RE: Kein Lob des Status quo | 25.08.2015 | 22:10

Dann lassen wir eben die Probeballons fliegen und rufen einfach mal, am besten laut und flächendeckend!

Irgendwann wird er merken, dass alle, sei es Nike Wagner, Ludger Vollmer, Hadie oder wie hier - und ganz aktuell - Jörg Sobiella irgendwie aus genau denselben Gründen in dieselbe Richtung schreien... <http://www.br.de/radio/br-klassik/sendungen/leporello/theaterlandschaft-thueringen-umbruch-100.html>

Oder, um es mit einem Arienzitat aus Puccinis Tosca zu sagen: "Recondita armonia", zu deutsch: "Verborgene Harmonie".

Zur Entspannung für den Stress, der durch den BR-Beitrag verursacht worden ist, hier eine ganz tolle Aufnahme von Puccinis Arie, leider nur im Konzert. Aber, nachdem wir hier über Inhalte sprechen, lassen wir einen Tenor singen, der sein Metier so richtig versteht. Zum Zeitpunkt der Aufnahme schon 70 Jahre alt (und schwerst sehbehindert ), aber wer macht es ihm heute nach??

<https://www.youtube.com/watch?v=hp4ygOc7Jso>

Muss sich Weimar das in Zukunft entgehen lassen??

Wie immer mit Gruss - N.Trees

RE: Kein Lob des Status quo | 24.08.2015 | 13:38

Status quo (zur Zeit des Wettrüstens)

von Erich Fried (1981)

"Wer will // daß die Welt // so bleibt // wie sie ist // der will nicht // daß sie bleibt"



Geehrter Thüringer Minister für Kultur Hoff!


Zunächst mal: Anerkennung und Dank für Ihre umgehende Antwort.

Ihrer Einladung zur kritischen diskursiven Begleitung der Debatte folge ich sehr gerne.
Auch dafür danke.
In einem Punkt darf ich mir eine kleine Korrektur auf kommunikationstechnischer Ebene erlauben: Ich habe weniger versucht, Sie über meine „Position hinsichtlich der künftigen Entwicklung der Thüringer Theater“ in Kenntnis zu setzen, als Ihnen vielmehr kritisch-polemisch und pointiert einige recht präzise Fragen zu stellen, die selbstverständlich einer Antwort harren.
Und: Eine Position, eine Haltung meinerseits, kann es erst geben, wenn verbindliche Ergebnisse aus der fraglichen Reformdebatte hervorgehen. Die existieren ja nun aber noch nicht. Demnach war die Wahl der Frageform die angemessene und richtige Kommunikationsart Ihnen gegenüber.


Dass die TLZ Dokumente „geleakt“ hat, ist bedauerlich.
„Leaking“...: Diesen Anglizismus assoziiere ich eher mit der Funktionsweise von Geheimdiensten oder den oft kritisierten geheimniskrämerischen Verhandlungsmethoden der Verhandlungspartner von TTIP, als mit einer kulturpolitischen Reformdebatte, wo es um die Zukunft öffentlicher Kulturinstitutionen geht.

Sie sind in einem Interview mit der TLZ vom 1.7. zwar ausführlich auf den Umstand eingegangen, dass Sie mit den leitenden Theater- und Konzertfunktionären sowie den betroffenen Kommunen im dauernden „Trialog“ stehen, das ist richtig. Und sie haben auch ausdrücklich auf die Existenz dieser Verhandlungen hingewiesen.

Aber warum den dort arbeitenden Kulturschaffenden (und der Öffentlichkeit) nicht auf Augenhöhe begegnen und zwar strategisch, aber offensiv und kontinuierlich informieren? Und warum die Leiter der betroffenen Kulturinstitutionen in eine Situation bringen, in der sie quasi „off the records“ um die Zukunft der ihnen anvertrauten Ensembles pokern müssen? Gab es vielleicht doch den einen oder anderen "Sachverhalt" zu „leaken“...?

Das Vertrauensverhältnis zwischen der Leitung einer kulturellen Einrichtung und den künstlerischen Mitarbeitern ist ein verletzliches und kostbares Gut, das niemals vorsätzlich gefährdet werden darf. Theaterbetriebe sind in aller Regel streng hierarchisch funktionierende Gebilde und werden leider von Intendanten auch schon mal als eigene Pfründe missverstanden. Und wenn man sie zum Pokern zwingt, gilt womöglich der Erhalt der eigenen Existenz und die „bella figura“ den jeweiligen Machthabern gegenüber plötzlich mehr als die künstlerischen Interessen der Institution, die sie eigentlich zu vertreten hätten.

Da fragt man sich dann schon, was beispielsweise den Nordhäuser Noch-Intendanten Tietje dazu treibt, in der TA vom 21.8. Ihrem Gestaltungswillen zu applaudieren, wenn er doch ab 2016/17 Intendant in Schwerin wird und dort bis 2019, gemäß Zielvereinbarung zwischen dem Land Mecklenburg-Vorpommern und der Stadt (und zur Freude des Gordi-prämierten Meck-Pommerschen Kulturhäuptlings Brodkorb), 30 Stellen abbauen wird. Welche Rolle spielt denn er in der Debatte um die Gestaltung der Zukunft einer Theaterlandschaft, in der er gar nicht vertreten sein wird?

Zum Zeitpunkt der Fertigstellung meines Beitrags scheint das Porzellan des Vertrauens von Seiten der Kulturschaffenden in Thüringen ja nun leider zerschlagen zu sein.
Hoffentlich nicht unwiderruflich.

Verlautbarungen an schwarzen Brettern mit der Direktive, Medien keine Interviews zu geben, sind aber leider keine guten Zeichen.


Die Dynamik dieser Debatte erinnert bisher fatal an das unbedarfte Vorgehen Ihrer BaWü-Ressortkollegin Bauer im Jahre 2013, als sie mit einem unausgegorenen, nicht umsetzbaren Reformkonzept für die Landes-Musikhochschulen und katastrophalem Kommunikationsmanagement durch die Lande rumpelte und flächendeckende Proteste entfachte: <https://www.youtube.com/watch?v=rJPsCVJY49c>.
Ab Zeitpunkt 1:12:00 bringt in diesem Clip ein junger (mir nicht bekannter) Kulturschaffender die inhaltlichen und sachlichen Unstimmigkeiten des ministeriellen Konzeptes messerscharf auf den Punkt. Bezeichnenderweise und gattungstypisch geht Bauer im nachfolgenden Antwortblock nicht mit einer einzigen Silbe auf die klugen Voten des Redners ein.
Das Konzept in seiner hier angesprochenen Form wurde später von der Landesregierung diskret entsorgt.


Ihren Blog-Beitrag habe ich gelesen.

Antworten auf meine Fragen habe ich darin keine gefunden, aber Sie bemühen meinen Lieblingslyriker, Erich Fried, in der Headline und als Zitat im Zitat. Ich knüpfe daher im Folgenden an dieses Gedicht an:

Zur Verdeutlichung meines eigenen beruflichen und persönlichen Standpunktes und in dieser Debatte:
Die mit Frieds Zitat und Ihrem Zwischentitel „Wer sich nicht ändert, bleibt zurück“ eingeforderte strukturelle „Transformation“ habe ich als Kulturschaffender längst an mir selbst vollzogen.
Aus einem Unwohlsein gegenüber starren institutionalisierten Theaterstrukturen, das in jahrzehntelanger beruflicher Erfahrung begründet liegt, habe ich mich, vor einiger Zeit schon, auf den weiten Weg gemacht, Strukturen und Formen zu finden, die es mir persönlich erlauben, wichtige Inhalte künstlerisch adäquat zu transportieren und zu vermitteln. Und ich habe sie gefunden.
Einer der Gründe für mein „Unwohlsein“ liegt in der (subjektiv so empfundenen) andauernden inhaltlichen Uniformität und Ambitionslosigkeit vieler institutionalisierter Opernbetriebe in Mitteleuropa.

Ich gehöre also gewiss nicht zu irgendeiner Fraktion von Reformverweigerern und auch nicht zu irgendwelchen Nutznießern etablierter Strukturen. Ich habe ausserdem keinerlei berufliche oder persönliche Verbindungen zur Thüringer Theaterlandschaft, bin also im besten Sinne frei und unabhängig.

Aber ich beobachte und registriere genau und gehöre zu jenen unverbesserlichen unabhängigen Theatermachern, die irgendwie leben und jeden ergatterten Euro wieder in Inhalte reinvestieren.
Ich leiste mir Inhalte.


Sie haben mich auf Ihren Blog-Beitrag verwiesen.
Nach dessen Durchsicht stelle ich fest:

Ich lese Zahlen, Vergleiche, Hochrechnungen und Prognosen, wonach Kulturinstitutionen, -standorte und deren Perspektiven eingeschätzt werden. Um Zahlen wird in der bevorstehenden Reform gewiss noch genug gerungen werden.

Ich setze diesem Beitrag konsequenterweise Inhalte entgegen.
Sie scheinen mir dringend notwendig, denn: In Ihrem Plädoyer sehe ich keinerlei Argumente und (vor allem) Perspektiven, die aus inhaltlichen Überlegungen hergeleitet wären bzw. resultieren. Nur wo im Kulturleben klare inhaltliche Perspektiven herrschen, können nachhaltige Strukturen daraus hervorgehen.

Müsste demnach nicht in Ihrem Plädoyer stehen, dass der Opernbetrieb in Weimar schon nur deswegen unerlässlich ist, weil – Pars pro toto – der visionäre Franz Liszt in den Jahren 1852, 55 und 56 dem Komponisten Hector Berlioz, teilweise im Rahmen eigener Festwochen, die Möglichkeit gegeben hat, sein Oeuvre im deutschen Kulturbereich nachhaltig bekannt zu machen?
Hinter dem experimentierfreudigen Doppel Liszt-Berlioz steckten institutionelle und politische Träger, die derartigen Experimenten gegenüber nicht nur zutiefst aufgeschlossen waren, sondern ein echtes und ehrliches inhaltliches „G'spür“ dafür hatten, diese Experimente ermöglichten und damit Weimar ein immerwährendes und in der Substanz unzerstörbares kulturelles Erbe geschenkt haben.

Gehören also Liszt, Berlioz, aber auch Humperdinck und all die anderen, nicht gerade deshalb zu den immateriellen thüringischen Kulturgütern?

Sie sind wichtig. Für Weimar, Thüringen und Deutschland. Sie gehören gepflegt, erhalten und propagiert. Auch vom Thüringer Minister für Kultur.

Sie gehören gespielt. In Weimar. Vom Weimarer Ensemble. Auf dem bestmöglichen Niveau. Das Weimarer Ensemble gastiert dann damit im Ausland. Und wird zum Botschafter Thüringens. So geht das.

Ein anderer Punkt, der – wenn so beabsichtigt, wie von den Medien berichtet – ein absoluter kulturpolitischer Skandal wäre: die Abwicklung der Landeskapelle Eisenach.
Wer um Himmels Willen kommt denn auf die groteske Idee, das Orchester von Bachs Geburtsstadt stillzulegen?? Warum nicht ein Minimum an struktureller und inhaltlicher Phantasie walten lassen und – lediglich ein Gedankenspiel – kulturpolitische Impulse setzen, die es diesem in jeder Hinsicht geschichtsträchtigen Klangkörper in aller Ruhe und professionellen Seriosität ermöglichen, sich zu einem international bekannten Repräsentanten und Spezialisten der reichen, einmaligen Musiktradition Eisenachs zu entwickeln? – Ein weiterer Botschafter Thüringens in der internationalen Kulturwelt.

Die jahrhundertealte Vielfalt und ungebrochene Kreativität der thüringischen Opern-, Musik- und Theaterlandschaft ist ihrer kulturhistorischen Bedeutung europaweit, wahrscheinlich weltweit, einzigartig. So gehört sie behandelt. Auch von Politkern.

Dass Sie die (unbestritten wichtige und prioritäre) Integration von Flüchtlingen (eine Herkulesaufgabe, die jedes Land zu vollbringen hat) als Quantifikationskriterium für eine zukünftige Verteilung von Kultursubventionen bemühen, ist ehrenwert und philanthropisch, aber:

Warum steht ein solches Argument im Plädoyer eines Kulturministers für eine Theaterreform? Einen derartigen Diskurs ordne ich in der Sache einem Sozial-, Gesundheits- oder Finanzministerium zu.
Ihr Blog-Beitrag liest sich wie die dürre, illusionslose und technokratische Replik eines cleveren, kulturpolitisch recht gut unterrichteten Finanzministers auf genau denflammenden Vorstoß, den man sich eigentlich von einem engagierten und informierten Kulturminister hätte erhoffen dürfen.


An dieser Stelle greife ich – wieder Pars pro toto – einen einzelnen Aspekt Ihrer Strukturdebatte heraus, so wie er gegenwärtig, von den Medien reportiert, im Raum steht ‒ und stelle ein paar Fragen dazu:
Falls Sie die Sparte Musiktheater in Weimar abwickeln, aber die Staatskapelle beibehalten, wird demnach das Erfurter Opernensemble vom neu vereinigten Philharmonischen Orchester Erfurt / Gotha begleitet, wenn am DNT Oper gespielt wird? Die Musiker reisen dann also teilweise aus Gotha nach Weimar an, während die dort ansässige Staatskapelle bezahltermassen am Frauenplan spazieren geht?
Oder lassen Sie die (in Erfurt vom zusammengelegten Philharmonischen Orchester begleiteten) Opernproduktionen für die Aufführungen in Weimar, im Rahmen teuer subventionierter Orchesterdienste, eigens von der Staatskapelle nachproben? 1 Ensemble + 2 Orchester = Doppelte Anzahl Orchesterproben für ein- und dieselbe Produktion?

Sollten diese Proben allerdings im Reformkonzept aus den eben angesprochenen finanziellen Überlegungen wegfallen und die Weimarer Staatskapelle dadurch die Erfurter Opernproduktionen probenlos übernehmen müssen, dann wäre das ein Affront der Klang- bzw. Spielkultur des Orchesters und dem Qualitätsbewusstsein der Musiker gegenüber.
Ausserdem wird das Weimarer Publikum möglicherweise mit Qualitätseinbussen konfrontiert, die es kaum widerstandslos hinnehmen dürfte.

Dank des unausgegorenen „2+2 Spartenmodells“ des Rostocker Theaterweisen Methling hoppelt ja Ihr Meck-Pomm-Kollege Brodkorb auch genau diesem Problem hinterher:
Eigene Oper in Rostock nein, aber Orchester ja. Dann also Oper von außen – mit Orchester Nummer 2? Oder doch lieber mit dem eigenen Orchester, das sonst nix mehr zu tun hat??

Ebendiese Problematik wurde in Rostock stadtintern, offensichtlich selbst auf politischer Ebene, messerscharf erkannt und im Rahmen der folgenden Anfrage auf Seite 8 formuliert: <http://www.de-drom.de/de-drom/Initiative_Volkstheater_files/0728-01.pdf>.

Das Problem bleibt allerdings in der stadtväterlichen Replik strukturell vollkommen ungeklärt und wird, mit Handkuss und Methlings Segen, an das Leitungsteam der Kulturinstitution weitergereicht:
„Nach dem Untersuchungsbericht […] ist eine reine Tätigkeit als Konzertorchester durch die starke Sättigung des Marktes schwierig. […] geht davon aus, dass eine strategische Neupositionierung des Orchesters bei dem Zwei-Sparten-Modell notwendig wird, um neue Tätigkeitsfelder für das Ensemble zu erschließen. Bei dem 2+2 Spartenmodell wird die Kooperation als eine Möglichkeit zur Erschließung neuer Tätigkeitsfelder für das Orchester gesehen. Die konkrete Untersetzung und strategische Neuausrichtung des Orchesters ist Bestandteil der durch die Geschäftsführung […] zu erarbeitenden Umsetzungskonzeption.“ ‒ Eigentlich eine Frechheit...
...Kulturpolitik in Deutschland.


Es entbehrt nicht eines gewissen Zynismus, Erich Frieds Gedicht, das er 1981 als Fanal gegen sinnloses Wettrüsten zwischen zwei Politsystemen publiziert hat, als moralisierenden Appell im Namen einer Strukturdebatte zu missbrauchen, deren Ausgang mit hoher Wahrscheinlichkeit von Kündigungen, Entlassungen und der Vernichtung von Arbeitsplätzen flankiert sein wird.

Menschen werden ihre Arbeit verlieren.

Und das, wo Erich Fried in England zeitweise Mitglied des kommunistischen Jugendverbandes war.

Ich überlasse es Ihnen, als Parteimitglied der „Linken“, zu beurteilen, ob der Autor über das Zitat im vorliegenden Kontext erfreut gewesen wäre.

Wäre es womöglich im Sinne einer persönlichen Gedankenspielerei interessant für Sie, mal die Relevanz des Gedichtes auf Ihren eigenen Standpunkt zu überprüfen?


Ihnen persönlich, dem Menschen Benjamin-Immanuel Hoff, antworte ich daher auf Fried ‒ mit Fried:

ASCHE:
(1963)

"Ich bin die Asche meiner Flammen // deren Brennholz // ich wurde // das mich kleinschlug // als ich Axt war // gehalten // von meinen Händen // die mich brannten // bis ich Kühlung // suchte // in meiner Asche"


Im Rahmen der Debatte um eine Reform der thüringischen Theaterlandschaft antworte ich dem Thüringer Minister für Kultur Hoff auf sein Fried-Zitat im Zitat mit einem Diktum von August Everding, das dieser 1993 während einer Rede anlässlich eines Protestanlasses des Deutschen Bühnenvereins in Berlin geprägt hat.
Es hat im Deutschland und im Thüringen des Jahres 2015 leider überhaupt nichts von seiner schmerzvollen Aktualität verloren:

„Wo Kultur wegbricht, wird Platz frei für Gewalt.“


Mit freundlichen Grüßen und – viel Glück!

N. Trees