„RECHNE MIT EINER GRÖßEREN WIRTSCHAFTSKRISE“

Interview Karin Kneissl Die ehemalige Außenministerin Karin Kneissl über außenpolitische Dimensionen der Klimapolitik und warum sie bei den aktuellen Debatten oft Augenmaß und Vernunft vermisst.
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Die Waldbrände in Brasilien hatten zu einem Zerwürfnis zwischen Frankreich und Brasilien geführt. Erleben wir hier eine neue Dimension der Außenpolitik, in der Umweltressourcen eine ähnliche Bedeutung bekommen wie die Sicherung strategischer Transportwege?

Kneissl: „Zweifellos. Dass Urwälder für die CO2-Aufnahme was ganz Wesentliches sind, wusste die Wissenschaft allerdings bereits vor 40 Jahren. Anders zu bewerten sind jetzt gewisse Einmischungsversuche. Ich bin immer dafür, dass man zuallererst vor seiner eigenen Haustüre kehren sollte.“

Was bedeutet das konkret?

Kneissl: „Zum Beispiel der mangelnde Respekt vor der traditionellen Forstwirtschaft. Echte Wälder werden kaum mehr gepflegt, während man gewaltige Monokulturen fördert. Österreich ist durch eine unkontrollierte Verstädterung europaweit das Land mit der höchsten Bodenversiegelung.“

Laut der Friedrich-Ebert-Stiftung ist die Verhandlungsmacht von China, Indien und Brasilien so groß, dass der Westen nicht herumkommt, auch deren Klimaschutzmaßnahmen teilweise mitzufinanzieren. Wie schätzen Sie die Lage ein?

Kneissl: „Ein wesentlicher Knackpunkt bei vielen Klimakonferenzen war schon immer die Frage der Finanzierung. Der dafür geschaffene ‚Topf‘ war nicht etwas, was man hätte vorzeigen können. Die vielen Konferenzen spiegelten den alten Nord-Süd-Konflikt wider. Zudem unterliegen Klimadebatten einer politischen Konjunktur. Irgendwann treten andere Themen in den Vordergrund. So wie Greta Thunberg als eine Art ‚invisible Hand‘ die Wahlkämpfe in Österreich und Deutschland mitbeeinflusst hatte, so kann eine heftige Wirtschaftskrise neue politische Kräfte an die Macht bringen.“

Sie rechnen also mit einer größeren Krise?

Kneissl: „Ich rechne mit einer größeren Wirtschaftskrise, dann tritt das Thema Klima wieder in den Hintergrund. Ein Kandidat für eine mögliche Krise wäre die Automobilindustrie, wo viele Unsicherheiten hinsichtlich zukünftiger Technologien vorherrschen. Die Produktion lagert man in zahlreiche Billiglohnländer aus. Das Auto der Zukunft wird in China entworfen und in Afrika produziert werden. Uganda fabriziert bereits Autoteile. Da Elektroautos einen geringeren Produktionsaufwand benötigen, ist der Einstieg in diese Industrie für Schwellenländer leichter. Im Falle einer ernsten Krise wären Millionen Arbeitsplätze in Europa gefährdet. Die Deindustrialisierung ist im Westen weit vorangeschritten. Die Autoindustrie ist die letzte in Europa verbliebene Industrie.“

Gibt es neben der Arktis und Grönland noch andere Regionen, wo der Klimawandel die geopolitische Landkarte neu definiert?

Kneissl: „Weitere Regionen wären die unmittelbaren Küstengebiete. Die sind am härtesten von einem Anstieg des Meeresspiegels betroffen. Dort kann es zu größeren Fluchtbewegungen kommen, die dann internationale Auswirkungen haben. Beispiele wären vorrangig Bangladesch oder Pakistan.“

Wie schätzen Sie das Thema klimabedingte Massenmigration ein?

Kneissl: „Menschen, die von extremer Dürre betroffen sind, flüchten automatisch aus diesen Gebieten. Das von mir unterstützte Projekt ‚Burkina vert‘ (grünes Burkina) zeigt die ganze Dimension dieses Problems. Die Korrespondenz der letzten Jahre mit den Initiatoren offenbart eine zunehmende Sorge um immer länger anhaltende Trockenperioden. Betroffen von dieser Entwicklung sind vor allem die Länder der Sahelzone. Aber ich traue mir keine feste Lehrmeinung zu, was mögliche Migrationsströme betrifft. Absolut verantwortungslos ist es jedoch, jungen Menschen eine drohende Apokalypse vorzumachen.“

Die Heinrich-Böll-Stiftung hatte vor über zehn Jahren den paradoxen Effekt des Klimawandels auf das Wasser festgehalten: einerseits bedrohlich knapp, andererseits gefährlich viel. Schon in den 1980er-Jahren sah man Kriege ums Wasser voraus – seitdem streiten Experten darüber, wie akut die Gefahr wirklich ist. Sind mögliche Kriege um Wasser eine übertriebene Befürchtung?

Kneissl: „Es stimmt zwar, dass große Kriege ums Wasser ausgeblieben sind, ein nicht zu unterschätzendes Konfliktpotenzial bleibt dennoch. Ein Grund für die relative Ruhe ums Wasser liegt im sogenannten ‚Arabischen Frühling‘ und in dessen Folgen. Diese haben das Thema teilweise überlagert. Für die Menschen vor Ort bleibt es aber ein akutes Problem.“

Weitere Informationen: https://www.oliver-cyrus.at

12:12 07.12.2019
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentarfunktion deaktiviert

Die Kommentarfunktion wurde für diesen Beitrag deaktiviert. Deshalb können Sie das Eingabefeld für Kommentare nicht sehen.

Kommentare