"Leben mental noch immer im Agrarzeitalter"

Interview Hannes Androsch Der Industrielle & ehem. Vizekanzler über Österreichs anachronistisches Bildungssystem, die ausgebliebene Digitalisierung & das Fehlen von verschränkten Ganztagsschulen.
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Warum ist Ihnen persönlich das Thema Bildung so wichtig?
Androsch: "Für die Entwicklung eines Landes ist Bildung der wichtigste Rohstoff. Das war schon immer so und bleibt im digitalen Zeitalter umso mehr aktuell. Ich will für meine Enkelkinder eine positive und selbstgestaltete Zukunft ermöglichen."
Sie kritisieren, dass das vor zehn Jahren abgehaltene Bildungsvolksbegehren zur Überwindung der Schwächen des österreichischen Bildungswesens bisher keine Früchte getragen hat. Welche ideologischen Widerstände gab es Ihrer Meinung nach seitens der ÖVP?
Androsch: "Wir leben mental in weiten Teilen unserer Gesellschaft noch immer im Agrarzeitalter. Das entspricht nicht mehr der gesellschaftlichen Wirklichkeit: 70 Prozent der Mütter sind heute berufstätig. Wir haben auch keine Großfamilien mehr, die aus drei oder vier Generationen bestehen. Die Rückständigkeit unseres Bildungssystems geht auch darauf zurück, dass die gesellschaftlichen Entwicklungen einfach ignoriert wurden. Im digitalen Bereich sind wir ein Entwicklungsland, in der Schule leben wir noch im wahrsten Sinn des Wortes in der
'Kreidezeit'."
Ist die Forderung „Bildung für alle“ letztendlich nur ein modernes Märchen?
Androsch: "Nein, das ist eine solidarische Verpflichtung. Es kann nicht sein, dass diejenigen, die einen Bildungshintergrund haben, a priori bessergestellt sind als andere, die das nicht hatten. Wir können uns das schon aus demografischen Gründen nicht leisten, weil eine schrumpfende Gesellschaft mit einem schrumpfenden Arbeitsmarkt einhergeht. Das wird den Wohlstand gefährden und die Wohlfahrtsfinanzierung verunmöglichen."
Sie fordern verschränkte Ganztagsschulen – ein altes Streitthema der Innenpolitik. Die ÖVP befürchtet, dass damit die Bindung an die Familie verloren geht. Viele traditionelle Eliteschulen waren aber schon immer Ganztagsschulen. Wo liegen dann die Bedenken?
Androsch: "Das ist einfach ideologische Rückständigkeit: Wir sind eines der wenigen westlichen Länder, die nicht Ganztagsschulen haben. Und wenn man die Integration von Migranten, Asylanten und Flüchtlingen ernst nimmt, dann geht das nur über eine ganztägige vorschulische
Betreuung und später über Ganztagsschulen."
Sie fordern eine stärkere Selektion bei der Ausbildung des Lehrpersonals. Heißt das, dass es zu viele ungeeignete Lehrkräfte gibt?
Androsch: "Es gibt sehr viele gute und engagierte Lehrkräfte, die man behindert, und es gibt etliche, die trotz ihrer Nichteignung behalten werden. Eine Selektion wie in Finnland, Dänemark, Schweden, Norwegen, Singapur, Kanada oder Neuseeland gibt es bei uns nicht. Das gibt es in keinem anderen Beruf – und das noch mit der geringsten Unterrichtsstundenzahl weltweit, obendrein noch mit den meisten Ferien. Um zu erkennen, dass das nicht funktionieren kann, braucht man kein Bildungswissenschaftler zu sein. Der Hausverstand würde schon genügen."
Sie sehen an unseren Schulen einen Mangel an zeitgemäßen pädagogischen Methoden. Der Frontalunterricht ist nach wie vor stark verbreitet. Wirklich gelernt wird aber mittels Nachhilfe zu Hause, die Schule prüft nur noch das Wissen ab. Ist dieses inoffizielle Externistensystem nicht die Quelle aller Ungleichheit?
Androsch: "Zehn Prozent der Schüler sind in Privatschulen, in Wien sind es sogar zwanzig Prozent. Das sind Ganztagsschulen. Die Wohlhabenden und die besser gestellten Migranten schicken ihre Kinder aus guten Gründen in Privatschulen, und die anderen bleiben zurück. So spalten wir unsere Gesellschaft, und das hat sich während der Pandemie verschlimmert."
In Österreich wurden 2019 an die 101 Millionen Euro für Nachhilfe ausgegeben ...
Androsch: "Das muss man sich einmal vorstellen, das Geld gehört in die Schulen investiert, und zwar in verschränkte Ganztagsschulen. Der Unterricht muss besser aufgeteilt werden: Sechs Stunden in einem Zug mit einem überlasteten Lehrplan kann nicht funktionieren. Die PISA-Studien belegen das zur Genüge."
Schon vor über 100 Jahren beklagte der letzte Finanzminister der Donaumonarchie, Josef Redlich, in seinen Memoiren das Unwesen der Notengebung. Warum hat man es bis heute nicht geschafft, moderne Methoden der Leistungsbeurteilung zu entwickeln?
Androsch: "Die hat man ja entwickelt und gleich wieder abgeschafft."
Mit welcher Begründung?
Androsch: "Fragen Sie den Bildungsminister Faßmann ..."
Welches Menschenbild liegt unserem Bildungssystem zugrunde: zukünftige Funktionäre oder Pioniere in Wirtschaft und Forschung?
Androsch: "Beides darf nicht sein. Jeder soll seinen Talenten und Wünschen entsprechend, auf der Basis einer erträglichen existenziellen Sicherung, die Möglichkeit bekommen, ein selbstbestimmtes Leben zu gestalten. Das muss das humanistische Ziel sein."
„Notebook statt Parteibuch“ war einst ein Slogan der NEOS – wie ist es um die altbekannte Forderung der Entpolitisierung der Schulen bestellt?
Androsch: "Wie jedes gesellschaftliche Thema unterliegt auch das Bildungswesen der Politik, aber es darf kein parteipolitisches Thema werden. Keiner soll Direktor aufgrund einer bestimmten Parteizugehörigkeit werden. Man muss der Lehrerschaft und der Direktion Gestaltungs-
autonomie einräumen, da unterschiedliche Schulen auch verschiedene Bedürfnisse haben. Das Letzte ist wie derzeit, sie mit Bürokratie zu überschütten. Was dabei herauskommt, ist eines der schlechtesten Ergebnisse, die ein entwickeltes Land im Bildungsbereich erzielen kann."
Inmitten dieser Pandemie erleben wir ein interessantes Phänomen: Ein ehemaliges Arbeiterkind aus der Türkei rettet als Forscher Abermillionen Menschen das Leben – ein Beispiel dafür, dass Diversität auch auf allerhöchster Ebene systemrelevant sein kann. Trauen Sie unserem Bildungssystem zu, daraus die richtigen Schlüsse zu ziehen?
Androsch: "Derzeit nein."
21:21 29.03.2021
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