ÖKONOMISCHE THEORIEN AUF REZEPT

Tägliche Dosis Ökonomie Die Dozentin Karen Horn liefert mit ihrem Werk „Ökonomische Hausapotheke“ den Beweis, dass die hohe Schule der Nationalökonomie auch praktische Seiten zu bieten hat.
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Horns metaphorischer Titel erinnert an einen berühmten Vorgänger, der ebenfalls die Medizin im Rahmen der Nationalökonomie bemüht hatte. Es war François Quesnay, Leibarzt und Ökonom Ludwigs des XV. Sein Gesamtmodell des Wirtschaftskreislaufs von 1758 beruhte auf dessen Vorstellungen vom menschlichen Blutkreislauf. Die Autorin schöpfte ihre Inspiration jedoch von Erich Kästners Werk „Lyrische Hausapotheke“. Das kleine Kompendium will ein Nachschlagewerk für die ökonomischen Rätsel des Alltags sein. Und das ist der Publizistin und Expertin für ökonomische Ideengeschichte an der Universität Erfurt über weite Strecken sehr gut gelungen.

Das Buch besteht aus 50 kurzen Glossen, die ursprünglich Teil einer Kolumne der Autorin in der Neuen Zürcher Zeitung waren. Jede Glosse repräsentiert ein Konzept, wobei der historische Rahmen von der Antike bis zur unmittelbaren Gegenwart reicht. Im Anschluss folgt stets eine Kurzbiografie über einen zentralen Denker der besprochenen Theorie. Die Angaben zur weiterführenden Literatur dienen als Richtschnur für eine tiefere Auseinandersetzung. Die akademische Strenge der Autorin hat jedoch eine vollständige Symbiose von Theorie und Praxis verhindert, denn beide Teile bleiben strikt getrennt. Ein kunstvolles Ineinanderfließen wie etwa bei Wilhelm Weischedels philosophischer Hintertreppe konnte so nicht entstehen. Stellenweise verfällt Horn der akademischen Fachsprache, was der ursprünglichen Intention, ein Handbuch für die Praxis sein zu wollen, widerspricht. Dass die Autorin die Kunst des feinen Witzes versteht, beweist sie beispielsweise bei John Maynard Keynes. Angesichts des technischen Fortschritts und der damit einhergehenden vermeintlichen Massenarbeitslosigkeit fragte sich dieser fast hysterisch: „Müssen wir nicht einen allgemeinen Nervenzusammenbruch erwarten?“ Auch Friedrich August von Hayek kommt nicht ungeschoren davon. Horn sieht die Umlagefinanzierung des Rentensystems durchaus kritisch, betont jedoch mit einer gewissen Süffisanz, dass man deswegen nicht gleich wie Hayek in seiner „Verfassung der Freiheit“ zu „hyperventilieren“ bräuchte. Horns Kompendium hätte viel mehr von diesem lebendigen Witz und an Ironie vertragen.

Die „Ökonomische Hausapotheke“ ist gut lesbar und brilliert mit einer erstaunlichen Fülle ökonomischer Betrachtungen, die von der klassischen Literatur bis hin zum Phänomen des Terrorismus und der nuklearen Abschreckung reichen. Besonders nennenswert ist, dass Horn auch zahlreiche aktuelle Forscher präsentiert, die nach wie vor tätig sind. Darunter sind bekannte Persönlichkeiten wie Paul A. David, Richard Easterlin oder Paul Collier, um nur einige zu nennen. Es ist somit kein Who is Who vergangener Größen. Auch werden einige wichtige Vertreter der Nationalökonomie genannt, die der breiteren Öffentlichkeit weniger bekannt sind, wie beispielsweise Bertil Ohlin. Dessen Promotion brachte ihm später den Nobelpreis ein – eine absolute Ausnahmeerscheinung. Eine Leistung, die an Einsteins nur 17 Seiten umfassende Dissertation heranreicht. Wer einen ersten kritischen Einstieg in die Welt der Nationalökonomie sucht und keine intellektuellen Herausforderungen scheut, wird hier einen soliden Halt finden.

Weitere Informationen: https://www.oliver-cyrus.at

Bibliografische Angaben:

NZZ Libro | Zürich 2019 | 320 Seiten | ISBN: 978-3-03810-404-9

13:59 15.11.2019
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