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Da ist sie wieder mit Händen zu greifen, die schleichende Amerikanisierung des öffentlichen Bewusstseins in Deutschland. Die Nachricht, dass einige der reichsten Menschen der Welt, darunter selbstredend die üblichen Verdächtigen wie Bill Gates und Warren Buffet große Teile ihres Vermögens spenden und weitere spendable Milliardäre aufgefordert haben, es ihnen gleichzutun, hat in Deutschland für Schlagezeilen gesorgt und Politiker davon sprechen lassen, dass auch deutsche Milliärdäre sich daran ein Beispiel nehmen sollten.

Die meisten Kommentatoren und auch die Politiker, die das Treiben in Übersee kommentieren, begehen gelich zwei Fehler bei der Einschätzung dieses auf dem ersten Blick spektakulär scheinenden Vorganges: erstens hinsichtlich des Nachrichtenwertes und zweitens hinsichtlich der Nachahmbarkeit für die Bundesrepublik. Das Spenden von großen Beträgen gilt den Reichsten in den USA als eine Möglichkeit zur Erlangung sozialen Kapitals. Es wird von Ihnen seitens der Gesellschaft wie auch seitens der anderen Reichen erwartet und wird von ihnen als dankbares „Payback“ für die Erfüllung des „american dream“ in ihrem Fall verstanden. So nimmt es nicht wunder, dass es in amerikanischstämmigen Betrieben wie etwa „McDonalds“ zum guten Ton gehört als gutverdienender Franchise-Nehmer auch in Deutschland etwas für die hauseigene Stiftung zu spenden. Auch die großzügige Spendenunterstützung der amerikanischen Präsidentenwahlkämpfe zeigt den gedanklichen Konnex von persönlichem Reichtum und der Überzeugung, das eigene Schicksal habe etwas mit der politischen Konstruktion der USA zu tun.

Insofern existiert in den USA also eine Spendenkultur, die aufgrund eines fehlenden (und von den meisten US-Amerikanern auch für Kommunismus gehaltenen) sozialstaatlichen Netzes, die Rolle des „welfare“ übernimmt. Die Haltung der Spender ist sehr oft religiös vulgärcalvinistisch imprägniert nach dem Motto: Ich bin deshalb so reich, weil Gott mich auserwählt hat.

Westeuropa und gerade die Bundesrepublik Deutschland sind allerdings schon seit der frühen Neuzeit einen komplett anderen Weg der staatlichen Entwicklung gegangen. Wohlfahrt ist hierzulande (immer noch) die Aufgabe des Staates und nicht die Aufgabe eines Clubs von Superreichen. Dies sollte auch so bleiben, denn so wie Bill Gates selbst in seiner schon bestehenden Stiftung bestimmt, wie das Geld verteilt wird und diese Steuerung sogar kontraproduktiv werden kann (vgl. de.wikipedia.org/wiki/Bill_%26_Melinda_Gates_Foundation; hier besonders die Nachweise unter dem Punkt „Kritik“), könnten auch die Damen und Herren Milliardäre in Deutschland Einfluss nehmen, der von dem Souverän nicht mehr kontrolliert werden kann. Von dort aus wäre es nur noch ein kleiner Schritt bis zum Mäzenatentum der frühen Neuzeit; dann brächten wir auch keinen Staat mehr und könnten uns gleich wieder durch Dynastien und Clans regieren lassen. Deshalb ist es ein falsches Signal, das nun von deutschen Politikern gefordert wird, dass Deustche, die sich dies leisten können, ähnlich spendabel sein sollen; lohnenswerter und nachhaltiger wäre es, die Vermögensstuer wieder zu reaktivieren, damit wir nicht einmalig extraordinäre Summen bekommen, die direkt vom Mars zu kommen scheinen, sondern uns auf sehr irdische und vom Souverän kontrollierbare sehr irdische Einnahmen für unser aller Wohl verlassen können.

12:15 06.08.2010
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Geschrieben von

Odysseus21

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Odysseus21

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