Wovon man nicht sprechen kann,...

Fakt! Die Heuchelei ist so immanent, dass es keine Worte gibt sie zu beschreiben, über sie zu sprechen, doch soll man dann einfach schweigen?
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Wer da leidet, wen Unzufriedenheit plagt, der mag wohl nichts weiter als ein erfolgloser Heuchler sein, ein menschlicher Zellhaufen, dem weder die Phantasie, noch sonst eine Gabe über die Zeit hilft.

Sobald ich jenseits der mit Bettlaken behangenen Wäscheleine stehe und in Richtung der Stadt blicke, die meiner Schlafstadt die nächstgelegene ist, kommen mir Gesichter in den Sinn, sie tauchen vor mir auf, niemand ausser ich kann sie sehen, sie gehen in dieser Stadt lebendig auf Körpern sitzend, Schädel vorne verkleidend, herum, von den Beinen getragen.

Diese Gesichter gehören zu ganz bestimmten Menschen, Menschen die mir vom Namen her bekannt sind, deren Gedanken mir jedoch gänzlich im Verborgenen bleiben.

Einzig, wer bestimmt den Gang der Dinge? Bin ich es, der sich hinter den, im Wind sanft schwankenden, Laken versteckt und auf seine Tasten klopft, mit Fingern, die weder einer Geige Töne entlocken, noch einem Steinblock Kontur verleihen können?

Dort werden Pläne geschmiedet und die Dinge geraten in Bewegung, hier wird ebenso geplant, doch nichts geschieht, nur die Dinge des persönlichen Alltags entlarven den stupiden Minutenpfad.

Jenseits der Laken bin ich vollkommen machtlos, jene anderen scheinen etwas bewegen zu können.

Die Landschaft wird zersiedelt, die Aspahltbänder werden breiter und rigoroser, die Augen werden matter - bilde ich mir ein - die Läden größer und kälter, die Felder länger und breiter, die Traktoren gigantisch, das Tempo schneller, der Ton rauer, die Gesten gereitzter, alles - vom flirren der Luft bis hin zum Scheppern der Flaschen scheint lauter und lauter in mich zu dringen.

Jenseits der Laken ist meine Wahrheit, meine gefühlte Wahrheit vollkommen bedeutungslos, die Wahrheit der anderen scheint zumindest das Bild anrühren zu können.

Welche Wahrheit?

Wahr ist, ich würde hämisch grinsen, stolperte eine mir unheimlich vorkommende Person beim Verlassen eines Flugzeugs und stürtze Metallstufe um Metallstufe dem Rollfeld entgegen, wo sie mit gebrochenem Genick einige letzte Atemgeräusche von sich gäbe - dann Nichts mehr - wobei - was danach käme nicht anders wäre - es müssten täglich solche Figuren stolpern und tödlich stürzen.

Doch was wartet hinter den Bettlacken, ist es das gleiche Grauen?

Wieviele traten hervor, mit dem Paradies auf den Lippen und der Hölle in den Händen?

Wahr ist, ich wünschte mir, die steineklopfenden Kinder in Bangalore hätten vor kurzem die zugehauenen Steine in ihre Hände genommen und gegen den Schädel eines seltsam bekleideten Menschen geworfen, der ein Meister der Heuchelei und ein profunder Hautsack gefüllt mit Widerwärtigkeit zu sein scheint.

Das ganze, sie zu diesem Zeitpunkt beglotzende, Pack, hätten sie bewerfen sollen, niemand zu Tode gekommen, doch alle nackt ausgezogen und in einen Verschlag im Slum geworfen, sollte es heute dort der Dinge harren, die dort warten und nirgends sonst.

Sollte ich nicht dann ebenso in dem Verschlag kauern?

Bin ich nichts weiter als ein schlechter Heuchler, ein vor Dummheit strotzender Zellklumpen, der lediglich diese Virtuosität des Blendens und Täuschens nicht annähernd erreichte - daher verbittert seine gehässigen Gedanken ausbrütet?

Es graut mir vor der Wahrheit, so bleibt mir nur ein kleiner Rest von Heuchelei, ein rudimentäres Quantum an Bewußtsein, das kratze ich nun zusammen und belüge mich für den Rest des Tages selbst - auf dass ich noch viele mit meiner Existenz belästige - Heuchelei wäre auch - jetzt auf delete zu drücken -

Ein letzter Rest Wahrhaftigkeit - so strömen die Elektronen diese - kruden, instinktiven Gedanken ins Netznirvana - was bleibt ist die tägliche Heuchelei, das Prinzip unserer Existenz.

Ich lüge, also bin ich!

ach so - ganz ehrlich - es würde micht noch mehr freuen, stolperte die Person nicht, sondern würde sie kluge Entscheidungen treffen, deren Klugheit eben meiner Wahrheit (Individualität im Wesen und Wirken, Gleicheit in Würde und Anerkennung) entspricht - nur - sie vertritt eben die Wahrheit anderer Menschen - von der ich behaupte, dass sie in Heuchelei verpackt die Essenz unserer sozialen Interaktion ist.

Das andere Beispiel zielt auf die metaphysischen Volksverkäufer, die durchaus eine grandiose Last und Aufgabe zu erfüllen hätten, stattdessen aber wie groteske Maden im Körper des sozialen Organismus hausen.

Kaum trau ich mich noch unter der Wäscheleine hervor - Eremit oder Heuchler - so bin ich wohl noch Heuchler.

Was meine Wahrheit betrifft, so bin ich mir sicher - kein Mensch würde lügen und betrügen, nötigte man ihn nicht von frühester Kindheit an - mehr oder weniger - dazu.

Somit gäbe es keinen Hunger, keinen Neid und keine Eitelkeit.

Aua - ja - in der Ornamentik des intellektuellen Barock sind dies in der Tat Steinzeitzeilen - nun - für einige Minuten - von einigen "Unglücklichen" kurz überflogen - dann wieder in der Tiefe versunken.....

Sehe ich die Welt zu schwarz? Sobald ich eine von mir gefühlte Wahrheit ausspreche, darf ich sicher sein von eventuellen Zuhörern als Verbalkotzer mit angewiderter Miene kurz beäugt und alsbald der Runde verwiesen zu werden.

Wer in deutschlands Gesellschaft lebt und nicht gerade eine Tonne auf einer Lichtung bewohnt, sondern halbwegs am sozialen und öffenlichen Leben teilnehmen möchte, verursacht schon alleine durch die umgelegten ökologischen Kosequenzen von Infrastruktur und Pomp und Gloria der Feudalschmarotzer einen Fußabdruck von über 1 - wie also nachhaltig existieren?

Das Schlimmste - ich könnte wahrscheinlich dieses Geprotze auch selber genießen, fiele es mir aus irgend einem Grund vor die Füße.

Daher dieser entlarvende Text - der versucht, ehrlich zu sein.

12:51 23.08.2012
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Geschrieben von

Oberham

Bedeutungslosigkeit ist immanent - trotzdem ist Nachdenken erlaubt
Oberham

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