England zwischen zwei Welten

Brexit: Wahn oder Sinn? Gerald Hosp, ehemaliger Wirtschaftskorrespondent der Neuen Zürcher Zeitung in London, analysiert das Ausscheiden Großbritanniens aus der EU im sozioökonomischen Kontext.
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Hosp stellt das Verstehen in den Mittelpunkt seines Sachbuchs: ein Ansatz, der auf numerische Analysen verzichtet und dem Leser Sinnzusammenhänge näherbringen möchte. Der Autor behandelt das komplexe Phänomen Brexit, dessen volles Verständnis noch lange viele beschäftigen wird, geradezu dialektisch. Im ersten Kapitel schildert er, wie es eigentlich dazu kam. Ausgehend von David Camerons fataler Bloomberg-Rede, präsentiert Hosp eine ganze Bandbreite von Gründen, die zum Austritt führten: die Spätfolgen der Finanzkrise, stagnierende Reallöhne, die Flüchtlings- und Einwanderungskrise, eine Elitenskepsis, die Schattenseiten der Globalisierung, bis hin zu den glatten Lügen der Euroskeptiker. Er konstatiert: „Die Briten waren schon immer halbherzige Befürworter des europäischen Staatenbunds.“ Womit er einen anderen Aspekt geistiger Natur gegenüber all den bereits genannten, oft zitierten materiellen Ursachen ins Spiel bringt – eine Art Antithese.

Das zweite Kapitel widmet sich daher zwei mentalen Modellen: Globalbritannien versus Kleinbritannien. Zwischen diesen Weltanschauungen pendelt das Land seit jeher: Will England die Speerspitze des internationalen Freihandels sein oder nur eine protektionistische Abschottungspolitik betreiben? Inwieweit der EU dabei eine Rolle zukommen soll, behandelt der Autor ausführlich. Handels- und geopolitische Fragen erklärt Hosp anhand konkreter Beispiele. Das dritte und letzte Kapitel ist ein Resümee all der Widersprüche Englands im Ringen um seine Stellung in der Welt. Letzteres definiert gleichzeitig Großbritanniens Verhältnis zur EU. Hosp wagt keine Thesen für die Zukunft, doch er prophezeit: „Selbst nach dem EU-Austritt wird Brüssel für die Briten Prügelknabe und Machtzentrum bleiben. Nein, der Brexit hört nie auf.“

Mittlerweile füllt das Phänomen Brexit ganze Bibliotheken. Worin unterscheidet sich also dieses gut lesbare Buch von den zahlreichen anderen? Es ist vor allem der Blick eines Schweizer Journalisten, der vor Ort jahrelang seine unparteiischen Beobachtungen machen konnte. Hosp sieht die EU durchaus auch kritisch. Seine Kritik, wie zum Beispiel an Brüssels allzu starrer Haltung bei den vier Grundfreiheiten, ist immer wohlfundiert und nie unsachlich. Daher der untrügliche Blick auf die Harmonisierungs- und Zentralisierungsbemühungen der EU: „Es geht darum, den Systemwettbewerb zu unterbinden, um für sich selbst den Spielraum zu vergrößern. Dies mag legitim sein, ist aber interessengetrieben und keine Frage der höheren Moralität.“

Trotz seiner kritischen Einschätzung zu Londons Entscheidung, die EU zu verlassen, begeht Hosp nicht den gängigen Fehler, Englands ökonomische Zukunft in düsteren Farben zu malen. Der Autor lässt die Frage offen und schließt eine erfolgreiche Neuorientierung Großbritanniens im handelspolitischen Weltgefüge nicht aus, wenn auch unter großen Anstrengungen. Was das Buch ebenfalls auszeichnet, sind bestimmte Aspekte, die selten in den Medien kolportiert werden. Darunter erwähnt er zum Beispiel, dass ein exogener Schock wie der Brexit die dringend benötigten institutionellen Reformen im Land durchaus voranbringen könnten. Die vielen Querverweise auf namhafte Historiker und Ökonomen liefern den wissenschaftlichen Hintergrund von Hosps Ausführungen. Damit unterscheidet sich sein Buch ganz wesentlich von den allzu oft anekdotenhaften Geschichtensammlungen ehemaliger Auslandskorrespondenten.

Obwohl sich das Rad der Geschichte seit der Veröffentlichung weitergedreht hat, bleibt der Inhalt – mit einigen Abstrichen aus dem letzten Kapitel – davon größtenteils unberührt. Das Buch ist insbesondere für all jene geeignet, die den Brexit im Kontext der Geschichte und der Wirtschaftspolitik Großbritanniens besser verstehen wollen. Gerade darin liegt die immer-währende Aktualität dieses Werks.

Weitere Informationen: https://www.oliver-cyrus.at

Bibliografische Angaben:

NZZ Libro | Zürich 2018 | 184 Seiten | ISBN: 978-3-03810-362-2

19:48 30.01.2020
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