Gedanken zu "Pro Reli" in Berlin

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"Es geht um die Freiheit" , so der Slogan der Initiative "Pro Reli" in Berlin.
Worum geht es dabei eigentlich?
In der Sache geht es um die Einführung des verbindlichen Pflichtwahlfaches Ethik/Religion ab der 1. Klasse an staatlichen Schulen. Nicht mehr und nicht weniger. Oder doch mehr?
Historisch gesehen geht es um die Beendigung eines Berliner Sonderweges, der aus den Lehren des gerade zusammengebrochenen Nationalsozialismus entstsanden war. Bischoff Otto Bibelius wollte 1945 den Religionsunterricht dem staatlichen Einfluß entziehen, um zukünftig den Missbrauch des Religionsunterrichtes durch den Staat zu verhindern. Besteht denn diese Gefahr heute nicht mehr? Oder ist der verpflichtende Ethikunterricht ab der 7. Klasse ein neuer Anfang des staatlichen Missbrauchs? Wozu zusätzlichen Religions/Ethikunterricht ab der Klasse 1? Ist die Stundentafel der Schüler nicht heute schon übervoll? Was sollte dafür gestrichen werden? Deutsch? Biologie? Mathematik?
Klarer wird es wenn man den Befürwortern von "Pro Reli" genauer zuhört. Komikerin Desiree Nick, in einem Radiointerview zum Beispiel: "Glauben wächst nicht von alleine, er muß von Kleinauf gelehrt werden." Cristoph Lehmann, Begründer der Iniative, und Andere verlangen die frühzeitige Aufteilung der Kinder nach Religionszugehörigkeit, also zwangsweise ab der 1. Klasse, nach dem Willen der Eltern und des Staates geformte Gläubige und Staatsbürger. Das hatten wir schon einige Male in der deutschen Geschichte, und es nahm kein gutes Ende.
Wozu überhaupt verbindlichen Religionsunterricht an staatlichen Schulen in Berlin? Dafür habe ich überhaupt noch kein Argument gehört. Freiwillig , vom Staat finanziert, findet dieser doch schon immer statt. Die Zahlen des Schulamtes belegen dies. Fast jeder vierte Schüler besucht zurzeit den Religionsunterricht an den staatlichen Schulen. Allerdings mit einem stark abfallenden Anteil bei steigender Jahrgangsstufe. Ob, das an dem verbindlichen Ethikunterricht, an der Qualität des Religionsunterrichts oder am Herauswachsen aus den Zwängen des sozialen und familiären Umfeldes liegt, kann niemand genau sagen oder wissen.
Will man hier ein familiäres oder religiöses Problem mit Hilfe von staatlichen Zwang lösen?
Nicht statistisch erfasst sind die Schüler, die außerschulisch religiöse Unterweisungen erhalten, da ihren Glaubensgemeinschaften freiwillig oder unfreiwillig der Zugang zu staatlichen Schulen und Mitteln erspart ist.
Im Modell von "Pro Reli" haben sie alle automatisch Anspruch auf staatlich organisierten Religionsunterricht in ihrer Glaubensauslegung, sowie sie das Fach Ethik abwählen. Eine einfache juristische Frage der Gleichbehandlung, die sich aus dem Begriff verbindliche Wahlpflicht ergeben. Logistisch praktisch unlösbar. Die einzige realisierbare Lösung wäre dann die Abschaffung des Ethikunterrichts, und die Einführung des Zwangsreligionsunterrichtes wie in den anderen Bundesländern üblich. Diese Konsequenz, in meinen Augen das eigentliche Ziel, dürfte dem ausgebildeten Juristen und Begründer der Initiative, Christoph Lehmann, klar sein. Warum er sie verschweigt wohl auch.

Was spricht aus der Sicht von "Pro Reli" gegen den verbindlichen Ethikunterricht an Klasse 7?
Er beginnt erst in der 7. Klasse.
Nur 20% des Lehrplanes beschäftigen sich mit den vier Weltreligionen.
Er ist bekenntnisfreier Unterricht.
Er entzieht dem Religionsunterricht der Kirchen die Schüler.
Er vermittelt die falschen Inhalte.
Oh, wie bin ich Stolz auf die Berliner Schulverwaltung, was wirklich selten passiert. Es ist ihr gelungen einen Ethikunterricht zu organisieren, der kein verkappter Religionsunterricht ist.
Es gibt viele Argumente Pro Reli oder Pro Ethik. Viele sind sinnvoll, viele sind sinnfrei. Das Thema geht eben weit über ein normales Schulfach hinaus. Es ist brisant und belanglos, emotional und gleichgültig, es polarisiert und vereint, denn, und da stimme ich "Pro Reli" vorbehaltlos zu:
"Es geht um die Freiheit"
Das klingt hochtrabend, aber schon die vergangenen Monate mit Unterschriftensammlung und Diskussionen, haben gezeigt, inwieweit dieses so einfach erscheinende Thema in das öffentliche Leben der Stadt und Einzelner eingreift, wie die Glaubens-und Meinungsfreiheit eingeschränkt wird. Kirchenmitglieder und-mitarbeiter, die sich nicht der Kampange anschliessen, werden von der Kirche massiv unter Druck gesetzt. Wer sich ansonsten gegn "Pro Reli" stellt wird sofort in die Rot-Rote Ecke gestellt. Schulleiter und Schulverwaltung müssen machtlos zusehen, wie Kirche und "Pro Reli" rechtswidrig an den Schulen politische Tätigkeiten entfaltet, oder Schüler-und Elternvertretungen rechtswidrig für politische Zwecke missbraucht werden.
In einer so multikulturellen, multireligiösen und atheistischen Stadt wie Berlin, ist das Zusammenleben der Kulturen und Religionen ein wichtiger Bestandteil des Lebens. Gegenseitiges Kennen und Verstehen sind die Grundlage dafür. Der Ethikunterricht soll dabei helfen. Christoph Lehmann dazu in der Berliner Zeitung "...er will Kinder in der Schule einteilen, in Atheisten und Evangelen, Katholiken und Muslime, so früh wie möglich. ..."
Die Trennung nach dem Glaubensbekenntnis und dessen zwangsweise Veröffentlichung durch ein Wahlpflichtfach verletzt direkt die Persönlichkeits-und Glaubensfreiheiten. Gleichzeitig erfolgt eine Stigmatisierung der Menschen, dessen Ende niemand voraussehen kann, wie wäre es noch nach sexuellen Neigungen, Gesundheitszustand, Hautfarbe usw., es gibt da eine Vielfalt an Möglichkeiten. Verbindliches Wahlpflichtfach ab Klasse 1 unterdrückt die Glaubens-und Meinungsfreiheit endgültig, denn die Unterscheidung erfolgt nicht nach Kenntnissen, Fähigkeiten oder ähnlichem, sondern nach dem Glaubensbekenntnis der Eltern, nicht der Schüler. Genau wie in diesem Volksbegehren nur diejenigen stimmberechtigt sind, die nie wieder an einem solchen Unterricht teilnehmen müssen. Kein Schüler, der von dieser Entscheidung betroffen ist, hat Stimmrecht, noch wurde seine Meinung erfragt.

Denn auch wenn vieles in der Auseinandersetzung noch völlig unklar ist und niemand den Ausgang vorherehen kann, die wahren Verlierer stehen schon jetzt fest. Es sind unsere Kinder, über deren Köpfe hinweg entschieden wird, wie sich das zukünftige Verhältnis zu ihren Mitschülern gestaltet, und wer, wann und wie über ihr persönliches Glaubensbekenntnis verfügt.

18:48 14.02.2009
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Geschrieben von

nuntius

kritisch, selbstkritischer Skeptiker
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