Lercher sieht rot

Porträt Max Lercher will die „Proletenpassion“ wiederbeleben. Für ihn war die österreichische Sozialdemokratie schon immer eine feine Mischung aus Prolos und Bobos.
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Mein Mobiltelefon läutet. Es ist Max Lercher, der ehemalige SPÖ Bundesgeschäftsführer und jetziger Nationalratsabgeordneter. Er will wissen, ob ich im Kaffeehaus drinnen sitze oder doch draußen im Schanigarten. Nach kurzer Rücksprache steht Lercher bereits mit großer Pünktlichkeit vor mir: Sakko, offenes Hemd und ein gepflegter Vollbart, der nahtlos über die Koteletten in die Haare übergeht. Trotz eines arbeitsreichen Tages wirkt er weder gestresst noch ausgelaugt. Medial gilt Lercher als Vertreter eines ökonomisch linken, bodenständigen Teils der österreichischen Sozialdemokratie. Der marxistischen Orthodoxie erteilt er eine klare Absage: Er verachtet die ehemalige Sowjetunion. Doch das Kapital von Marx bleibt aus seiner Sicht stellenweise aktuell. Zusammen mit Thomas Piketty’s Werk, „das Kapital im 21. Jahrhundert“, erkennt er eine Basis für wirtschaftspolitische Analysen. Dazu gehört auch die Frankfurter Schule: „Sie sind trotz ihres Ablebens deswegen nicht dümmer geworden“.

Identität ist für Lercher ein parteipolitischer Begriff. Er will den Diskurs eine andere Wendung geben, eine ideologische: „Identität ist für mich sozialdemokratisch zu verstehen. Die Freiheitlichen haben eine rassistische Identität geschaffen. Ich würde gerne eine für alle Werktätigen schaffen, die das Gemeinsame betont und die Sozialdemokratie als eine Art Schutzmacht sieht“. Für den Steirer geht es auch um Emotionen – vor allem um Stolz. Er will dem Arbeiterstand die verloren gegangene Ehre zurückgeben.

Österreichs Parlamentarier sind ethnisch recht homogen. Die Sozialdemokraten bilden da keine Ausnahme. Lercher kennt das Problem und spricht viel von Strukturproblemen einer alten Partei, die schon „ein paar Jahre auf dem Buckel“ hat. Er erinnert daran, dass es auch lange gedauert hatte, ehe die Frauen im Parlament entsprechend vertreten waren. Mit Kevin Kühnerts Enteignungsfantasien kann Lercher nichts anfangen. Solche Vorstellungen haben für ihn in Österreich keinen Platz. Ihm schwebt Größeres, Substanzielleres vor. Er will einen wirtschaftspolitischen Systemwandel: „Das gesamte finanzkapitalistische System gehört hinterfragt, da dieser nicht mehr den Massen dient“. Österreich ist dabei für ihn das richtige Pflaster für eine politische Neuorientierung Europas, denn „ die Sozialdemokratie in Österreich konnte geschichtlich betrachtet schon immer auf europäischer Ebene gute Diskussionen auslösen. Warum nicht jetzt? “.

Sein Idealismus wirkt authentisch. Er vermisst eine gewisse Bodenständigkeit in der Politik. In diesem Sinne ist auch sein Hang zur „Proletenkultur“ zu verstehen. Er will vor allem mehr Wertschätzung für Facharbeiter und Pensionisten. Lercher wagt einen kurzen historischen Exkurs. Er erinnert daran, dass das Wort Prolet ursprünglich ein Kampfbegriff war. Die „Proletenpassion“ scheint ihm ein großes Anliegen zu sein. „Früher haben die Proletarier bewusst größere Hemden gekauft als Zeichen dafür, das ihnen bürgerliche Konventionen egal waren“, erzählt Lercher. Und er fordert verstärkt proletarische Kulturangebote. Ein Hauch von Kulturrevolution. Innerhalb des Sozialismus sind ihm dabei „Bobo“ und „Prolo“ Genossen gleichermaßen wichtig: „Ausgemacht hat uns immer die feine Mischung“. Lercher vermisst im politischen Diskurs eine klare Sprache. Dinge auf den Punkt bringen, wie er sagt und dazu braucht es auch „eine proletarische Aussage“.

Dass Lercher mit seiner offenen Parteikritik nicht nur Freunde unter den Genossen hat, zeigte die jüngste „Palastintrige". Seine Kritik, dass die Solidarität einigen Funktionären nichts bedeutet, kam nicht überall gut an. Doch Lercher war noch nie einer, der opportunistisch schwieg. Im Gegenteil. Mit ernster Miene macht er keinen Hehl daraus, was er über jene denkt, die sich nur für Posten und Privilegien interessieren: „Sie sind ebenso meine politischen Gegner wie die, die nur auf die Reichen und Privilegierten schauen“. Auf aalglatte Karrieristen innerhalb der SPÖ mag das wie eine drohende Warnung klingen.

Weitere Informationen: https://www.oliver-cyrus.at

16:52 02.12.2019
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