Godwin Law grüßt stramm von rechts

Silversternacht in Köln Gedanken zu Frauke Petrys Vergleich mit den Verbrechen der Roten Armee
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Seit 1991 ist viel passiert: Vor 25 Jahren existierten noch kein Facebook und Twitter. Zwischen der Alternative für Deutschland und heute stand die Hoffnung auf ein europäisches Projekt. Und Deutschland hatte noch nicht bewiesen, dass es trotz hoher Flüchtlingszahlen aus dem ehemaligen Jugoslawien nicht dem Untergang geweiht war.

Wer möchte, findet jedoch genügend Bezüge zwischen damals und jetzt, egal ob sie kausaler Natur sind oder einfach nur Assoziationen wecken. So zum Beispiel die damaligen Ausschreitungen in Hoyerswerda, bei denen ein aufgewiegelter Mob aus Neonazis und anderen Wutbürgern Wohnheime für Flüchtlinge und Migranten belagert und in Brand gesetzt hatte.

Gott sei Dank gibt es heute eine überwiegende Mehrheit klar denkender Menschen, die durch gewisse aktuelle Entwicklungen mit Schrecken an diesen Moment des damals noch ganz jungen neuen Deutschlangs erinnert werden. Die Assoziation mit den Ausschreitungen in den frühen 90er Jahren ist nicht nur naheliegend, sondern auch berechtigt: Damals wie heute werden wehrlose Menschen aus ähnlichen Motiven heraus gehasst und bedroht. Der Rückblick auf damals kann uns vielleicht helfen zu verstehen, wie solche Stimmungen und Verbrechen bei einer Minderheit zu Stande kommen und wie eine moderne Gesellschaft sie überwinden kann. Produktiv umgesetzt wird dieser Rückblick in den Diskursmöglichkeiten des Jahres 2016: In der klassischen Presse, in öffentlichen und politischen Debatten, in den sozialen Medien.

In den vergangenen Tagen wurden in der hiesigen Presselandschaft die Angriffe auf Flüchtlinge hingegen von einem anderen Thema überlagert: Die gewalttätigen und beängstigenden Übergriffe einer großen Menge Männer auf Frauen und Polizeibeamte in der Silvesternacht in Köln.

Auch bei diesen Verbrechen beginnt nun ein öffentlicher Diskurs, der notwendig ist um zu verstehen, was hier eigentlich vorgegangen ist und was es bedeutet: Für die Opfer, für unseren Staat, für die Sicherheitskräfte und für die Justiz. Dass aktuelle Verdachtsmomente darauf hinweisen, dass die Übergriffe von Männern mit Migrationshintergrund ausgegangen sind, gehört zu dem Diskurs dazu. Gott sei Dank (wieder - und das obwohl ich nicht gläubig bin) überwiegen jedoch diejenigen Stimmen, die den verdächtigten Tätern primär das Attribut "männlich" zuschreiben: Ganz vielleicht waren unter den Tätern auch geflüchtete Männer. Aber es waren nicht die Verbrechen von Flüchtlingen an der deutschen Gesellschaft. Sondern die Verbrechen von Männern an Frauen.

Dass der damit verbundene Diskurs nicht einfach ist, zeigt (u.a.) der rethorisch und stilistisch sicherlich nicht brilliante vorhergegangene Absatz. Neben Beiträgen, die aufgrund der Komplexität und Emotionalität des Themas keine allumfassende Wahrheit bieten können (und das sind nahezu alle verfassten Beiräge), gibt es jedoch auch solche, die auf nahezu gefährliche Weise die Diskussion verzerren. Diese sind nicht schwer zu finden. Einen ganz konkreten möchten wir uns ansehen:

Am 07. Januar trug die AfD Politikerin Frauke Petry mit folgendem Satz zum Diskurs bei:

"Massenhafter Missbrauch von Frauen in Köln erinnert an rechtlose Zustände zum Kriegsende"

Da wir uns im Jahr 2016 befinden und als Diskursplattform für diesen Beitrag das soziale Netzwerk Facebook gewählt wurde, bestand die Reaktion unter anderem in weit über 6.00o "Likes" sowie in Kommentaren, die aufgrund ihrer Geschmacklosigkeit aber auch Irrelevanz für diesen Artikel nicht wiedergegeben werden sollen.

Doch was macht Frau Petry hier eigentlich? Versucht auch sie die Diskussion über eine Assoziation geschichtlicher Art zu bereichern? Möglicherweise. Ist dies berechtigt, richtig und konstruktiv? Sicherlich nicht.

Auch wenn sie ihre Gedanken nicht weiter ausführt, spielt sie auf die massenhaft begangenen Verbrechen von Soldaten der Roten Armee zum Ende des zweiten Weltkriegs an. Das verbindende Glied zwischen den beiden Ereignissen, also die hier erzielte Assoziation, bezieht sich auf den sexuellen Missbrauch, der überwiegend deutschen Frauen angetan wurde.

Was macht diese Assoziation so unerträglich? Im Wesentlichen ihre Unverhältnismäßigkeit, was hier nur an zwei Argumenten gezeigt werden soll:

  • Die Zahl der missbrauchten Frauen in den Jahren 1945/46 wird beispielsweise von der Historikerin Catherine Merridale auf zehn oder gar hundertausend geschätzt.
  • Die Verbrechen der Roten Armee fanden in einem Umfeld statt, in dem sich die Opfer akut oder ex post an keine schützende staatliche Gewalt wenden konnten.

Im Ergebnis sorgt diese Unverhältnismäßigkeit dafür, dass der Diskurs über die in Köln begangenen Verbrechen auf eine Ebene herabgelassen wird, die von Emotionalität, falschen Informationen und Panik in ihrer Sachlichkeit gefährdet wird. Dies sabotiert den unbedingt notwendigen Anspruch, die Verbrechen in Köln juristisch, soziologisch und politisch aufzuarbeiten. Und somit auch die Bemühungen, eine Wiederholung dieser Verbrechen zu verhindern. Geschädigt werden hierbei jedoch nicht nur der notwendige Diskurs, sondern auch die Opfer: Die Opfer der Silvesternacht, da es ihre Chance auf Gerechtigkeit durch juristische wie auch öffentliche Aufarbeitung reduziert. Und auch die Opfer der Kriegs- und Nachkriegsjahre, da die an ihnen begangenen Verbrechen für eine fragwürdige politische Agenda Jahrzehnte später instrumentalisiert werden.

Die Instrumentalisierung von schweren Verbrechen der Menscheitsgeschichte ist natürlich nichts neues. Zu Hitler-Vergleichen wurden Bücher gefüllt, Urteile gefällt - und mit ihrer Hilfe Diskurse sabotiert. Denn das haben sie alle gemeinsam, diese falschen Geschichtsassoziationen: Die Sabotage eines im Idealfall sachlichen und konstruktiven, meist notwendigen Diskurs. Mit welcher Intention und Agenda dies im Einzelfall geschieht, mag oft genug offensichtlich sein. Seine Wirkung verfehlt es jedoch leider selten. Und Verstärkung findet die Sabotage im Jahr 2016 problemlos in den Echos der sozialen Medien.

Die Rolle von Facebook u.a. wurde im Jahr 1991 für technikaffine Menschen, und das soll dann die letzte Assoziation für heute sein, von den sogenannten Usenets eingenommen. Hier konnten sinnvolle und -lose, ernste und alberne Diskussionen mit dem Charme einer DOS-Oberfläche geführt werden. Der Autor Mike Godwin hat in eben diesem Jahr 1991 nach eingehender Beobachtung der Diskussionen die folgende Feststellung getroffen:

"Godwin's Rule of Nazi Analogies: As a Usenet discussion grows longer, the probability of a comparison involving Nazis or Hitler approaches one."

Gewisse Ähnlichkeiten zur aktuellen Diskussion über die Ereignisse in Köln zur Silvesternacht mögen auffallen. Aber ein Vergleich mit Hitler bzw. dem rechten Faschismus der Nationalsozialisten - das hätte in den Diskursbeitrag von Frau Petry natürlich nicht gepasst.

Die hier verwendeten Quellen: Facebook Profil von Dr. Frauke Petry und Wikipedia Einträge zu den angesprochenen Fakten.

17:02 08.01.2016
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Nunnan

... auf der Suche nach dem Moment - in Berlin, Frankfurt und anderswo in Europa...
Nunnan

Kommentare 8

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