französisches Tagebuch, der Bischof kommt

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Im Dorf ist Hektik angesagt. Der Bischof kommt! Himmelfahrt, dann wird unser frisch renoviertes romanisches Kirchlein eingeweiht. Plötzlich verschwinden uralte Bauschutthaufen, rostige Eisengitter werden gestrichen und ich sehe, weil ich genau gegenüber wohne, wie Francis, der kleinere cantonier an der Linde neben der Kirche auf und nieder hopst. Das muss ich mir begucken, da geh ich hin. Er versucht mit einer kleinen Gartenschere, überflüssige Lindenzweige am Stamm zu entfernen. Da biete ich ihm eine Trittleiter an und eine größere Schere. Gégé, der größere cantonier kommt auch. Er hat graues Kraushaar und Blitzaugen. Francis lehnt sich jetzt gegen den Lindenstamm und Gégé legt seinen Pinsel aus der Hand und legt los. Er legt immer los, wenn ich ihn treffe. Wir reden dann über Gott und die Welt, was im Dorf ist und was nicht. Heute ist Gégé richtig brastig, er darf nämlich keine Überstunden mehr anschreiben. Das konnte er bisher nach Belieben tun. Wir reden wohl eine halbe Stunde darüber. Dann steigt Francis auf die Trittleiter und knipst die überflüssigen Zweige ab. Am nächsten Tag treffe ich Gégé am Flaschencontainer und wir reden weiter über Gott und die Welt.

23:33 05.05.2010
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Geschrieben von

Novalis

lebt halb in Frankreich, halb in Deutschland, suchte die Blaue Blume, fand sie und erkannte, dass Realität Illusion ist und Illusion Realität.
Novalis

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