„Brexit wurde nicht von Big Data verursacht“

Interview Matthew Goodwin Für die Phänomene Trump und Brexit gibt es viele Spekulationen. Im Gespräch verrät der Experte Matthew Goodwin, warum viele Erklärungsmuster zu kurz greifen.
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In Ihrem mit Roger Eatwell verfassten Werk „Nationalpopulismus, die Revolte gegen die liberale Demokratie“ sehen Sie die Ursache des Populismus in der Entfremdung zwischen „einfachen“ Bürgern und den politischen Eliten. Ist diese Sichtweise nicht zu einfach?

Unsere politischen Systeme haben in der Integration historisch marginalisierter Gruppen wie etwa der Frauen oder ethnischer Minoritäten gute Arbeit geleistet. Wenn es aber darum ging, Arbeiter und Nichtakademiker in den politischen Entscheidungsprozess einzubinden, haben sie versagt. Daher sind diese Gruppen für den nationalen Populismus besonders empfänglich. Ihr Misstrauen ist gegenüber den Eliten viel höher, da sie sich im politischen System nicht repräsentiert sehen. Wir sollten ernsthaft über diese Kluft mangelnder Repräsentanz nachdenken.

Was schlagen Sie also vor?

Wir müssen überlegen, wie man mehr Arbeiter in die Politik bringen kann. Das politische Engagement könnte mittels Bürgerversammlungen gefördert werden. Vor allem sollten wir uns fragen, wie wir es verhindern können, dass unsere politischen Parteien nicht nur von Eliten dominiert werden, die weder die Ansichten noch die Werte der einfachen Leute kennen. 49 % der Bürger in Europa haben den Eindruck, dass man auf Menschen wie sie in der EU nicht hört. Darauf brauchen wir eine Antwort.

In der „London Review of Books“ kritisiert James Meek, dass Sie im Brexit nur zwei Gruppen identifizierten: sozial benachteiligte Brexit-Befürworter und eine arrogante Elite von Brexit-Gegnern. Dennoch haben auch viele Eliten den Brexit befürwortet, während zahlreiche einfache Bürger den Brexit ablehnten. Was sagen Sie zu dieser Kritik?

Nun, ich denke, es hängt davon ab,wie man Elite definiert. Die große Mehrheit im Parlament, mehr als 400 Abgeordnete, setzten sich für den Verbleib ein. Dazu gehörten auch der Premierminister, die große Mehrheit der Briten sowie zahlreiche Eliten aus der Wirtschaft und den Medien.

Seit 2010 dürfen laut einem Urteil des obersten Gerichtshofs in den USA Unternehmen, Gewerkschaften und Organisationen Wahlkämpfe unbegrenzt finanzieren. Kritiker befürchteten eine „Scheckbuchdemokratie“. Welchen Effekt hatte dies auf das Vertrauen der Wähler?

Der Grund, warum die Leute die Populisten wählen, liegt nicht in deren Finanzmitteln, die diese für ihre Wahlkämpfe aufbringen konnten. Populistische Parteien sind in vielen Ländern erfolgreich, und zwar unabhängig von der jeweiligen Rechtslage im Hinblick auf die Wahlkampffinanzierung. Große Geldflüsse sind also keine Ursache für politische Instabilität. Ich bin auch sehr skeptisch über das Argument, dass viele die Populisten wählen, weil sie durch die sozialen Medien oder propagandistische Literatur beeinflusst wurden. Die meisten wissenschaftlichen Studien zeigen die eigentlichen Beweggründe: Erstens sind es Ängste hinsichtlich der Zuwanderung einschließlich kultureller Unsicherheiten, und zweitens ist es ein Misstrauen gegen die etablierten Eliten. Letzteres vor allem deshalb, weil diese keine Antworten auf die vorherrschenden ökonomischen Ungleichheiten finden können.

Massenüberwachung, die illegale Weitergabe von Privatdaten zwecks Wahlkampfanalysen sowie ein digitaler Informationskrieg um die „Wahrheit“: allesamt Projekte von Eliten. Was macht das mit der liberalen Demokratie?

Ich glaube, dass diese Phänomene erst allmählich an Bedeutung gewinnen. Ich bin jedoch sehr skeptisch, dass Big Data für derzeitige, politische Entwicklungen wie etwa den Ausgang der Brexit -Abstimmung verantwortlich sein soll. Weder Schattenorganisationen noch Social Media aus Silicon Valley waren für die politischen Beben in 2016 verantwortlich. Vieles deutet darauf hin, dass die Ereignisse aus 2016 (Trump, Brexit) ihre Wurzeln bereits in den Jahren 1960 und 1970 hatten.

Also haben die Medien potenziellen Manipulationen während des US- Präsidentschaftswahlkampfs sowie während der Brexit-Abstimmung zu viel Bedeutung beigemessen?

Nun, viele Menschen benutzen Erklärungsmuster, in denen sie sich wohlfühlen und die ihren Ansichten entsprechen. Daher tun sich bis heute viele mit der Vorstellung schwer, dass die Wähler den Brexit oder Donald Trump als US-Präsidenten wollten. Daraus ergeben sich dann falsche Ideen: Soziale Medien, Schattenorganisationen oder große Geldflüsse hätten die Wahlen manipuliert. Die Wirklichkeit ist oft weniger aufregend. Die meisten wissenschaftlichen Studien sprechen hier eine klare Sprache: dass große Mengen an Wählern den demografischen Wandel verlangsamen wollten, sichere Grenzen verlangten und dass sie ihren eigenen etablierten Eliten misstrauten.

Matthew Goodwin ist Professor für Politik am Rutherford College, Universität von Kent, sowie Senior Visiting Fellow am Royal Institute of International Affairs, Chatham House.

Weitere Informationen: https://www.oliver-cyrus.at

11:53 12.12.2019
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