeka, Penny, Neukauf, Tankstellen, angegliederte Imbissbuden, Nailstudios, Fitnesstudios, Neubausiedlungen. Durch das Dorf führt eine Hauptverkehrsstraße, auf der Tag und Nacht die Lastwagen durchdonnern. Die Leute um mich herum wirken gehetzt. Und während ich an der Kasse bei Edeka stehe und noch 15 Leute vor mir sind, da fällt mir die seltsame Geschichte von Heidelinde ein. Heidelinde hatte sich besonders als Kind über ihren Namen geärgert, weil er der Grund für jahrelange nächtliche Alpträume war. Sie hieß nämlich mit Nachnamen "Ossen" und die anderen Kinder reimten darauf: "Heidelinde Ossen hat sich erschossen und das genossen." Dieser Reim hielt sich bis zum Abitur, tauchte immer wieder auf, manchmal nach langer Ruhezeit ganz unvermittelt aus irgendeiner Ecke, wo Heidelinde ihn nie vermutet hätte.

Wenn Heidelinde heute daran zurückdenkt, laufen ihr immer noch Schauer über den Rücken. Natürlich erzählt sie davon niemandem. Aber die Schulzeit ist längst vorbei und aus Heidelinde ist eine erfolgreiche Anwältin geworden, deren Leben in komfortablen Bahnen verläuft, in der sogenannten S-Klasse: Singel, Spaß und Spesen. Fortsetzung folgt.

11:30 01.12.2010
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Geschrieben von

Novalis

lebt halb in Frankreich, halb in Deutschland, suchte die Blaue Blume, fand sie und erkannte, dass Realität Illusion ist und Illusion Realität.
Novalis

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