französisches Tagebuch, Vorschriften

Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Hier herrscht ein ganz spezielles Verhältnis zu Vorschriften und Gesetzen. Beispiel, Mimi, unsere Épicière. Warum verkaufst du nicht die Eier von Grahams Hühnern? Er ist dein Nachbar, die Leute wollen Bioeier, frage ich sie. Oh, Oh, nein das geht doch nicht, da gibt es gerade für Eier ganz strenge Vorschriften. So, und was macht sie? Alles, was so'n bisschen abgelaufenes Datum hat, verarbeitet sie zu sehr schmackhaften Quiches. Da sind auch Eier und Fleischernes dabei. Und das erlebe ich andauernd. Mit sehr ernstem, ja manchmal geradezu dramatischem Gesicht wird erklärt, was alles verboten ist, und dass das auch richtig ist, dass das verboten ist. Aber hinter den Mauern der Häuser, machen sie, was sie wollen. Nicht nur geheim, auch ganz öffentlich. Schulmisere. Sieben Grundschulen in den Nachbarorten fehlte der Chef. Zentralorgan Paris schrieb einfach wahllos sieben Lehrer an und verdonnerte sie, zwangsweise den Rektorposten zu übernehmen. Reaktion: diese Grundschulen kappten sofort den Kontakt zu Paris und fuhren ganz selbstbewusst ihre eigene Schiene. Und die sah so aus: man bildete ein Leitungsteam, informierte die Eltern, die begeistert mit machten. Also weg vom Einzelchef und hin zur Gruppenverantwortung. Die Behörde in Paris hat das dann auch letztendlich akzeptiert. Die Vorschriften und Gesetze sind eine Sache, die allgemein hoch geachtet werden. Nur, was der Einzelne daraus macht, ist sehr individuell und genauso geachtet.

01:07 05.06.2010
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Novalis

lebt halb in Frankreich, halb in Deutschland, suchte die Blaue Blume, fand sie und erkannte, dass Realität Illusion ist und Illusion Realität.
Novalis

Kommentare